In der Regel haben Archive von Gemeinden bestimmte Öffnungszeiten. Ein paar Stunden in der Woche oder nach Vereinbarung kann meist Einsicht genommen werden in Bilder und Dokumente früherer Zeiten. Doch in Albershausen gibt es ein besonderes, „geheimes Ortsarchiv“, dessen Öffnungszeiten sich nach ganz anderen Regeln richten. Entsprechend selten wird es – nur alle paar Jahrzehnte – geöffnet.

Die evangelische Kirche Albershausen ist recht gut zu sehen – egal aus welcher Richtung man in die Gemeinde kommt. Halbhoch gelegen an der Albershäuser Kirchstraße mit einem Wetterhahn auf der Spitze des Turms. Direkt unter ihm befindet sich eine goldene Kugel. In ihr befindet sich das sogenannte geheime Ortsarchiv der Gemeinde.

Entsprechend unzugänglich ist es. Das hat Vor- und Nachteile. Der Zugang ist beschwerlich und Einblick wird naturgemäß selten genommen. Er ist nur einem exklusiven Personenkreis vorbehalten. Es lassen sich aber auch Dokumente, Schriften und Hinweise für die Nachwelt unterbringen, die nicht dem Zeitgeist entsprechen, regimekritisch sind, ja für den Verfasser bei zeitnaher Lektüre sogar Lebensgefahr bedeuten würden und damit für spätere Generationen besonders interessant, echt und authentisch sind.

So hatte beispielsweise der Albershäuser Pfarrer des Jahres 1938, Wolfram Gestrich, scharfe Angriffe gegen den Nationalsozialismus in seinen Brief gepackt. „Im Gegensatz zu früheren Dokumenten ist der Brief nur vom Pfarrer – und nicht auch von den Kirchengemeinderäten – unterschrieben. Wäre der Inhalt ans Licht gekommen, so wäre es dem Geistlichen schlecht ergangen“, sagt Erich Hänßler. Der frühere Fotojournalist aus Albershausen war bei der bislang letzten Öffnung im Jahre 1968 zusammen mit dem damaligen Pfarrer Dr. Otto Wilhelm auf der Kirchenspitze zur Öffnung der Kassette und hielt den denkwürdigen Moment mit seiner Kamera fest.

Geöffnet werde es nur, wenn Außenarbeiten am Kirchturm anstünden, erklärt Kirchenpfleger Willy Wittlinger: „Wenn renoviert wird, wird aufgemacht.“ Er ist neben der 1455 erbauten Kirche aufgewachsen und seit knapp 30 Jahren Kirchenpfleger. Im Jahre 1968 hatte eine Reparatur des Kirchendaches angestanden.

Die Kugel, in der sich die Archivalien-Kassette befindet, habe einen Durchmesser von ungefähr 70 Zentimetern, sagt Willy Wittlinger. Vermutlich seien die Archivalien aus Sicherheitsgründen in die Kugel gekommen. Neben Unterlagen befänden sich auch Münzen darin.

Am 1. August 1968 wurde die Kupferkassette letztmals mit neuzeitlichen Aufsätzen ergänzt und zugelötet, erinnert sich Hänßler. Beim ältesten Dokument handle es sich um ein vierseitiges Schreiben des damaligen Pfarrers Kreuser „an die Nachwelt“ aus dem Jahre 1781. Es war nach einem Kirchenbrand gelegt worden.

Durch einen Blitzschlag sei seinerzeit der Kirchturm abgebrannt, die Glocken seien zu Boden geschleudert worden, weiß Kirchenpfleger Wittlinger. Zwei Glocken mussten eingeschmolzen werden, die größere wurde trotz eines Sprungs weiterverwendet.

Bei insgesamt sechs Arbeiten im 18., 19. und 20. Jahrhundert wurde die Kassette geöffnet und mit Dokumenten der jeweiligen Zeit befüllt. Sie erzählen von der Entwicklung Albershausens aber auch von Verhältnissen der Zeit, die über die Ortsgrenzen hinaus interessant sind.

Kirchturm mit zwei Symbolen


Bedeutung Hahn und (Welt-)Kugel sind häufige Symbole auf Kirchen. Je nach geographischer Lage weist der Hahn in unterschiedlichen Gegenden Deutschlands auf eine evangelische oder katholische Kirche hin. In Albershausen gibt es Kugel und Hahn.