Zell / Jürgen Schäfer Nach dem Bürgerentscheid in Zell: Befürworter der Sportplatzerweiterung wollen eine Aussprache und gemeinsam etwas draus machen.

„Wir haben den Kampf gegen die Windmühlen gewonnen.“ So freute sich Gemeinderat Kurt Ulmer am Sonntagabend über das denkbar knappe Ergebnis des Bürgerentscheids. Dass der TSG Zell und die Befürworter im Gemeinderat  gegen Windmühlen kämpften, denkt er schon seit Herbst.  „Wir waren immer in der Defensive“, sagt Ulmer. Wobei das „wir“ heißt: der TSG Zell. Die zuletzt vier Gemeinderäte, die dafür waren, seien gar nicht in Erscheinung getreten. Wie es begann: Noch bevor der Verein loslegte mit seiner Unterschriftensammlung für ein Bürgerbegehren, hatten die Gegner schon Flugblätter im Dorf verteilt, auf denen sie vor dem Flächenverbrauch und Risiken warnten, die mit einem Stadionbau verbunden seien. „Nicht die feine englische Art“, nannte das der Vereinsvorsitzende Dierk Kubert.

1146 Unterschriften gesammelt

Das schien zu verpuffen. Der TSG sammelte 1146 gültige Unterschriften. Aber dann drehten die Gegner auf.  Mit großen Plakaten wie bei einem Wahlkampf.  „Nein zum Mammutprojekt“ stand da auf der Visualisierung des geplanten Stadions. Die Bildrechte daran hatten sie nicht, sagt Kubert. Aber der TSG und die Strabag, die das Gelände auffüllen  würde und auch den Sportplatz bauen, wenn sie zum Zug käme, ließen es laufen. Es zeige ja auch „unser schönes Stadion“, fand Kubert. Der TSG konterte mit einem Plakat, das für die „Sportplatzerweiterung“ warb – ohne das Wort Stadion.

Dann die Luftballon-Aktion der Gegner. Ihr Sprecher Hans-Ulrich Lay glaubt, dass mit den Luftballonen, die an einem Samstag bis zu elfeinhalb Meter über dem Hang schwebten, manchem Zeller die Augen geöffnet wurden, wie riesig die Auffüllung der Landschaft herauskommen würde. Überzeugungsarbeit hätten sie geleistet, sagt Lay. Ulmer sagt dagegen: „Ich kenne einige Leute, die umgepolt wurden.“

Ein Mega-Argument beim Wähler waren offenbar die Warnungen der Gegner vor Umweltgefahren. Vor Blei, Arsen, Quecksilber, Cadmium etcetera, das im Auffüllmaterial enthalten sein darf. Tobias Schmid, Gemeinderat und alter TSG-ler, ärgert sich:  „Man reitet ständig auf dem Material herum“, das doch vom Landratsamt zugewiesen sei. Über dies und anderes, was „in weiten Teilen nicht haltbar“ sei, müsse gesprochen werden. „Das ist hier keine Giftmülldeponie und kein Atomkraftwerk.“

Aufregung kurz vor dem Wahltag

Schmid verweist auf die Erddeponie von Zell, die gleich gegenüber des Zeller Bergs liegt. „Dort liegen 800 000 Kubikmeter oder eine Million“ – viel mehr als die 150 000 Kubikmeter, um die es beim Stadion geht. Habe dazu jemals einer was gesagt? fragt Schmid. Ob es dieselbe Bodenklasse „Z2“ ist, die jetzt am Zeller Berg zum Kampfbegriff wurde – Bürgermeister Link denkt, dass es so sein muss. „In nahezu jeder Baugrube in Zell stößt man auf Ölschiefer, das ist Z 2.“ Aber auch in der strengeren Bodenklasse Z 0 wären Blei, Arsen, Cadmium nicht gänzlich verbannt.

Aufregung dann kurz vor dem Wahltag. Einer der Gegner wollte im Mitteilungsblatt mit fachlichem Hintergrund vor Gesundheitsgefährdung durch Blei etcetera warnen. Bürgermeister Werner Link verwehrte es ihm. Das entspreche nicht den Veröffentlichungsrichtlinien. Daraufhin kursierte das Statement  als Flugblatt und im Internet, die Verfasser warfen dem Schultes gleich noch einen Eingriff in die Meinungsfreiheit vor. Dazu Link: „Ich will nicht nachkarten. Aber ich sehe das in der Sprache der Fußballer als Foul.“

Knatsch gab es auch sonst. Im letzten Mitteilungsblatt vor der Wahl warb die E-Jugend des TSG Zell „für die einmalige Chance, das Sportgelände auf dem Zeller Berg noch attraktiver und schöner zu machen, für alle aktuellen und zukünftigen Jugendmannschaften“. Das sei völlig in Ordnung, sagt Link. Ein Verein dürfe das. Umgekehrt verwehrte er einem Gemeinderat ein Gegenstatement. Vor Wahlen sei dies nicht erlaubt.

Tobias Schmid will von der Defensive zum Dialog kommen, um „gemeinsam etwas daraus zu machen“. Es könne ja nicht sein, dass man am Stadionbau kein gutes „Härle“ lasse. Alles werde negativ dargestellt:  die Böden, der Bauherr, die Lkw-Fuhren mit Monster-Fahrzeugen, die Zuschüsse. Der TSG sei leistungsfähig: „1500 Stunden Miminum hat er seit dem 28. Oktober in den Bürgerentscheid reingesteckt.“  Mit der Hälfte der Stunden wäre man schon sehr weit bei der Vorbereitung der Leichtathletik. Falsch sei, dass die Strabag sich eine Erddeponie gesucht habe. „Wir sind auf die Strabag zugegangen, nicht umgekehrt.“  Und was die 12 000 Lkw-Ladungen betreffe: „Das sind etwa 20 Fahrzeugbewegungen am Tag.“

Eine Abstimmung – spannender als jeder Tatort

Frage Den Bürgerentscheid von Zell empfand Bürgermeister Werner Link spannender als jeden Tatort, den er sonst Sonntagabend anschaut. Hauptamtsleiterin Petra Grus habe ihn noch gefragt, was bei Stimmengleichheit wäre. Der Schultes wusste es nicht, er hätte damit nie gerechnet.  „Und dann war’s davon gar nicht weit weg.“

Erleichterung Der Wahlkampf hat genervt. Link hat den Sonntagabend herbeigesehnt, er wollte, dass es endlich entschieden ist, so oder so. Dass man wieder zur Sacharbeit zurückkehren könne. Das will er jetzt, unter den Vorzeichen des denkbar knapp  Sieges. „Ich hoffe, dass wir die Sportplatzerweiterung zügig umsetzen können.“

Nachdenken In Heiningen gab’s mal ein Bürgerbegehren, das der Gemeinderat akzeptiert hat. Anschließend wurde das Streitthema, ein möglicher Hallenbau, Punkt für Punkt aufgearbeitet. Das könnte man durchaus ähnlich machen, sagt Link. Er müsse das mal durchdenken. Und die Geschehnisse auf sich wirken lassen.