Kino "Lido" Kino in Senden schließt

Senden / NIKO DIRNER 28.07.2016
Mehr als 50 Jahre stand Gunther Schuster hinter dem Projektor. Doch nun ist er gezwungen, sein „Lido“-Kino in Senden zu schließen. Ehe der Abrissbagger kommt, hat er sein Lichtspielhaus noch mal geöffnet.

Der Film „Trash Detective“ wird als „skurriler Schwabenkrimi mit Kultpotenzial“ vermarktet. Für Gunther Schuster war er ein Flop. „Es kamen 20 Besucher.“ Schuster hätte einen Kassenschlager gebraucht. Endlich mal wieder, nach dem „Schuh des Manitu“ vor 15 Jahren. „Der lief zwölf Wochen und spielte 40.000 Euro ein.“ Er seufzt, das waren noch Zeiten. Sein Blick streift die weinroten Plüschsessel, die stoffbehängten Wände, die gepolsterte Decke mit der Goldkante. Bald wird sich ein Abrissbagger durch sein „Lido“-Kino in Senden fressen. Schusters Lebenswerk, seine Passion, sein Zuhause geht dahin. Fortsetzung folgt – nicht.

Schusters persönlicher Katastrophenfilm läuft schon seit Jahrzehnten. Er ist nicht gut zu Fuß, eine Folge seiner Jugendzeit, als es ihm psychisch nicht so gut ging. Die Mutter starb schon 1989 mit 64 Jahren. Der Vater wurde 91, Sohn Gunther pflegte ihn bis zum Ende in der Wohnung über dem Kinosaal. Geschwister hat Schuster keine, Freunde wenige. Er ist nicht so der kommunikative Typ. Und dann hat ihn im April eine mysteriöse Krankheit wochenlang auf die Intensivstation gezwungen. Auf Krücken müht sich der 59-Jährige seitdem durch sein Haus, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Er sitzt meistens im Kassenhäuschen, krault Katze „Tiger“, sinniert. Filme vorzuführen, das schafft er nicht mehr. Das „Lido“ ist geschlossen.

1947 hatten seine Eltern, Ludwig und Martha Schuster, mit Kino angefangen. Sein Vater brachte die Idee nach dem Krieg aus Friedrichshafen nach Senden mit. Am Bodensee hatte er bei Maybach Luftschiffmotoren repariert, Bomber zerstörten das Werk. So machte er sein Hobby als Filmvorführer an der Iller zum Beruf. Zunächst zeigte das Paar mit einem Kofferprojektor in der Stadthalle in Weißenhorn und in der Turnhalle in Ay die ersten Filme. Als die Vereine die Hallen für sich reklamierten, fiel die Entscheidung, in der Sendener Hauptstraße ein Kino zu bauen.

1951, im August war es soweit: 500 Menschen drängten sich vor dem noch unverputzten Neubau, es lief der Abenteuerfilm „König Salomons Diamanten“ mit Stewart Granger und Deborah Kerr. Im Saal hatten damals noch 455 Besucher auf schlichten Klappsesseln Platz. Einige Damen mit Petticoats und Herren mit schmalem Schlips gönnten sich die kleine Loge.

Schuster steht im Saal, die 112 Doppelsitzer gibt es hier seit den 70er Jahren. „Wir haben damals nach und nach umgerüstet, von Stühlen auf Bänke.“ 1978, zur Premiere von „Krieg der Sterne“, seien alle Stühle verschwunden gewesen. Die zehn Loge-Sessel sind mit blauem Stoff überspannt, drüber ein funkelnder Lüster, dahinter edles Holz. Zurück in der Eingangshalle hellt der grau geflieste Boden mit den farbigen Einsprengsel Schusters Blick auf: „Japanisches Mosaik“, sagt er. „Ist doch gut erhalten, wenn man überlegt, wie viele tausend Menschen hier darübergegangen sind.“

Seine beste Zeit hatte das „Lido“ in den 50er Jahren. „Da waren wir fast immer ausverkauft.“ Schuster erinnert sich an ein volles Haus bei „Ben Hur“. Auch „Vom Winde verweht“, seinen Lieblingsfilm, hätten die Sendener damals immer wieder sehen wollen. Schon als Sechsjähriger wurde er an der Kasse gebraucht. Zeigte das „Lido“ anfangs nur einen Film, wurden es später immer mehr, bis zu sechs pro Woche: ein Hauptfilm am Abend, dazu Vorstellungen um 14 und 17 Uhr, ein Nachtprogramm, ein Kinderfilm und ein Sonntagsfilm. Die Schusters hatten ihr Stammpublikum, alle neuen Filme waren in Senden zu sehen.

