Sie bilden eine Schicksalsgemeinschaft: Peter Bopp und die Arbeitenden an den Werktischen. Ohne Bopp und die anderen Gruppenleiter könnte Hannelore W. hier nicht die Nähmaschine rattern lassen, Manuel S. keine Stecker montieren. Und ohne diese Menschen, für die Bopp, der Elektriker-Meister, verantwortlich ist, gäbe es seinen Job nicht bei der Lebenshilfe Donau-Iller in Böfingen. So arbeiten sie zusammen, aufeinander angewiesen.

Viele sind auf dem ersten Arbeitsmarkt gescheitert

„Es ist ganz anders hier als draußen. Der Druck ist raus“, sagt Hannelore W., die wie Manuel S. und Karla M. eigentlich anders heißt. „Draußen geht es rauer zu, kälter.“ Draußen, das ist nicht die Welt jenseits von Gefängnismauern, das ist nicht die Natur. Draußen, das ist der erste, der reguläre Arbeitsmarkt. Voller Chancen für alle, die stark sind, gesund, gebildet. Aber eine tägliche Bürde, ein Schrecken, der Horror für depressive, schizophrene oder essgestörte Menschen.

Solche psychische Erkrankungen, sagen manche Experten, nehmen zu. Andere sagen, solche Krankheitsbilder würden heute nur besser erkannt. Unstrittig ist jedenfalls, dass der gestiegene Leistungsdruck in Schule und Beruf, der erhöhte Medienkonsum via Smartphones und der häufige Verlust familiärer Strukturen das Krankheitsrisiko massiv erhöhen.

Fakt ist auch, dass immer mehr Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt scheitern, durchrutschen und letztlich zur Lebenshilfe Donau-Iller kommen, auf den „besonderen“ Arbeitsmarkt. Von Zuwachsraten in die Werkstätten von jährlich bis zu zehn Prozent spricht Lebenshilfe-Geschäftsführer Jürgen Heinz: „Wir haben es verlernt, gesund zu arbeiten.“ Zudem sind einfache Jobs weggefallen: Vieles erledigt heute der Computer, den Hof kehrt die Kehrmaschine.

Stress, Rücksichts- und Perspektivlosigkeit haben Hannelore W., Manuel S. und Karla M. genug erfahren, bis sie in den Böfinger Werkstätten anfingen. „Es ist nicht nur der Zeitdruck“, sagt Hannelore W., die Groß- und Außenhandelskauffrau gelernt und unter anderem in einem Zahntechniklabor beschäftigt war.

Wer nicht voll belastbar sei, dem werde die Arbeit schnell zu viel. Dann gebe es niemanden, dem man sich anvertrauen könne, der die Probleme hören wolle. „Hier in den Werkstätten kann ich nach meinem eigenen Tempo schaffen.“ Derzeit näht sie etwa Haltebänder an Atemmasken. Die Arbeitszeiten seien auch „lockerer“, sagt die 51-Jährige.

Zurückziehen ist möglich

Fast wie in der Schule gibt es zahlreiche fixe Pausen, keine Arbeitsphase dauert länger als ein­einhalb Stunden. Jeder habe zudem die Möglichkeit, sich rauszunehmen, wenn es ihm zu viel wird. Überdies können die Beschäftigten ihren Gruppenleiter ansprechen und werden von Sozialdienst und Ärzten eng betreut.

Wobei Termindruck auch auf den Lebenshilfe-Werkstätten lastet. Vorbei seien die Zeiten, als die Auftraggeber verspätete Lieferungen tolerierten, sagt Produktionsleiter Leonhard Waldmann. „Wir arbeiten mit großen Firmen zusammen, haben ein Zeitfenster, in dem geliefert werden muss.“ Ansonsten würde dort die Produktion still stehen. „Aber diesen Druck können wir natürlich nicht weitergeben.“ Es sei „die große Kunst“ der Gruppenleiter, Kapazitäten so zu verändern, dass die Liefertreue gehalten wird.

Manche sind zur Lebenshilfe gekommen, weil der Druck auf dem ersten Arbeitsmarkt bei ihnen auf problematische Erbanlagen stieß und Krankheiten ausbrachen. Anderen wiederum wurde übel mitgespielt. Von „schwerem Mobbing“ etwa berichtet Karla M., 48, die Französisch und Englisch auf Lehramt studiert hat. „Dann ist die Uhr bei mir rückwärts gelaufen.“ Nach Jobs etwa in einer Druckerei sei sie zur Lebenshilfe gestoßen. Ihren Job in der Arbeitsvorbereitung mache sie gerne.

Manuel S. wiederum sagt von sich selbst, er sei „ohne klare Berufsziele“ ins Leben nach der Schule gestartet, habe es mit einem Jura-Studium probiert, einen Suizidversuch unternommen. Es folgten Klinikaufenthalt, Psychiatrie, Reha. Die Arbeit bei der Lebenshilfe, er montiert Stecker an Kabel, tue ihm gut. Jeden Tag, sagt der 39-Jährige, sei er pünktlich um 8 Uhr da, früher habe er „das Problem gehabt, vom Bett aufzustehen“. Soweit war es bei Peter Bopp nie. „Aber das Thema Burn­out stand immer im Raum“, sagt der 34-Jährige.

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Krankheiten, die stigmatisiert sind


Umgang „Viele denken ja, die psychisch Kranken sind dumm oder aggressiv oder sie spielen nur die ganze Zeit Schach“, fasst eine der Beschäftigten in den Böfinger Werkstätten die üblichen Vorurteile zusammen – um gleich zu ergänzen: „Das stimmt aber alles nicht.“ Es handele sich schlicht und einfach um eine Erkrankung, ähnlich wie Diabetes. Nur werde diese stigmatisiert. „Wir wollen so akzeptiert werden, wie wir sind.“

Risiko Zu den psychischen Erkrankungen zählen beispielsweise: Depression, bipolare Störungen oder Bulimie. Strittig ist, ob diese insgesamt zunehmen oder heute nur anders diagnostiziert wird. Neben Arbeitsstress gelten die sozialen Medien mit ihrer Nachrichtenflut als Risikofaktor.