Kreis Neu-Ulm / Claudia Schäfer  Uhr

Wir müssen und wir wollen ändern, dass Zugewanderte und Einheimische nebeneinander her leben.“ Karen Beth, Geschäftsbereichsleiterin am Landratsamt für Ausländer, Soziales und Kommunales, machte gleich zu Beginn der ersten Integrationswerkstatt am Freitag im Neu-Ulmer Brückenhaus deutlich, worum es dem Landkreis als Veranstalter geht: Mit Haupt- und Ehrenamtlichen aus den verschiedensten Bereichen auszuloten, was im Kreis besser gemacht werden kann in Sachen Integration. Und dabei auch offen anzusprechen, wo es derzeit noch nicht so gut läuft.

Der Fokus soll dabei längst nicht nur auf dem Thema Flüchtlinge liegen: Laut Beth hatte im Landkreis schon vor 2015 etwa jeder zehnte Bürger einen ausländischen Pass, deutlich mehr Menschen haben einen Migrationshintergrund.

Am ersten Tag der Integrationswerkstatt ging es hauptsächlich darum, die gegenwärtige Situation in drei Themenkomplexen, nämlich Sprache und Bildung, kulturelle Werte sowie Beschäftigung zu beschreiben und zu bewerten. Was dabei immer wieder zur Sprache kam: Der Anteil von Migranten als Mitarbeiter öffentlicher Einrichtungen und Institutionen wie Behörden oder Polizei ist gering, positive Beispiele sollten mehr herausgehoben werden. Auch in der Kommunalpolitik sind Bürger mit Migrationshintergrund kaum vertreten. Und auch in den Vereinen oder Hilfsorganisationen bleiben die Einheimischen meist unter sich. Dabei könnten gerade diese Gruppierungen einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten, hieß es.

Vielen der Werkstatt-Teilnehmer, darunter Vertreter von Helferkreisen, Polizei, Schulen, Behörden und karitativen Institutionen, wünschen sich eine bessere Stärkung von Frauen und mehr Möglichkeiten für sie bei der Integration. Wegen der traditionellen Rollenbilder seien es auch nicht nur die Männer, sondern die Frauen selbst, die weniger Wert auf gute Deutschkenntnisse und eine Berufsausbildung legten. Mit dem entsprechenden negativen Einfluss auf die nächste Generation, hieß es.

Dass Sprache und Bildung der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration sind, darin waren sich die Teilnehmer einig. Doch dürften die Pädagogen in den Kitas und in den Grundschulen mit ihrer Bildungs- und auch Erziehungsaufgabe nicht überfordert, sondern müssten unterstützt werden, etwa mit mehr Sprachförderklassen. Angesprochen wurde auch, dass viele Migranten zu wenig über das deutsche Bildungssystem und seine Möglichkeiten informiert seien. Zu oft gehe es darum, auch auf Druck der Familie, schnell Geld zu verdienen.

Gute Noten für Kursangebot

Gute Noten gab es bei der Integrationswerkstatt für das breite Kursangebot für Migranten im Landkreis. Allerdings müsste nach Ansicht einiger Teilnehmer darauf geachtet werden, dass die Kurse eher dezentral stattfinden oder einfacher mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden könnten. Sehr positiv aufgenommen wurde der Erfahrungsbericht zweier Mitarbeiter der katholischen Schwangerenberatung und der Suchtberatung: Beide Einrichtungen seien „sehr offen“ für die Unterstützung von Migranten.

Wenn am 1. März im Landratsamt der zweite Teil der Integrationswerkstatt beginnt, wird es um Lösungen und Projektideen gehen. Und darum, welche Rolle der Landkreis und die anderen Akteure dabei übernehmen, wie sie besser zusammenarbeiten und ihr Engagement nach außen tragen können. Integration, so Karen Beth, sei eine gemeinsame Aufgabe: „Es ist wichtig, dass sich die ganze Gesellschaft damit beschäftigt, nicht nur ein paar Spezialisten.“

Unterstützung für integrationsfreundliche Kräfte

Studien Integration - das sagt die Wissenschaft: Die meisten Migranten kommen nicht nach Deutschland, um von den Sozialsystemen zu profitieren, sondern um gesellschaftlich aufzusteigen. Das sagte Friedrich Heckmann vom Europäischen Forum für Migrationsstudien. Er sieht einen klaren Zusammenhang zwischen der Aufenthaltsdauer und dem Grad der Integration. So gebe es in den „Ausländervierteln“ der Städte eine deutliche Fluktuation, viele Migranten lebten dort nur in ihrer ersten Zeit in Deutschland.

Entwicklung Trotz „gravierender Defizite“ sieht Friedrich Heckmann eine insgesamt positive Entwicklung. Der scheinbar wachsende Rassismus sei nicht durch die Flüchtlingskrise entstanden, sondern dadurch „mobilisiert und öffentlich“ geworden, Deutschland habe grundsätzlich ein 10 bis 15 Prozent starkes Potenzial an Rechtsradikalen und Rassisten. Optimistisch stimme ihn, dass die Eliten anders als etwa zur Zeit der Weimarer Republik auf der Seite integrationsfreundlicher Kräfte seien.