Eislingen / Dirk Hülser  Uhr
Vor zehn Jahren tötete ein Eislinger Teenager gemeinsam mit einem Freund seine Eltern und Schwestern. Einer der Täter hat seine Strafe mittlerweile verbüßt.

Rudi Bauer muss keine Sekunde nachdenken. Auf die Frage, ob er wisse, was sich am 9. April zum zehnten Mal jähre, sagt der frühere Göppinger Polizeisprecher: „Es gibt Dinge, die vergisst man als Polizist nicht. Zumal das der größte Kriminalfall in der Nachkriegsgeschichte im Kreis Göppingen war, der Fall, der die Menschen am meisten bewegt hat.“ Das Verbrechen schlug seinerzeit bundesweit so große Wellen, dass der Begriff „Vierfachmord“ heute automatisch mit Eislingen in Verbindung gebracht wird, es gibt etliche Fernsehdokumentationen über die Tat, die auch einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat.

Teenager erschießt Schwestern und Eltern in Eislingen

Am Abend des Gründonnerstag im Jahr 2009 erschossen der damals 18-jährige Sohn der Familie H. und sein ein Jahr älterer Freund die 22 und 24 Jahre alten Schwestern des 18-Jährigen. Anschließend gingen sie in eine Kneipe in der 20 000-Einwohner-Stadt, trafen sich dort mit den Eltern H. Sie kehrten in die Wohnung der Familie zurück und warteten dort auf die Heimkehr des Ehepaars. Schließlich erschossen die Freunde auch die 55 und 57 Jahre alten Eltern.

Der Vierfachmord von Eislingen soll verfilmt werden. Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt will sich des Stoffes annehmen. Beraten wird er vom Anwalt Hartmut Lierow, der im Prozess die Nebenklage vertreten hat.

Am Karfreitag rief der Sohn die Polizei. Er habe Eltern und Schwestern tot in der Wohnung gefunden. „Dann gingen halt die Gerüchte los, wer als Täter in Frage kommt“, erinnert sich Günther Frank, der damals Bürgermeister von Eislingen war. „Als es dann klar war, herrschte bei den Leuten blankes Entsetzen.“

Mord Zehn Jahre nach dem Vierfachmord in Eislingen

Frank kannte beide Familien, die ausgelöschte, aber auch die des zweiten Täters. „Es trifft einen besonders bei so alteingesessenen Familien“, sagt er. Der 18-Jährige war bei DLRG und CVJM aktiv, hielt Vorträge über seine 650-Kilometer-Wanderung auf dem Jakobsweg. Die Eltern waren Aktivposten in der evangelischen Kirchengemeinde, der Vater Schatzmeister der örtlichen CDU. Die Freunde waren aber noch in einem weiteren Verein: bei den Schützen.

Schüsse in Eislingen „waren regelrechte Hinrichtungen“

Bei einem Einbruch in ihr eigenes Vereinsheim im Oktober 2008  hatten sie 19 Pistolen und Gewehre gestohlen, versteckt und aufbewahrt – bis zum 9. April 2009. 30 Mal wurde in dem Haus an der Friedhofstraße gefeuert, stellten die Ermittler später fest. Es waren regelrechte Hinrichtungen. „Das war schon starker Tobak damals, auch für die Ermittler“, sagt Rudi Bauer.

Bereits am Ende der darauffolgenden Woche war der Fall gelöst: Am 17. April gaben Polizei und Staatsanwaltschaft bekannt, dass die zwei Teenager für die Morde verantwortlich seien. Vor der 6. Großen Jugendkammer am Landgericht Ulm begann am 12. Oktober 2009 der Prozess gegen die jungen Männer. Unklar war, wer eigentlich geschossen hatte – bis schließlich der 19-jährige gestand, die Familie des 18-Jährigen alleine getötet zu haben. Bis heute gibt es erhebliche und begründete Zweifel an dieser Version. Für den Vorsitzenden Richter Gerd Gugenhan ist das unerheblich: „Das ist für uns im Grunde juristisch völlig egal.“

Er und seine Kollegen in der Kammer werden diesen Fall nie vergessen. „Das war sicher ein Prozess, der aus den üblichen Schwurgerichtsfällen heraus­sticht“, sagt Gugenhan. „Es gibt immer wieder Situationen, wo man auf diesen Prozess zu sprechen kommt.“ Die Person des angeklagten Sohnes der Familie „hob sich schon vor der Tat aus der Masse heraus“. Gugenhan meint: „Er war damals wer in Eislingen, den man kennt, alle Mädchen haben für ihn geschwärmt.“

Vierfachmord in Eislingen

Genützt hat es dem jungen Mann nichts. Er wurde trotz seines Alters am 31. März 2010 nach Erwachsenenstrafrecht zur höchsten Strafe verurteilt, die bis dahin jemals ein Heranwachsender in Deutschland bekommen hatte: lebenslang, besondere Schwere der Schuld und die Option auf Sicherungsverwahrung. In drei Jahren könnten Gutachter erstmals prüfen, ob der Eislinger nach 15 Jahren dennoch entlassen werden kann. Anders erging es seinem älteren Freund: Er bekam die Höchststrafe nach Jugendstrafrecht, zehn Jahre,  und ist wieder auf freiem Fuß.

Bleibt bis heute die Frage nach dem Warum. Gugenhan glaubt: „Im Grunde ging es darum, einen vorzeitigen Erbfall herbeizuführen.“ So stand es auch in der Urteilsbegründung, es soll ums Geld der vermögenden Familie gegangen sein. Dennoch: Im Prozess blieben einige Fragen offen. Was auch immer das Motiv war, für Rudi Bauer ist und bleibt der  Vierfachmord ein Jahrhundertfall: „Das hallt bis heute nach.“

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Das Verfahren beschäftigte auch das Bundesverfassungsgericht

Medieninteresse: Gerd Gugenhan war beim Prozess um den Eislinger Vierfachmord Vorsitzender Richter der 6. Großen Jugendkammer am Landgericht Ulm, er ist es auch heute noch. „Das Medieninteresse war riesig“, erinnert er sich an das 20-tägige Verfahren, das am 12. Oktober 2009 begann.

Losentscheid: Nur neun Journalisten waren vom Gericht per Los ermittelt worden, um den Prozess zu beobachten. Das hatte Gugenhan verfügt. Denn eigentlich sind Prozesse gegen Angeklagte, die zur Tatzeit minderjährig waren (was bei einigen der verhandelten Taten der Fall war), nichtöffentlich. Allerdings war in diesem Fall das öffentliche Interesse so groß, dass sich die Kammer für diesen ungewöhnlichen Weg entschied. Unter den Prozessbeobachtern waren Gisela Friedrichsen vom Spiegel und Dirk Hülser von der SÜDWEST PRESSE.

Beschwerden: Mehrere Medienhäuser zogen bis vors Bundesverfassungsgericht, um ebenfalls Zugang zum Gerichtssaal zu erhalten. Doch alle Beschwerden gegen Gugenhans Verfügung wurden abgewiesen. Wie viele Berichterstatter angemessen sind, lag nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts im Ermessen des Vorsitzenden Richters. eb