Liebesglück im Schnelldurchlauf. Ein Brautpaar flaniert turtelnd den Mittelgang der Tübinger Stiftskirche entlang, tauscht Küsse und Zärtlichkeiten aus. Dann plötzlich brechen die Bilder auf der riesigen Leinwand flimmernd ab, wir hören Fliegerlärm, Trümmer stürzen auf die Bühne. Was der Film an technischem Vorsprung hat, das macht Regisseur Christoph Roos clever wett: Das Landestheater Tübingen inszeniert „Die Ehe der Maria Braun“ nach dem Kinohit von Rainer Werner Fassbinder. Und, das gleich vorab, nicht nur der Einstieg mit bewegten Schwarz-Weiß-Bildern ist stark. Bei Fassbinder fallen Bomben aufs Standesamt, während Maria und Hermann heiraten – bei Christoph Roos und Bühnenbildner Peter Scior blickt das Publikum unmittelbar in die Ruinen der Nachkriegszeit.

Es ist dieses Ruinenland, dieser Trümmerhaufen, der sich metaphorisch durch den ganzen Theaterabend zieht. Nicht nur die deutschen Städte liegen in Schutt und Asche nach dem Zweiten Weltkrieg. Zerrüttet ist auch das Seelenleben der Generation Wiederaufbau. Gefühlskalt und innerlich leer sind die Protagonisten, bei Roos fast noch mehr als bei Fassbinder.

Für die vom Glück Betrogenen steht Maria Braun wie keine andere. Ihr Mann Hermann muss unmittelbar nach der Hochzeit an die Front ausrücken und kommt nach 1945 nicht zurück. Anfangs steht Maria noch täglich mit ihrem Suchschild am Bahnhof und wartet auf den Einen. Als ihr ein Heimkehrer – fälschlicherweise – von Hermanns Tod berichtet, stürzt sie sich in eine Affäre mit einem US-Soldaten, der sie auch mit Nylonstrümpfen und Zigaretten versorgt.

Die beiden sind gerade einmal wieder im Bett zugange, da erwischt sie der zurückgekehrte Hermann in flagranti. Beim folgenden Gerangel erschlägt Maria den GI. Die Schuld nimmt Hermann auf sich, er geht für sie ins Gefängnis.

Im Jahr 1978 landete Regie-Workaholic Rainer Werner Fassbinder, das Enfant terrible des neuen deutschen Films, mit „Die Ehe der Maria Braun“ seinen größten kommerziellen Erfolg. Für Hauptdarstellerin Hanna Schygulla, an ihrer Seite spielte Klaus Löwitsch, markierte der Streifen den großen Durchbruch. Er habe einen Film über das Leben seiner Eltern drehen wollen, sagte Fassbinder damals. Über die verlorenen Kinder des Wirtschaftswunders, die das Verdrängen und Funktionieren zur Lebensaufgabe machten.

Siehe die Tübinger LTT-Inszenierung: Während sich die Akteure ans Aufräumen machen – und die Trümmer auf der Bühne immer mehr kleinen Papp-Hochhäusern weichen – tönen 50er-Jahre-Schlager aus dem Off: „Wir werden das Kind schon schaukeln“, „Auf Regen folgt Sonne“ oder „Davon geht die Welt nicht unter“.

Der heimelige Unterton des damaligen Heimatfilms fehlt komplett, und das nicht ohne Grund. Maria Braun, die eigentlich nichts anderes als ein Leben mit ihrem Hermann wollte, geht für eine bessere Zukunft über Leichen.

Es ist nicht allein der Mord an dem amerikanischen Soldaten, den sie auf der Bühne (anders als im Film) mit einer Pistole erschießt. Es ist dieses ganze zweckmäßige Kalkül, mit dem Maria versucht, einen verlorenen Traum zu retten. Dass bei Roos trotz aller Dramatik alles Schrille und Laute fehlt, zählt zu den Stärken der Inszenierung. Das Stück ist über weite Strecken Kammerspiel.

Geradezu maschinenhaft-kalt geht Maria-Darstellerin Lisan Lantin zur Sache, um finanziell aufzusteigen. Ja, den Strumpfabrikanten Karl Oswald (Rolf Kindermann horcht seine Rolle feinsinnig aus) verführt Lantins Maria so blasiert-hochnäsig, dass man sie am liebsten schütteln will. Spätestens jetzt ist jegliche Naivität passé. Eine bedingungslose Liebende, die wartende Ehefrau? Nicht bei Lantin, die gibt längst die Abgeklärtheit in Person.

Ganz im Gegenteil zu Marias Freundin Betty übrigens (Mattea Cavic gefällt gleich in vier Rollen), die lieber Kartoffelsalat anrührt als Karriere zu machen. Doch Maria, die „Mata Hari des Wirtschschaftswunders“, hat am Ende rein gar nichts von ihrem nassforschem Vorwärtskommando. Nachdem Hermann (Daniel Holzberg) entlassen wurde, erfährt sie, dass sie das Heft nie selbst in der Hand hatte. Die Männer haben längst über sie verhandelt. Statt um Romantik geht es am Ende um Abhängigkeit – Maria ist nur Vertragsgegenstand und wird regelrecht verkauft.

Wie Christoph Roos das Drama auflöst, sei hier nicht en détail verraten. Nur so viel: Während Fassbinder offenlässt, ob Maria ihr Eigenheim absichtlich in die Luft sprengt, hat sich die Tübinger Inszenierung entschieden. Auch der Schluss verdient ein  Ausrufezeichen.

Maria Braun: Weitere Termine am LTT


„Die Ehe der Maria Braun“:  Drehbuch von Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich, nach einer Vorlage von Rainer Werner Fassbinder. Mit: Mattea Cavic, Andreas Guglielmetti.

Weitere Vorstellungen: 23. / 28. Februar und 8. / 14. / 23. März am Landestheater Tübingen. Karten unter: (0 70 71) 15 92-49 oder print@home unter landestheater-tuebingen.de.