Des einen Freud, des anderen Leid: Mit der Fertigstellung der Schnellbahntrasse aus dem Stuttgarter Raum bis Ulm wird die Bahn auf der Verlängerung nach Augsburg sehenden Auges in Verspätungen hineinfahren – und nichts dagegen tun können. Zwar ist dann auch der um- und ausgebaute Augsburger Hauptbahnhof fertig. Und zwischen München und Stuttgart können wesentlich mehr ICE- und IC-Züge unterwegs sein. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft, die im Freistaat den Schienen-Personennahverkehr plant und bestellt, erwartet jedenfalls in der kürzlich veröffentlichten Ausschreibung für die Augsburger Netze „aufgrund der erheblich verkürzten Fahrzeit“ ein „deutlich ausgeweitetes Fernverkehrsangebot“ zwischen den Landeshauptstädten.

Wenn man von Ulm aus nach Westen blickt muss das die Nutzer von Regionalbahnen nicht beunruhigen. Denn gen Stuttgart haben die langsamen Pendler- und Ausflugszüge nach Inbetriebnahme der Neubaustrecke ihre eigene Trasse: die alte. Nur zwischendurch rattern dort noch Güterzüge durch. Die ICE- und IC-Flitzer eilen getrennt davon ungehindert von Großstadt zu Großstadt.

Gen Osten, also in Richtung Günzburg bis Augsburg, wird der vermehrte Fernverkehr aber unangenehme Folgen haben. „Solange die Strecke Augsburg–Ulm nicht ausgebaut ist, wird dies voraussichtlich vermehrt zu Überholungen und Fahrzeitverlängerungen im Regionalverkehr führen“, teilt die Eisenbahngesellschaft mit. Denn schnelle und langsame Züge müssen sich dort in jede Richtung ein einziges Gleis teilen – und die schnellen Züge haben dabei Vorfahrt.

Kapazität erschöpft

Bildlich gesprochen: Es gebe für die Züge „ein dickes Rohr bis Ulm“ und „ein dünnes Rohr bis Augsburg“, sagt Oliver Dümmler, Geschäftsführer des Vereins Regio-S-Bahn Donau-Iller. „So entsteht ein neuer Flaschenhals.“ Die Strecke nach Augsburg habe „keine Reserven“ mehr. Denn diese wird neben dem bis Augsburg durchfahrenden Fugger-Express der Deutschen Bahn bis Günzburg auch von den Zügen des Unternehmens Agilis genutzt, die dort nach Ingolstadt abbiegen.

Das Problem: Der Ausbau dieser Strecke wird so schnell nicht kommen, obwohl das Projekt im „vordringlichen Bedarf“ des Bundesverkehrswegeplans enthalten ist. Und obwohl die Bahn, sagt ein Sprecher, vom Bund bereits den Auftrag erhalten hat, mit der Planung zu beginnen. Mit ziemlicher Sicherheit könne man sagen, „dass im Jahr 2021 noch keine Ausbaumaßnahmen entlang der Strecke sein werden“. Daher müsse „bei der Abstimmung zwischen den Fahrplänen des Fern- und Nahverkehrs der bestehende Infrastrukturzustand unterstellt werden“.

Bis 2030 soll dann laut Dümmler ein drittes Gleis entstehen, „das genug Luft geben würde, um weitere Züge fahren zu lassen“. Der erste Abschnitt erstreckt sich nach ersten Überlegungen von Neu-Ulm bis Nersingen-Unterfahlheim. Daran schließt eine bis Dinkelscherben reichende, teilweise neu gebaute Hochgeschwindigkeitsstrecke an, auf welcher der ICE Tempo 250 erreichen kann.

Mit 200 Sachen nach Augsburg

Mit immerhin noch 200 Sachen geht es dann auf einer neuen Trasse weiter bis Augsburg. Festgeschrieben ist im Bundesverkehrswegeplan auch, dass es weiterhin einen ICE-Halt Günzburg gibt (siehe Info-Kasten). Laut Bahn würden jetzt erst einmal „die verkehrlichen Anforderungen an das Vorhaben“ abgestimmt, also mit Bund und Bayerischen Eisenbahngesellschaft die Frage geklärt, „für welche Zugzahlen und Zielfahrzeiten“ der Streckenausbau auszulegen ist.

Daraus leiten die Ingenieure dann verschiedene Varianten ab, die näher untersucht und bewertet werden. 2021 oder 2023 aber wird alles noch weitgehend so sein wie heute auf der Schiene zwischen Ulm und Augsburg. Nur mit mehr ICE-Fahrten – und einer weiteren Verbindung im Berufsverkehr am Abend gegen 17 Uhr von München nach Ulm.

Günzburger Kampf um den ICE-Halt


Stundentakt Beim Bau des dritten Gleises zwischen Ulm und Augsburg könnte Günzburg vom ICE abgehängt werden. Das war jahrelang die Befürchtung der Kommunalpolitik. Derzeit halten sporadisch ICE-Züge in Günzburg. Es gab wohl Planungen, die Neubaustrecke an der Stadt vorbeizuführen. Doch zuletzt gab es Entwarnung: Demnach wird der Verlauf der Trasse nicht verändert. Der so genannte „Zielfahrplan 2030“ der Bahn sieht sogar einen stündlichen Fernverkehrshalt in beiden Richtungen in Günzburg vor.

Größe Experten sagen, von der Einwohnerzahl her sei Günzburg mit seinen rund 20.000 Bürgern zu klein für einen ICE-Halt. Es gebe auf der Strecke Ulm–Stuttgart mehrere Städte wie Esslingen (90.000), Göppingen (57.000), Geislingen (27.000), die mehr Einwohner als die Donaustadt haben, aber keinen Anschluss an die schnellen Züge.