Rechte Alles andere als still: Die gehörlose Bloggerin Julia Probst

Blickkontakt ist entscheidend: Die gehörlose Bloggerin Julia Probst im Gespräch.
Blickkontakt ist entscheidend: Die gehörlose Bloggerin Julia Probst im Gespräch. © Foto: Volkmar Könneke
Neu-Ulm / Von Stefan Czernin 18.12.2017
Populär ist die gehörlose Julia Probst, weil sie Fußballern an den Lippen hängt.  In ihrem Blog kämpft sie für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen.

Julia Probst geht gern auf Konzerte. Ihre Lieblingsband ist Radio Doria mit Schauspieler Jan Josef Liefers als Frontmann. Probst steht dann ganz vorne, in der Nähe des Basses. Alles soweit nichts Besonderes. Abgesehen davon, dass Julia Probst gehörlos ist. Und das sorgt bei Hörenden ab und an für Verwunderung. „Es geht darum, sich gut zu fühlen, die Musik zu spüren“, sagt Probst. Die Atmosphäre, die Energie. „Da ist es egal, ob man hören kann oder nicht.“

Immer wieder erlebt die 36-Jährige, dass Menschen im Umgang mit Gehörlosen unsicher sind.  „Sie haben keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollen.“ Das war der Grund dafür, dass sie 2009 angefangen hat, einen Blog zu schreiben. „Mein Augenschmaus“ heißt dieser, es geht um Inklusion und die Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen. Im Gespräch in einem Neu-Ulmer Café liest Julia Probst von den Lippen ab, sie spricht und erzählt. Die Tonlage ist ungewohnt, aber die Verständigung  funktioniert. Ab und zu wird zusätzlich der Schreibblock hin und her geschoben, Namen und Sätze darauf notiert.

Julia Probst ist kämpferisch. Sie setzt sich dafür ein, dass Gehörlose die gleichen Möglichkeiten  haben wie jeder andere auch. Und daran hapere es im Alltag noch immens, im Großen wie im Kleinen. Beispiel Gebärdensprache: Das Sandmännchen gehört seit einer gefühlten Ewigkeit zum Abendritual vieler Kinder. Seit April 2017 wird der Sandmann auch mit Gebärdensprache gezeigt. Allerdings nur im Internet.  Das Angebot werde dort versteckt, findet Probst. „In meinen Augen verschenkt man hier eine großartige Chance für inklusives Fernsehen von hörenden und gehörlosen Kindern“, schreibt sie in ihrem Blog. Es gibt natürlich schwerwiegendere Punkte, bei denen die Teilhabe nicht funktioniert. Aber das Sandmännchen sei ein Indiz dafür, woran es hakt. Die Inklusion sei oft eine Einbahnstraße, so Probst. „Wir müssen uns anpassen.“ Aber das könne nicht der richtige Weg sein.

Aktuell schildert sie in ihrem Blog den Fall eines Arztes in Braunschweig, der das Jugendamt eingeschaltet hat, weil Eltern für ihr gehörloses Kind kein Cochlea-Hörimplantat wollen. Probst plädiert für eine differenzierte Sicht auf das Implantat, sie macht sich für die Selbstbestimmung der Eltern stark. Und kämpft so gegen die Stigmatisierung von gehörlosen Kindern als Mangelwesen, die mit einem operativ eingesetzten Hörimplantat zwangsbeglückt werden müssen.

„Es geht ja nicht um Leben und Tod“, sagt Probst. Die 36-Jährige, die im Kreis Neu-Ulm lebt, wird bald ihr erstes Kind bekommen. Sie hat sich dazu entschieden, kein Hörscreening beim Neugeborenen machen zu lassen, sondern damit bis zur Vorsorgeuntersuchung im Alter von drei bis vier Monaten zu warten. „Man muss nicht in den ersten Lebenstagen wissen, ob das Kind hört oder nicht, es ist in meinen Augen einfach nur wichtig, eine Bindung zum Kind aufzubauen und zwar ganz ohne Belastung“, heißt es dazu in ihrem Blog. Auf jeden Fall soll das Kind von Anfang an auch die Gebärdensprache lernen. Und auch zunächst – im Falle einer Gehörlosigkeit – kein Hörimplantat bekommen. „Darüber kann es dann selbst entscheiden, wenn es groß ist.“

Bei Probst selbst ist die Gehörlosigkeit im Alter von etwa einem Jahr diagnostiziert worden. „Ich bin ganz normal aufgewachsen, habe normale Schulen besucht.“ Und nach Unterrichtsschluss ging es mit den Nachbarskindern zum Spielen auf die Straße, in den Wald. Gebärdensprache lernte sie mit 17 Jahren. Wohl ein Grund dafür, weshalb sie so gut Lippenlesen kann. Weit besser, als die meisten Gehörlosen.

Das hat Julia Probst zu einiger Prominenz verholfen. In ihrem „Ableseservice“ schaute sie während der Fußball-Weltmeisterschaften 2010 und 2014 ganz genau hin. Und twitterte die schönsten emotionalen Ausbrüche der Spieler und von Bundestrainer Jogi Löw, die sonst untergegangen wären, weil im Fernsehen nicht zu hören. Etwa Löws spontane Analyse von der Trainerbank aus im Spiel 2014 gegen die USA: „Das ist so kacke.“

Twitter und Tatort

Der „Ableseservice“ ließ die Anzahl ihrer Follower auf Twitter explodieren, im Gespräch zeichnet Julia Probst mit der Hand eine steile Kurve nach oben in die Luft. Mehr als 34.000 Menschen folgen ihr auf dem Kurznachrichtendienst, dazu kommen einige tausend Facebook-Fans und die Leser ihres Blogs. Die reinen Nutzerzahlen sind für Probst nicht wichtig, aber die Popularität hilft ihr, ihre Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen.

Sie kandidierte 2013 für die Piraten für den Bundestag. Auch deshalb, weil die Piraten schon früh Dolmetscher für Gebärdensprache auf ihren Parteitagen dabei hatten. Und sie arbeitete beim Drehbuch des Tatorts „Totenstille“ mit, in dem ein Gehörloser eine zentrale Figur ist. Allerdings kein unbedingter Sympathieträger: Im Krimi nutzt er das Lippenlesen für eine Erpressung.

Was ist ein Cochlea-Implantat?

Zwei Teile Das äußere Bauteil besteht aus einem Sprachprozessor mit Mikrofon und befindet sich hinter der Ohrmuschel. Das in den Schläfenknochen eingesetzte innere Bauteil umfasst eine Empfängerspule und Elektroden, die bis in die Hörschnecke des Innenohrs reichen. Die Signalübertragung erfolgt mit Hochfrequenzwellen.