Entsetzen Flüchtling verletzt sich aus Angst vor Abschiebung

Elchingen / Barbara Hinzpeter 05.07.2018
Ein 24-jähriger Flüchtling aus Elchingen hat sich am Dienstag aus Angst vor der Abschiebung mit einem Messer verletzt.

Für die Mitglieder des   Freundeskreises Asyl und für Rechtsanwalt Christoph Käss steht fest: N. wollte sich aus Angst vor der Abschiebung umbringen. Der 24-jährige Afghane lebte seit 2015 in Deutschland, war „bestens integriert und auf einem guten Weg gewesen“, sagt Käss.

Pünktlich war N. am Dienstagmorgen aufgestanden und hatte sich für die Schule vorbereitet. Schließlich war er mitten in den Prüfungen für den qualifizierenden Mittelschulabschluss. Doch zu den letzten zwei Tests konnte er nicht mehr antreten. Denn um sechs Uhr tauchte die Polizei in der Asylunterkunft im Unterelchinger Dammweg auf, um ihn abzuholen.

„Es gelang ihm, ein Küchenmesser zu schnappen, mit dem er sich an den Armen verletzte“, berichtet Dr. Birgit Möller vom Elchinger Freundeskreis. Die Polizei habe ihn in die Donauklinik gebracht, wo die Wunden versorgt wurden. Mit den Handschellen, die ihm angelegt worden seien, habe sich N. zusätzlich Platzwunden im Gesicht zugefügt und sei erneut in der Klinik behandelt worden. „Er war völlig von der Rolle“, sagt der Rechtsanwalt Käss.

Seinen Eilantrag, die Abschiebung wegen der psychischen Ausnahmesituation des 24-Jährigen auszusetzen, lehnt das Verwaltungsgericht Augsburg am Dienstagnachmittag ab. N. sei reisefähig – unter der Maßgabe, dass er während des Flugs sowie nach der Landung von Ärzten betreut werde.

Innenministerium: „Wir sagen nichts“

Das Bayerische Innenministerium gibt  zu dem Zeitpunkt keine Auskunft. „Wir sagen nichts, um die Maßnahme nicht zu gefährden“, heißt es. Am Mittwoch bestätigt ein Pressesprecher, dass 69 Afghanen abgeschoben worden sind, 51 davon aus Bayern, darunter wohl auch der junge Mann aus Elchingen.  Doch am Abend kommt das Gerücht auf, dass der 24-Jährige gar nicht im Abschiebeflugzeug saß. Die Helfer aus Elchingen wissen jedoch nichts Genaues. 

Wie sie gehört haben, soll  die Polizei am Dienstag einen weiteren Bewohner der Unterkunft gesucht haben, berichtet Birgit Möller. Auch dieser junge Mann sei vorbildlich integriert, habe erfolgreich die Mittelschule absolviert, für September einen Ausbildungsplatz in Aussicht und engagiere sich ehrenamtlich. „Die jungen Leute haben alles richtig gemacht“, betont Möller. Sie hätten die lange Wartezeit auf ihre Asyl- und Gerichtsverfahren genutzt, um zu lernen, zu arbeiten und sich zu integrieren.

Nun ausgerechnet diese abzuschieben, und sich nicht mehr auf Kriminelle, Gefährder oder hartnäckige Identitätsverweigerer zu konzentrieren, stößt bei den Helfern auf völliges Unverständnis – zumal sich die Sicherheitslage in Afghanistan ihrer Kenntnis nach nicht verbessert, sondern sogar noch verschlechtert habe, wie Elena Flügel vom „Verein Menschlichkeit“ unterstreicht. Ihrer Meinung nach gehe es Bayern in erster Linie darum, besonders viele Menschen in kürzester Zeit abzuschieben. Für die Prüfung von Einzelfällen bleibe da keine Zeit, heißt es in einer Pressemitteilung von Freundeskreis und Verein Menschlichkeit.

Diese neue Praxis, die keine Rücksicht auf ihr Einzelschicksal, auf Ausbildung, Arbeit oder Schulbesuch nimmt, treibe die jungen Afghanen in die Verzweiflung. Viele riskierten den illegalen Grenzübertritt nach Frankreich oder Italien und hofften so, der Abschiebung in ein Land zu entgehen, in dem sie bedroht sind, keine Zukunft haben und oft nicht einmal eine Heimat – wie N., der im Iran aufgewachsen ist und laut Elena Flügel in Afghanistan weder Land noch Leute kennt. „Er hat dort keine Angehörigen oder sonstigen Kontakte. Seine Familie lebt im Iran.“

Am Dienstag seien vor allem „Männer mit einer festen Arbeitsstelle, Schüler aus Berufsintegrationsklassen und Kranke, die in psychiatrischen Kliniken behandelt worden waren“, nach Kabul geflogen worden, kritisieren die Asylhelfer.

Auf die Frage, ob der afghanische Staatsangehörige aus Elchingen an dem betreffenden Dienstag im Flugzeug  nach Kabul saß, war gestern noch keine Antwort von der Regierung von Schwaben zu bekommen.

Bayern stellt den Löwenanteil

Helfer Dr. Birgit Möller ist Ansprechpartnerin für den Freundeskreis Asyl in Elchingen, der sich im Verein „Für einander“ zusammengeschlossen hat. Der Freundeskreis hat 70 Mitglieder und setzt sich für die Integration von Flüchtlingen ein.

Abschiebung An der „ersten Sammelabschiebung von abgelehnten afghanischen Asylbewerbern nach Aufhebung der Beschränkung auf Straftäter, Gefährder und hartnäckige Identitätsverweigerer“ beteiligten sich laut Bayerischem Innenministerium auch Hamburg, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Berlin, Rheinland-Pfalz, Hessen und Schleswig-Holstein. Den „Löwenanteil“ habe Bayern gestellt: Unter den 51 Männern „befanden sich fünf Straftäter“.

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