„Es hat sich langsam eingeschlichen“, sagt Heike Riek über das nervtötende Geräusch, dass ihr das Abschalten und Schlafen zeitweise schwer macht. Seit 14 Jahren lebt sie mit ihrem Mann bereits in Eschenbach. Bevor Sie in das Fertighaus gezogen sind, habe sie das Brummen nicht gekannt. Nicht ständig, aber immer wieder drängte sich der Ton seit dem Einzug ins Bewusstsein. Besonders laut sei es nicht, ein Lastwagen sei vergleichsweise deutlich lauter. Aber der Ton gehe an die Nerven, weil er permanent da ist und sich, einmal im Ohr, nicht ignorieren lässt. Besonders nachts, wenn die Umgebungsgeräusche verschwinden, dann dränge sich das tiefe Brummen so stark ins Bewusstsein, dass an Schlaf phasenweise nicht zu denken war. Selbst mit Kopfhörern und Musik könne Sie den Ton im Kopf noch wahrnehmen – aber immer nur im Gebäude. Draußen, oder weit weg im Urlaub ist das Geräusch nicht zu hören. Erst in den eigenen vier Wänden kehrt es wieder zurück. Phasenweise ist es ganz weg, oder nur leise, dann wieder stärker.

Einen Tinnitus schließt die Eschenbacherin als Ursache für ihren Brummton aus. „Mein Mann und ich tauchen im Urlaub gerne in Höhlen in Mexiko. Durch den Druckausgleich bekomme ich sporadisch schon mal für kurze Zeit einen Tinnitus“, berichtet die 53-Jährige. Das sei aber nicht vergleichbar. Mit ihrem Gehör sei alles in Ordnung, für die Tauch-Tauglichkeitsprüfung müsse sie regelmäßig zum Hörtest.

Brummton auch Thema auf Facebook

Allein ist Heike Riek mit dieser Wahrnehmung nicht. Auch ein Nachbar höre seit Jahren ein Brummen in Eschenbach. Rieks Mann konnte das mysteriöse Geräusch dieses Jahr zum ersten Mal Anfang Januar wahrnehmen. Rund eine Woche raubte ihm das Brummen den Schlaf. In dem Zeitraum schrieben gleich mehrere User aus dem Landkreis in einer Facebook-Gruppe, dass sie nachts ein störendes Geräusch wach hielt: „Ich höre ein dumpfes Summen das wellenartig kommt und öfter stärker , manchmal auch schwächer wird (…). Ich bekomme jeden Abend Kopfschmerzen und kann bei diesen Tönen (…) nicht schlafen“, schrieb dort ein Mann. Er bekam Antworten aus Rechberghausen, Wangen und Wiesensteig, wo das Brummen auch zeitweise zu hören war.

Das Geräusch erinnerte die Betroffenen an eine laute Pumpe. Das bestätigt auch Heike Riek. Sie kennt diese regelmäßigen Schwingungen von ihrem Arbeitsplatz eines technischen Betriebs von Beschichtungsanlagen. Über ihrem Büro verlaufen die Pumpen der Beschichtungstechnik, die Flüssigkeit transportieren und bei einer falschen Einstellung ein ähnliches Brummen erzeugen. Sie vergleicht das Geräusch auch mit einer Aquariumpumpe.

Etwas später im Januar hörte es auch Rieks Mutter in ihrem Haus in Dürnau. Auch Heike Riek konnte es dort hören. Die Ursache hat sie aber bis heute nicht orten können. In ihrem Haus in Eschenbach hat sie mit ihrem Mann alle möglichen Geräuschquellen wie etwa die Pelletsheizung oder einen alten Kühlschrank, ausschließen können. Das Paar stellte den Strom und damit die gesamte Haustechnik ab sowie die Mobilfunkgeräte und das WLan – das Geräusch blieb.

Wenige Menschen hören das Brummen

Ein Massenphänomen scheint das Brummen nicht zu sein. Im Eschenbacher Rathaus etwa gingen dieses Jahr keine Beschwerden ein, sagt Bürgermeister Thomas Schubert auf Nachfrage. Auch der Stadt Göppingen sind in diesem und vergangenen Jahren keine Beschwerden gemeldet worden. Aber dem Umweltschutzamt im Landratsamt ist das Brummton-Phänomen bekannt: Es beschweren sich immer wieder Bürger über einen Brummton, der nicht lokalisiert werden kann und den andere Personen nicht hören. Für die Umweltbehörden ist es daher in der Regel nicht möglich, Abhilfe zu schaffen, erklärt die Sprecherin auf Anfrage. Auch dieses Jahr gab es bereits eine Beschwerde bezüglich des Brummtons. Allerdings konnte das Umweltschutzamt auch in dem Fall nichts feststellen.

Auch unsere Redaktion erreichen immer wieder Hinweise auf das Brummen. Mimi R. aus Göppingen etwa hörte am 5. März um halb zwei Nachts ein lautes Brummen, welches sie nicht zuordnen konnte. „Es wurde immer lauter und hörte sich an, als ob Flugzeuge im Anmarsch wären oder ein Erdbeben stattfindet“, schrieb ihr Sohn unserer Redaktion. Als es nach 20 Minuten noch nicht aufhörte, rief er die Polizei an, allerdings verklang das Geräusch bis zum Eintreffen der Beamten wieder.

Rentnerin leidet unter Schlafstörungen

Besonders schlimm litt die 82-Jährige Göppingerin Waltraud K., die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung nennen möchte, seit März 2015 unter einem plötzlichen Brummen. Sie wohnt mit ihrem Mann seit 42 Jahren in den Hochhäusern nahe der Klinik am Eichert und hat das Geräusch vorher im Haus noch nie gehört. Erst als die Fassaden und Balkone des Hochhauses saniert wurden, und Gerüste aufgestellt wurden, bemerkte die Seniorin in ihrer Wohnung im sechsten Stock nachts das unbekannte Geräusch. Das Brummen habe ihr monatelang den Schlaf geraubt, trotz Ohrstöpsel. Das Vibrieren im Kopf ließ sich zwar mit Hilfe des Radios oder Fernsehers übertönen, ohne Schlafmittel fand sie aber keine Ruhe, berichtet sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich bin in der Nacht durch die Wohnung gelaufen, habe überall gehorcht“, beschreibt die 82-Jährige ihre Tortur. Sie lief auch in die anderen Stockwerke, lauschte in den Fluren und an Wohnungstüren, ob sie irgendwo im Haus eine Quelle finden konnte. Doch selbst in der Tiefgarage nahm sie das Geräusch noch wahr. Sobald sie das Haus verließ, herrschte Ruhe. Beim Einkaufen, bei Ausflügen oder im Urlaub hört sie das Brummen nicht. Daher lag die Vermutung nahe, dass die Quelle im Haus liegen muss. Doch kein Nachbar meldete sich auf einen Aushang der Seniorin, ob noch jemand etwas höre.

Auf Nachfrage bei der Hausverwaltung, der Kreisbaugesellschaft Filstal, wurde dem Ehepaar mitgeteilt, dass an der Strom- und Kommunikationstechnik sowie der Lüftungsanlagen und Heiztechnik nichts verändert wurde und dass die Sanierungsarbeiten am Gebäude wohl als Ursache für das Brummen ausscheiden. Weder der Hausmeister noch ein Heizungstechniker konnten das Geräusch in der Wohnung des Ehepaars hören. Eine Überprüfung der Thermostate in der Wohnung brachte nichts.

Brummton ist nervliche Belastung

Auch Angehörige konnten dem Ton nicht auf den Grund gehen. Waltraud K. fühlte sich hilflos und allein mit ihrem Problem. Sie zweifelte an sich, doch ein Hörtest und andere medizinische und psychologische Untersuchungen ergaben nichts. „Ich stand nachts schon auf dem Balkon und wollte springen“, erzählt sie. „Ich hatte das Gefühl, keiner glaubt mir und die Leute halten mich für verrückt“, sagt die Rentnerin. Als die Gerüste am Hochhaus entfernt und die Bauarbeiten an der Fassade beendet waren, blieb das Geräusch und die Hoffnung auf Erlösung zerplatzte.

Messungen äußerst schwierig

Schließlich beauftragte das Paar auf eigene Rechnung den Bauphysiker Jürgen Paech aus Jebenhausen mit einer Messung und Suche nach dem Geräusch. Doch außer Waltraud K. hörte weder der Experte noch der Sohn mit Schwiegertochter das beschriebene Geräusch. Selbst als der Strom in der Wohnung abgeschaltet war und die 82-Jährige das Geräusch wahrnahm, hörten die anderen nichts. „Wenn ich es selber nicht höre, dann kann ich es auch nicht einordnen und bewerten“, erklärt Paech. Dann zeichne das Mikrofon zwar irgend etwas auf, die Daten geben aber keinen Aufschluss über die Quelle.

Körperschall in Gebäuden

Gebäude etwa können Schwingungen aus dem Boden, deren Quelle sehr weit entfernt liegen, in den Wänden übertragen. Dieser Körperschall sei dann für manche Menschen eher über die Schädelknochen als über das Ohr wahrnehmbar. Je leiser es abends wird, desto mehr nimmt das menschliche Ohr wahr. „Wenn der Betroffene die Ursache besonders eines impulsartigen Geräusches nicht kennt, dann reagiere der Körper mit einer Art Fluchtreflex, was dann zu Unruhe und Stress führen kann“, erklärt Paech.

Tunnelbohrer im Verdacht

Als mögliche Ursache für das Brummen im Landkreis Göppingen vermuteten Heike Riek aus Eschenbach und andere zwischenzeitlich die große Tunnelbohrmaschine von der ICE-Neubaustrecke. Mit einem Bohrkopf von mehr als elf Meter Durchmesser, einer Gesamtlänge von 110 Meter und einem Gewicht von 2500 Tonnen fraß sich die Tunnelbohrmaschine Käthchen seit April 2015 in einer Tiefe von etwa 200 Meter durch die schwäbische Alb, um die zwei Röhren des Boßlertunnels zu graben, in denen später einmal die Züge zwischen Stuttgart und Ulm fahren werden. Ein Bohrer dieser Größe sei eine mögliche Ursache für Schwingungen, die sich im Boden über weite Strecken auf Gebäude übertragen, erklärte auch Bauphysiker Jürgen Paech.

Ein Pressesprecher der Bahn hielt den Bohrer auf Nachfrage hingegen als Ursache für das beschriebene Brummen für unwahrscheinlich, weil die Maschine im 24-Stunden-Betrieb lief und das Geräusch dann immer hörbar sein müsste, ohne zwischendurch zu verschwinden. Für Wartungsarbeiten stand der Bohrer nur alle paar Wochen lediglich für ein paar Stunden, nicht aber Tage still.

Mit dem Tunneldurchstich am Buch bei Aichelberg Anfang Juni, als Käthchen mit der zweiten Bahnröhre fertig wurde, zerschlugen sich für die Betroffenen die Hoffnung auf ein Ende des Brummens. Sowohl Heike Riek, als auch die 82-Jährige Göppingerin hörten das Brummen weiterhin. Zwar leiser und nicht mehr so oft, aber es verschwand nicht ganz. Anfang November wurde es für Riek zwischenzeitlich wieder sehr laut.

Es brummt im ganzen Land

Das Brummton-Phänomen ist keineswegs neu oder regional begrenzt: Seit 1999 wurde in Tageszeitungen zunächst in Baden-Württemberg, später auch in anderen Bundesländern berichtet. Das tiefe Summen oder Vibrieren löste den Berichten zur Folge bei den Betroffenen Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Herzrasen, Bluthochdruck, Schweißausbrüche oder sogar Kribbeln in den Beinen aus.

Im Jahr 2001 gingen im Stuttgarter Umweltministerium aus verschiedenen Teilen des Landes hunderte von Beschwerden ein. Das Ministerium vermutete den Ton im Frequenzbereich unter 20 Hertz. Einen solchen tieffrequenten Ton können nur Menschen mit einem empfindlichen Gehör wahrnehmen. Schallmessungen der Stuttgarter Gewerbeaufsicht blieben ohne Ergebnis.

Umfangreiche Messungen

Dennoch wurden die Beschwerden der Betroffenen ernst genommen, das Landesumweltamt beauftragte die Karlsruher Landesanstalt für Umweltschutz (LfU), die in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Tübingen in ausgewählten Haushalten Untersuchungen und Messungen des Phänomens vornahmen.

Am Ende konnte laut Bericht im Jahr 2002 (siehe unten Anhang zum Download) die Ursache des Phänomens nicht geklärt werden, es ließ sich technisch und therapeutisch nicht ausschalten. Psychologische Betreuung einschließlich eines speziellen Trainings wurde von den Hals-Nasen-Ohren (HNO) Experten empfohlen. Ähnlich wie in der Tinnitus-Therapie sollten Betroffene lernen, das Geräusch im Gehirn auszublenden. Etwa durch laute Musik oder andere akustische Ablenkung.

Suche in Leinfelden-Echterdingen

Verschwunden ist das Brummton-Phänomen in der Region indes nicht. In Leinfelden-Echterdingen etwa wurde im Jahr 2014 die erste Beschwerde über ein Brummtongeräusch laut. Seitdem hat die Stadtverwaltung und vor allem die erste Bürgermeisterin Eva Noller zahlreiche Anstrengungen unternommen, um eine mögliche Ursache zu finden. Dazu wurden auch verschiedene Messungen vorgenommen.

Das Ergebnis war laut Anfrage unserer Redaktion, dass keine Überschreitung der einschlägigen Regelwerke vorlag. Nichtsdestotrotz wurde weiterhin versucht, eine gemeinsame Brummton-Quelle ausfindig zu machen. Zahlreiche potenzielle Ursachen konnten so ausgeschlossen werden, wie Sendeanlagen für Telekommunikation, Schallübertragung durch Wasserleitung, hydrogeologische Vorgänge und andere. Im Jahr 2015 wurde laut Stadtverwaltung ein Fachmann der Universität Wuppertal zu Rate gezogen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Detlef Krahé wurden in Leinfelden-Echterdingen weitere mögliche Quellen wie Gasverdichterstationen, Starkstromleitungen, Biogasanlage ausgeschlossen.

Messungen bei Betroffenen

Ende 2017 erhielten die Betroffenen von Krahé ein Handaufnahmegerät und sollten in ihren Wohn- und Schlafräumen Aufnahmen tätigen sowie ihr subjektives Empfinden dabei beschreiben. Die Stadtverwaltung hatte sich erhofft, dass dabei zeitliche Überschneidungen der Brummton-Aufnahmen und gleichartige Spektrogramme einen Aufschluss über eine gemeinsame Quelle geben werden. „Aufgrund der zeitlichen Streuung der Aufnahmen und der unterschiedlichen Spektrogramme ist eine gemeinsame Brummton-Quelle bei den Betroffenen in Leinfelden-Echterdingen allerdings auszuschließen“, erklärte die Stadtverwaltung abschließend. Bei mindestens einem Betroffenen wurde die Ursache direkt im Wohnhaus vermutet. Zudem lasse sich lediglich bei einem Betroffenen möglicherweise eine grenzwertige Lärmsituation erkennen.

Ursache bei manchen gefunden

Aus diesen Gründen musste die Ursachenforschung der Stadt vorerst eingestellt werden. Einige Betroffene haben aber signalisiert, dass sie nun private Messungen beauftragen wollen. Seit Beginn der Nachforschung konnte aber bei einigen Betroffenen die Ursache gefunden werden, betont die Stadtverwaltung. Teilweise lag die Brummton-Quelle direkt im Wohnhaus, bei einigen wenigen Betroffenen waren die Beschwerden auf gesundheitliche Ursachen, wie beispielsweise Tinnitus, zurückzuführen.

Wer hört den Brummton


Hören Sie auch den beschriebenen Brummton? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen und wie Sie damit umgehen an nwz-online@swp.de.