Riederich Abseits der Träume liegt die Ruhe

Riederich / Anne Laaß 24.10.2018

Mit dem Öffnen der Tür tritt der Gast in eine andere Welt ein. Eine Welt, die fernab jeder westlichen Denkweise, inmitten der Ermsgemeinde Riederich liegt. Es ist still, aber nicht bedrückend. Die Menschen empfangen sich mit einer traditionellen Verbeugung, und Frischlingen wird auch ein Lächeln zugeworfen. Doch dann besinnen sich die Mitglieder und Besucher des Zenzentrums wieder auf das, wofür sie gekommen sind: Zazen.

Die Meditation am Montagabend soll den Menschen Kraft für die Woche geben, sie zur Ruhe kommen lassen und sie auch durch die Worte des Rõshi zum Nachdenken animieren. Leicht gesagt, denn aus der hektischen, digitalen Welt, in der viele Berufstätige arbeiten, entkommt man nicht auf Knopfdruck. Es gehört schon mehr dazu, als sich auf ein Kissen zu setzen und die Augen zu schließen. Zazen beispielsweise, lässt den Menschen in sich selbst versenken. Angeleitet werden die Zazenteilnehmer dabei von Zen-Meister Henry E’nõ Tai sen Rõshi. Er hat längere Zeit in Japan gelebt, wenn auch in Zyklen. Dabei entdeckte er die buddhistische Zen-Lehre Rinzai-shu für sich. Sie zählt zur zweitgrößten und, wie der Rõshi erklärte, „zur strengsten, aber klarsten Form“ des Zen-Buddhismus.

Unterstützt wird er in Riederich durch die beiden Sensei, also Zen-Lehrer, Su shô Dai’i Dõshin AN und Klaus Tadashi Taiki Dai’man Konin. Zudem leiten sie gemeinsam das Zenzentrum. Mittlerweile gibt es über 60 Menschen, die das Angebot in Anspruch nehmen. Aber was bewegt jemanden, in ein Zenzentrum zu gehen? Einer der Teilnehmer erklärte, dass er sich aus seiner Berufswelt auch einmal zurückziehen wolle. Er suchte Ruhe. Die fand er letztlich im Zen und in Riederich. „Einen Raum für mich zu haben, der durch die festen Regeln“ gestaltet wird, beschrieb eine andere Teilnehmerin den Grund, warum sie das Zentrum aufsucht. „Ich komme auch durch die Regeln zur Ruhe“, ergänzte sie. Daraufhin sagte eine weitere Besucherin: „Die Gemeinschaft, das Gemeinsame verbindet“. Zudem erlebe man eine ganz tiefe Stille, die auch im Beruf nachwirkt, erklärte wiederum eine weitere Teilnehmerin der Zeremonie. Allen Unentschlossenen rieten die Zeremonieteilnehmer: „Einfach vorbeikommen und nah sitzen.“

Für Außenstehende ist es wohl nicht leicht, den Regeln zu folgen. Die Abläufe sind festgelegt, es herrscht eine Stille, die jedoch nicht bedrückend wirkt. Es ist friedlich, ruhig und ausgeglichen. Die Meditation am Montagabend beginnt mit einem Abstreifen, einem Kontrapunkt zum eigentlichen Alltag. