Punkt, Punkt, Komma, Strich: Fertig ist das Mondgesicht – ist es wirklich so einfach, ein Gesicht zu zeichnen? 17 Kinder ab sechs Jahren wollen es wissen: Sie sind zu Gast im Porträt-Zeichenkurs von Museumspädagogin Sabine Moser im Museum für bildende Kunst in Oberfahlheim.

„Wir wollen heute zusammen Kunst entdecken“, sagt Moser zu den Buben und Mädchen, die im Erdgeschoss auf Sitzkissen im Kreis hocken und sie erwartungsvoll anschauen. Einige von ihnen sind mit dem Freundeskreis Asyl in Elchingen dort, die meisten von ihnen waren schon öfter im Kunstworkshop.

In der Mitte des Raums ist ein großer Tisch mit Wasserfarben und Pinseln vorbereitet, doch noch ist es nicht soweit: Bevor es an die Praxis geht, ist Theorie angesagt. „Wir wollen erforschen, wo im Gesicht die Augen sind, die Ohren, die Nase“, sagt Moser und bittet die Kinder in den ersten Stock, in die Dauerausstellung des Museums. Ein Bildnis von 1911 aus der Feder von Karl Eckerler zeigt einen dunkel gekleideten Pfarrer. „Der schaut böse aus“, sagt Jonathan. Böse? Oder doch nur ernst? Woran erkennt man das? Und wie zeichne ich ein Gesicht, damit es nicht aussieht wie im Comic? „Die Augen sind nicht kreisrund, sie sind oval“, erklärt Moser, und nun geht es Schlag auf Schlag: „Nasenspitze und Ohren sind etwa auf gleicher Höhe“, „Der Mund besteht aus Oberlippe und Unterlippe.“ Doch auch, wenn es Regeln gibt, stellt sie klar: „In der Kunst ist alles erlaubt, da kann man Fantasie mit reinbringen.“

Aufgeregtes Gemurmel bricht unter den bisher aufmerksam lauschenden Kindern aus, als Moser Zeichenbretter, Papier und Bleistift austeilt. „Sucht euch einen Platz im Raum, wo es schön hell ist und versucht, euer eigenes Gesicht zu zeichnen“, ist der Auftrag. Während manche Kinder gleich anfangen und mutig die Kopfform samt Augen skizzieren, brauchen andere länger, bis sie den ersten Strich wagen. Sabine Moser geht im Raum herum und gibt Ratschläge.

Wie genau sehen eigentlich Ohren aus? Jana und Khalida, beide neun Jahre alt, finden diese Frage am schwierigsten. „Ich hab sowas noch nie gemalt“, sagt Jana. Schließlich aber sitzen die Ohren rechts und links. „Schaut doch schon gut aus“, sagt Moser.

Andächtige Stille

Wer mit seiner Bleistiftzeichnung fertig ist, darf sein Bild farbig gestalten, mit Buntstiften oder Wasserfarben. Bald stehen zehn Kinder um den Maltisch im Erdgeschoss und arbeiten konzentriert mit Pinsel und Farben. Obwohl niemand um Ruhe gebeten hat, ist es andächtig still. Ist das immer so in den Kunstwerkstätten, die Sabine Moser anbietet? „Meistens“, sagt sie. „Die Kinder lernen etwas Neues, sie konzentrieren sich auf die Dinge.“ Nur bei Schulklassen sei es anders. „Da muss ich viel mahnen.“

Richtige Kunstwerke entstehen unter den Händen der Buben und Mädchen, viele verschiedene Gesichter, „jedes anders, wie in Wirklichkeit“. Nach 90 Minuten ist Schluss, die ersten Eltern kommen zum Abholen. „Jeder von euch hat ganz viel Fantasie, jeder ist ein Künstler“, gibt Moser den Kindern mit auf den Weg. Und stellt noch eins klar: „Ein Gesicht zu malen, gehört zum Schwersten, was man überhaupt malen kann.“