Göppingen / Von Annerose Fischer-Bucher Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hielt in der Göppinger Stadthalle vor 1000 Zuhörern ein flammendes Plädoyer für den schwäbischen Dialekt.

Dass Winfried Kretschmann Schwäbisch schätzt und schwätzt, ist bekannt. Dass er von Anfang an – also bereits seit 17 Jahren –  Mitglied des Fördervereins „Schwäbischer Dialekt“ ist, dürfte weniger bekannt sein. Und so war es nicht verwunderlich, dass der Förderverein zusammen mit der Göppinger Kreissparkasse, dessen Vorstandsvorsitzender Dr. Hariolf Teufel auch dort im Vorstand ist, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten zu einem Schwäbischen Abend eingeladen hatte.

Nach kurzen Ansprachen von Landrat Edgar Wolff und Oberbürgermeister Guido Till reihte sich Kretschmann glänzend in die Rednerliste der Dialektkenner ein, zu denen seit 2014 etwa der ehemalige, kürzlich verstorbene Bundesaußenminister Klaus Kinkel, EU-Kommissar Günter Oettinger oder der ehemalige Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner gehörten.

Kretschmann zog die rund 1000 Besucher in der Göppinger Stadthalle am Freitag in seinen Bann, ins Denken und ins Lachen, als er „über den natürlichen Reichtum der Mundart“ sprach. Der Regierungschef erwies sich nicht nur als profunder Kenner von literarischen Zeugnissen großer Dichter wie Goethe, die sich über Dialekte geäußert hatten, er war auch  gut informiert über die gegenwärtige Forschungslage zum Verhältnis von Standardsprache zu Dialekten. Außerdem zeigte er an persönlichen Erfahrungen die positive integrative Wirkung von Dialekt auf ihn selbst als Kind auf, als auch die weniger positive Wirkung auf seine preußische hadernde Oma, die gesagt habe, jetzt lebe sie in Deutschland, aber die Menschen sprächen kein Deutsch.

Und der Landesvater schlüpfte in die Rolle des Märchenerzählers, der seinem Enkel aus dem Kinderbuch „Der Grüffelo“ in Standarddeutsch vorgelesen hat und dies auch für das Publikum in der Stadthalle tat. Der Clou: Kretschmann hatte das Buch auch in schwäbischer Übertragung mitgebracht und brachte die Zuhörer mit dieser Version zum Lachen, als etwa der Fuchs zur Maus sagt: „Komm mit en mein Bau, do gibt’s Lensa mit Spätzla (Linsen mit Spätzle).“

Nicht nur an diesem Beispiel erläuterte Kretschmann den Unterschied zwischen Schwäbisch und Standard: „Dialekt ist der Resonanzboden für gemeinsame Emotionen.“ So enthalte der Dialekt verschlüsselte Botschaften (etwa die kleine gnitze Maus) und hohles Pathos gelinge mit dem Schwäbischen nicht.

An vielen Beispielen zeigte er die Kennzeichen der Mundart. Sie stehe für Vielfalt und Diversität, sie sei ein Reservoir der Herkunft, eine mobile Heimat und als zentraler Lokalitätsanker ein Gegenentwurf zu einer unübersichtlichen globalisierten Welt. Die Mundart erweitere unsere Möglichkeiten und mache durch die Zweisprachigkeit mit der Standardsprache schlau.

Die Landesregierung wolle sich deswegen noch mehr um die Erforschung der Mundarten an den Universitäten kümmern und habe dazu verschiedene Aktionen mit Experten gestartet. Der Ministerpräsident bot zwischen den sprachwissenschaftlich-soziologischen Betrachtungen viele vergnügliche Anhörungsbeispiele des Schwäbischen für dessen Paradoxien (Liabr a  Laus ufm Deller  als gar koi Floisch), für dialektische Purzelbäume (kommet, mir ganget), für das Trösten bei Schicksalsschlägen durch Diminutiv (Schlägle anstatt Schlaganfall) oder durch Flüche oder Beschimpfungen, die derart überzeichnen, dass sie keine Beleidigung mehr seien (Allmachtsdackel und Halbdackel).

Sprechen und Handeln gehören für Kretschmann zusammen und er betonte, wie wichtig es sei, miteinander zu reden. Dialekt sei die gemeinschaftsbezogene Form der Kommunikation, die man pflegen müsse. Er wandte sich gegen eine Abwertung von Dialekten gegenüber der Standardsprache und forderte die Zuhörer auf, selbstbewusst ihre Sprache zu sprechen, bevor er mit einem hintersinnigen Gedicht über „Heimat“ endete. Nach einem vergnüglichen Lied über die Warteschleife am Telefon der Kreissparkasse, das Hans-Ulrich Pohl zusammen mit Manfred Bomm gemacht hatte und mit Gitarre präsentierte, wurden die Zuhörer zum Vesper –  Schwäbische Pizza und Gruibinger Brunnenbier  – ins Foyer der Stadthalle entlassen.

Info Förderverein „Schwäbischer Dialekt“ möchte den Dialekt erhalten und seine Verwendung in den unterschiedlichsten Bereichen fördern. Mehr Infos auf www.schwaebischer-dialekt.de

In der Stadthalle Schwäbischer Abend mit Winfried Kretschmann!