Kreis Göppingen / Sabine Ackermann  Uhr
In der Hochsaison der Heuernte fallen im Kreis jährlich Hunderte von Rehkitzen dem Mähbalken zum Opfer. Nun soll eine Drohne mit Wärmebildkamera die Tiere aufspüren.

Im Mai und Juni, der Hauptsetzzeit beim Rehwild, lebt der Nachwuchs gefährlich: Bauern übersehen die Tiere, während sie ihre Wiesen mähen.

Die Geburt der Rehkitze erfolgt meist im hohen „sicheren“ Gras. Da die Mutter ihren Nachwuchs nur zum Säugen aufsucht, verbringt das Rehkitz die ersten Lebenswochen oft alleine in seinem Versteck. Ängstlich auf den Boden gedrückt, kann es so vom Landwirt leicht übersehen werden, wenn er seine Wiese mäht. Obwohl die etwa ein bis zwei Kilogramm schweren Tiere mit den weißen „Bambi-Flecken“ am Rücken bereits kurz nach der Geburt laufen können, haben sie in den ersten Lebenswochen keinen Fluchtinstinkt. „Bei drohender Gefahr duckt sich das Rehkitz so tief wie möglich auf den Boden – man spricht hier vom ‚Drückinstinkt’“, erklärt Karl Göbel das Verhalten der Jungtiere. So sind sie für ihre natürlichen Feinde nahezu unsichtbar – für die Bauern auf ihren Mähmaschinen allerdings auch, sagt der Jäger und Wildspezialist aus Bartenbach. Das Schlimme daran: Die Rehkitze geraten bei der Mahd in die großen Mähwerke und werden dabei grauenvoll getötet oder schwer verstümmelt.

Sie im hohen Gras zu suchen ist fußläufig ein sehr aufwändiges und schwieriges Unterfangen, da sie voller Vertrauen in ihrer Deckung liegen bleiben. Darüber hinaus entwickeln die Jungtiere in den ersten Tagen keinen Körpergeruch, können so von den Suchhunden nicht gewittert werden. „Jäger erlegen nachhaltig Tiere – aber sie schützen sie auch“, betont Karl Göbel und wünscht sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Jagdgesellschaft. „Nur so kann man viel Leid verhindern.“

Warme Tiere auf kaltem Boden

Göbel selber setzt auf die moderne Flugtechnik, genauer gesagt, eine Drohne mit Wärmebildkamera. Diese „Technik-Hornisse“ wird mittlerweile in Deutschland immer öfter bei der Rettung der Kitze eingesetzt.

„Um Rehkitze vor dem sicheren Tod durch Mähwerke und Vermähung zu retten, braucht es im Grunde nicht viel“, sagt Hans-Jörg Andonovic-Wagner. Weiß man, wo sich die Tiere befinden, wird ein erfahrenes Team zum Rehkitz navigiert, um es schnell und sicher aus dem hohen Gras zu bergen. Ein Pilot muss die Drohne im Auge haben, ein zweiter Mitarbeiter hat das Tablet im Blick. In einem Radius von 300 Metern sucht das Technikwunder in etwa 70 bis 80 Metern Höhe die Wiesenfläche ab, die zuvor in kleine Areale eingeteilt wurde.

Wiesen werden mit 4K-Kamera abgeflogen

„Schon vor Saisonbeginn beginnt die Vorbereitung, indem die Wiesen einmal in Ruhe mit einer herkömmlichen 4K-Kamera abgeflogen werden“, berichtet Andonovic-Wagner, der seine Firma „wildflug.eu“ 2013 ins Leben gerufen hat. Dabei werden bei gutem Tageslicht Wegpunkte gespeichert, die im Einsatz beim Morgengrauen nahezu vollautomatisch abgeflogen werden. Ein Kameraoperator beobachtet dabei das Display und meldet jede Wärmequelle per Funk an ein sogenanntes Fänger-Team. Die erfahrenen Sammler werden direkt an die jeweilige Stelle navigiert. Und die Bambi-Retter wissen ganz genau, dass man die Rehkitze ausschließlich mit Handschuhen oder großen Grasbüscheln anfassen soll, um sie sicher aus der Gefahrenzone zu bringen. „Bei Körperkontakt würden die Jungtiere den menschlichen Geruch annehmen und von der Mutter verstoßen werden“, betont Hans-Jörg Andonovic-Wagner.

Es ist keine schöne Angelegenheit, wenn das Mähwerk ein Kitz erwischt. Fliegen mehrere Raben über eine Stelle, wissen Landwirt wie Jäger was Sache ist. Auch angesichts der Botulismus-Bakterien, deren widerstandsfähigen Sporen eine bedrohliche Lebensmittelvergiftung hervorrufen können, kommen natürlich im Boden vor. Sie gedeihen prächtig auf abgestorbenem, eiweißreichem Material wie auf Tierkadavern. Deshalb ist die schnelle Benachrichtigung bei der Sichtung eines lebenden oder toten Rehkitzes genauso wichtig, wie die zeitnahe Ankündigung des Mäh-Termins. Nur so kann die Drohne, bevor die Maschinen über Wiesen und Felder rollen, nach einer kurzen Vorbereitung flexibel und zuverlässig geflogen werden.

Spenden finanzieren die Wildtier-Rettung

Die aktuell eingesetzte Drohne inklusive Wärmebildkamera wurde mit Spendengeldern finanziert und kann somit für den nicht kommerziellen Einsatz bei der Rettung eingesetzt werden. Ohne Spenden kann die Drohne für über 10 000 Euro nicht finanziert werden. Mit weiteren Spenden werden die Helfer verpflegt, Spritgeld und Einsatzmittel bezuschusst. Die Rest-Kosten übernehmen der jeweilige Jagdpächter und der Wiesenbesitzer.