Es gibt keinen Grund zur Sorge. Mit dieser Aussage sind am Montag Vertreter des Atomkraftwerkes Gundremmingen und des Landesamtes für Umwelt im Weißenhorner Müllheizkraftwerk aufgetreten. Die Pressekonferenz war vom Landkreis anberaumt worden, nachdem bekannt geworden ist, dass seit 2016 so genannter freigemessener Müll aus dem Meiler im Weißenhorner Müllfeuer entsorgt wird. Die Entwarnung aber stößt auf Kritik. Etwa seitens der Ulmer Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. Wir haben Sprecher Reinhold Thiel dazu befragt.

Wie schätzen Sie es ein, dass Müll aus dem AKW Gundremmingen in Weißenhorn verbrannt wird?

Reinhold Thiel: Die Ulmer Ärzteinitiative lehnt es ab, dass radioaktiv belastetes AKW-Abrissmaterial über alle unsere Köpfe hinweg in der Luft verteilt wird. Eine Müllverbrennung kann keine Radioaktivität aus der Welt schaffen. Die im Abrissmaterial noch vorhandenen radioaktiven Partikel werden nur neu in der Umgebung verteilt.

Aber freigemessener Müll soll doch ungefährlich sein?

Nein! „Freimessung“ ist ein verharmlosendes Wort für eine fragwürdige Methode, mit der radioaktives Abrissmaterial im AKW so lange physikalisch etwa durch Säure, Putzen oder Schrubben abgetrennt wird, bis das Restmaterial unter einen gewissen radioaktiven Grenzwert sinkt. Zum einen strahlt das Restmaterial immer noch, wenn auch weniger. Zum anderen entstehen so Unmengen von neuen Materialien (etwa die Putzmittel und Säurebäder), die ebenfalls strahlen.

Unscheinbar: In solchen Säcken wird der Mischabfall angeliefert
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Durch die Vorbehandlung wird also das Problem nicht beseitigt?

Die Strahlung im Material wird nur anders verteilt und die belastete Materialgesamtmenge sogar vergrößert. Eine „Freimessung“ entsorgt Radioaktivität nicht wirklich. Die „freigemessenen“ Materialien sind auch nach der Messung nicht so harmlos, wie das Wort „frei“ es uns glauben machen soll. Sie strahlen weiter.

Halten Sie Ängste und Sorgen der Bevölkerung für nachvollziehbar?

Ja, denn es gibt keinen Strahlengrenzwert, unter dem eine radioaktive Belastung als wirkungslos bezeichnet werden kann. Jede weitere Strahlenbelastung und auch viele kleine weiteren zusätzlichen Belastungen rufen bei Mensch, Tier und Pflanze weitere Folgen hervor, die sich im Laufe der Jahre summieren. Der menschliche Körper vergisst auch zurückliegende alte Strahlenbelastungen nicht.

Aber wir sind doch auch mit anderen Strahlungsquellen umgeben?

Eine Strahlenbelastung auf einem Langstreckenflug kann ich selbstbestimmt eingehen oder meiden. Radioaktiven Partikeln oder Gasen, die über Schornsteine in der Umgebung verteilt werden und somit in den Nahrungskreislauf gelangen, bin ich aber fremdbestimmt ausgesetzt.

Sie sagen, jede ionisierende Strahlung wirke auf den Körper ein. Was kann passieren?

Schon die sogenannte „natürliche“ Hintergrundstrahlung verursacht epidemiologisch nachweisbare Gesundheitsschäden. Dabei ist diese Hintergrundstrahlung gar nicht so „natürlich“, sondern besteht neben der terrestrischen und kosmischen Strahlung auch aus einem Mix mit Resten von früheren Atombombenversuchen und anderem menschlichen Fehlverhalten.

Es gibt also keine ungefährliche Strahlung aus Ihrer Sicht?

Das Argument, eine Strahlenbelastung bewege sich „nur“ im Dosisbereich der „natürlichen“ Hintergrundstrahlung und sei deshalb unbedenklich, halte ich für irreführend. Jede neue Strahlenbelastung setzt neue Schadenswahrscheinlichkeiten, unter anderem für Krebserkrankungen. Die oft zitierte Grenze zur angeblichen Ungefährlichkeit ist willkürlich gesetzt auf Grundlage eines künstlichen und meines Erachtens fehlerhaften Rechenmodells, das schon vor Jahrzehnten zu Gunsten der Atomindustrie eingeführt worden ist.

Welchen alternativen Entsorgungsweg für Müll aus den Atomkraftwerken schlagen Sie vor?

Man könnte das weniger strahlende radioaktive Abrissmaterial, das jetzt ins Müllheizkraftwerk soll, im AKW-Bereich lagern und abklingen lassen. Das Material würde auf natürliche Weise und weiter unter Atomaufsicht einen erheblichen Teil seiner Strahlungsgefährlichkeit verlieren.

Aber auf lange Sicht gesehen, ist das ja keine Lösung.

Die Problematik einer verantwortungsvollen Zwischen- und Langzeitlagerung von hochradioaktiven Spaltprodukten (Brennelemente) und der mittelradioaktiv kontaminierten AKW-Bauteile bleibt weiterhin ungelöst und davon unbenommen. Auch sollten wir nicht weiterhin mit weiter laufenden Atomkraftwerken neuen Atommüll produzieren.

Hat der Landkreis eine Handhabe, sich gegen Müll aus dem AKW zu wehren?

Die radioaktiven Materialien beziehungsweise die AKW-Betreiber sind nach der „Freimessung“ per juristischer Definition von der Atomaufsicht befreit: Sie dürfen das Material frei und ohne weitere Vorsichtsmaßnahmen und Kontrollen als normalen Müll und als Wertstoff „verkaufen“. Das halte ich für falsch, ist aber zur Zeit bei uns eine gesellschaftliche Realität. Diese juristische Definition war eine politische Entscheidung.

Das heißt, diese Entscheidung ist nicht in Stein gemeißelt?

Politische Entscheidungen kann man ändern. Es ist eine politische Entscheidung, wie viele Strahlenkranke eine Gesellschaft bereit ist zu riskieren. Dies gilt für die gesamte Bundesrepublik wie auch für den Landkreis Neu-Ulm. Wir leben in einer Demokratie und sollten auch in dieser Frage auf die politischen Entscheidungsträger Einfluss nehmen. Wir sollten uns wehren. Wie verantwortungsvoll und standhaft die politischen Entscheidungsträger vor Ort bleiben, ist eine spannende Frage.

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Person Reinhold Thiel, 68, ist Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative IPPNW, Allgemeinmediziner im Ruhestand und freiberuflich tätig in der Qualitätsmanagementberatung und als Ausbilder. Die IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) setzt sich unter anderem für die Abrüstung atomarer Waffen ein.

Fakten Als freigemessen gilt AKW-Mischabfall (Tücher, Handschuhe, Holz) ab einem Wert von 0,1  Becquerel. So wird gewährleistet, sagt der Gesetzgeber, dass über ein Jahr auf einen Menschen maximal zehn Miktrosievert Strahlung einwirken. Die „natürliche“ Strahlung liegt bei 2100 Mikrosievert im Jahr. Rund 2000 Tonnen an freigemessem Müll will das AKW Gundremmingen bis 2039 in Weißenhorn verbrennen.