Und obwohl es wieder Blockbuster gab, aus jüngster Zeit erinnert sich Schuster an „Herr der Ringe“, „Star Wars“ und „Harry Potter“, war das Geschäft unterm Strich rückläufig. Erst kamen mehr Fernsehsender, dann Video und DVD, heute gibt es Filme via Internet. Auch das „Zusatzgeschäft“ geht zurück, sagt Schuster: „Die Leute versorgen sich in Supermärkten oder Tankstellenshops mit Süßigkeiten und Getränken.“ Schuster musste immer mehr Schulden machen, neue Getränkeautomaten wieder verkaufen. Vor einigen Jahren versetzte er gar sein Auto, um sich einen vermeintlichen Knüller leihen zu können. Teils fehlte im das Geld für Heizöl, die Gäste froren, fluchten, blieben fern. Die Konkurrenz in Ulm und Neu-Ulm rüsteten immer weiter auf. Ein Teufelskreis.

Im Vorführraum. Kleine Filmdosen stapeln sich. Darin sind die Trailer, die die Studios rausschicken, damit sie in den Kinos vor dem Hauptfilm laufen. Einige Stufen weiter erheben sich die beiden 35-Millimeter-Projektoren. Gewaltige Geräte. Technische Dinosaurier. Seit zwei Jahren nicht mehr in Betrieb. Neue Filme, sagt Schuster, gibt es nicht mehr auf 35 Millimeter. Er hat zuletzt Filme von Blue Ray über einen Beamer auf seine Zwölf-Meter-Leinwand geworfen. Die Geräte sind geliehen. Für einen echten digitalen Projektor reicht ihm das Geld nicht. Auf dem Fußboden mehrere große Filmdosen, darin unter anderem „Brockeback Mountain“, das Cowboy-Drama aus dem Jahr 2005. Ob er vergessen hat, die Rollen zurückzugeben? Schuster eilt wortlos nach draußen, schließt sorgfältig ab.

Seit 2007 gab es immer wieder Versuche, dem „ Lido“ zu helfen. So wurden 2009 katholische Jugendliche aktiv, sie sammelten Unterschriften für den Erhalt des Kinos, halfen bei einer Renovierung, organisierten eine Benefiz-Zauber-Show. 2011 mietete erstmals ein Cineast aus Neu-Ulm das „Lido“, um dort über den Winter hinweg türkische Filme im Original zu zeigen. 2013 war diese Episode vorbei. Die befreundete Maklerin Simona Tania Vranceanu-Krist aus Illerkirchberg suchte per Anzeigen nach Mietern, wollte das Kino als Kleinkunstbühne etablieren. Vergebens. Im vergangenen Jahr dann rang sich Gunther Schuster zum Verkauf seines Lichtspielhauses durch. Den Zuschlag hat Denis Hadzalic erhalten, der in Ulm ein Fliesengeschäft betreibt.

Allerdings muss der Unternehmer seinen ursprünglichen Plan aufgeben, das Haus in der Hauptstraße nur umzubauen und um ein Stockwerk zu ergänzen. „Das Fundament ist zu schlecht, aufstocken geht nicht“, sagt er. Es bleibe ihm nur der Abriss, entstehen soll im Herbst ein Wohn- und Geschäftshaus. Schuster, versichert Hadzalic, bekommt in einem der Appartements ein Wohnrecht auf Lebenszeit.

Obwohl das „Lido“ zu ist, will Schuster den Abspann noch nicht starten. Im September soll es eine Abschiedsvorstellung geben mit „Marias Land“, einem Religionsfilm. Filmkunst für Filmkenner. Filmkunst für Gunther Schuster. „Etwas anderes als Kino“, sagt der 59-Jährige, „hat es für mich nie gegeben“.

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