Infrastruktur Memmingen: Wird der Allgäu Airport zum Frachtflughafen?

Keine Fracht, nur Gepäck: Ein Jet von Ryanair wird auf dem Allgäu Airport beladen.
Keine Fracht, nur Gepäck: Ein Jet von Ryanair wird auf dem Allgäu Airport beladen. © Foto: Flughafen Memmingen GmbH
Region / Niko Dirner 22.09.2018
Der Allgäu Airport soll kein Frachtflughafen werden, sagt der Geschäftsführer. Neue Zahlen deuten eine andere Entwicklung an, sind aber missverständlich.

Über den Allgäu Airport sollen „Nacht- und Frachtflüge“ abgewickelt werden: So trommelten die „Bürger gegen den Fluglärm“ vor acht Jahren gegen die Ausbaupläne des Airports. Damals ging es auch um die Verlängerung der Betriebszeit um eine Stunde von 22 bis 23 Uhr. Geschäftsführer Ralf Schmid hielt dagegen: „Wo soll die Fracht herkommen?“, sagte er – und in Anspielung auf ein typisch allgäuerisches Erzeugnis: „Wir fliegen keinen Käse.“ Inzwischen sind die Ausbaupläne samt den verlängerten Betriebszeiten durch, bald sollen die Bagger anrollen. Und da wirft die aktuelle Pressemitteilung zu den bayerischen Großflughäfen des Landesamtes für Statistik doch Fragen auf.

23 Tonnen Frachtladung

Denn in dieser werden für München, Nürnberg und Memmingen für das erste Halbjahr 2018 nicht nur Starts und Landungen summiert und Passagiere gezählt, sondern auch „Fracht und Post an Bord in Tonnen“ ausgewiesen. Und da stehen bei Memmingen 23 Tonnen: 12 Tonnen Einladungen, 11 Tonnen Ausladungen. Nichts gegen die 184.989 Tonnen, die von Januar bis Juli etwa über München befördert worden sind oder den 7746 Tonnen von und nach Nürnberg – aber eben auch nicht nichts. Kramt man ältere Statistiken heraus, so zeigt sich, dass das Landesamt auch in der Jahresbilanz 2017 bereits Fracht von und nach Memmingen ausgewiesen hat, ebenfalls 23 Tonnen: 20 Tonnen Einladung, 3 Tonnen Ausladung.

23 Tonnen im gesamten Jahr 2017 also, und bereits 23 Tonnen im ersten Halbjahr 2018. Sieht nach einer Steigerung aus. Ist also doch was dran am Frachtflug-Vorwurf? Nein, sagt Airport-Sprecherin Marina Siladji. Alles sei ganz einfach zu erklären. Den Löwenanteil 2017 macht nach ihren Angaben der im Oktober durchgeführte Flug der Organisation Humedica nach Hargeisa im Norden Somalias aus. Knapp 18 Tonnen an Hilfsgütern für das von einer Hungernot betroffene afrikanische Land befanden sich damals an Bord, insbesondere Medikamente und therapeutische Zusatznahrung. Seit fünf Jahren fungiert der Flughafen Memmingen als Heimat-Airport von Humedica. Bis 2017 wurden von dort aus allerdings Ersthelfer und Ärzteteams in Katastrophengebiete entsandt. Siladji ergänzend zur Statistik: Auch die Bundeswehr habe das eine oder andere Teil über Memmingen transportiert.

Handgepäck im Flugzeugbauch

Dass es auch heuer schon 23 Tonnen Fracht in der Airport-Statistik stehen, hat mit Humedica allerdings nichts zu tun – das liegt laut Siladji an den neuen, im Januar eingeführten Handgepäcksregelungen von Ryanair. War es bis dahin möglich, kostenlos einen kleinen Koffer und eine Tasche mit ins Flugzeug zu nehmen, so muss nun das größere Gepäckstück vor dem Boarding abgegeben werden. Es wird kostenlos im Frachtraum transportiert und nach der Landung über ein Band wieder an die Passagiere ausgegeben. Dieses Gepäck deklariere Ryanair als Fracht.

Ab dem 1. November wird allerdings wieder alles anders. Denn, dass bis zu 120 Gepäckstücke am Gate aufgegeben wurden, hat laut Ryanair zu Verzögerungen von bis zu 25 Minuten geführt. Wer künftig kostenlos zwei Gepäckstücke mitnehmen will, muss zusätzlich ein „Priority Boarding“ buchen. Alle andere haben nur noch ein kleines Handgepäckstück frei. Zudem ist das „Priority Boarding“ auf 95 Passagiere pro Flug begrenzt, bei bis zu 189 Passagieren in einem Jet.

Ausbau startet im Oktober

Am 5. Oktober bereits startet der Ausbau des Airports  mit einem symbolischen Spatenstich – mit Ministerpräsident Markus Söder. Vorgesehen ist unter anderem, die Start- und Landebahn zu sanieren und von 30 auf 45 Meter zu verbreitern. Zudem sollen die Flughafenbefeuerung erneuert, das Instrumentenlandesystem optimiert, die Gepäckhalle erweitert werden. Richtig starten sollen die Arbeiten im Frühjahr 2019. Rund 21 Millionen Euro werden investiert. Den Löwenanteil übernimmt der Freistaat Bayern.

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Erstmals Sprung in die Gewinnzone geschafft

Organisation Der Allgäu Airport steht in der Region nicht nur wegen seiner Flugziele im Fokus – sondern weil er allen Steuerzahlen des Landkreises Neu-Ulm auch ein Stück weit gehört. Hat der Kreis doch 2016 bereits 100 000 Euro investiert, um zu den Gesellschaftern zu zählen. Und zuletzt hat er weitere 176 000 Euro für Anteile an der neu gegründeten Grundstücksbesitzgesellschaft gekauft.

Entwicklung Die veränderte Struktur funktioniert: Geschäftsführer Ralf Schmid konnte für 2017 den Sprung in die Gewinnzone vermelden. Zudem steigen die Passagierzahlen stetig an, von Januar bis August um 33 Prozent. Obendrauf gibt es fast wöchentlich neue Flugziele, ab 29. Oktober kommt Tel Aviv dazu.

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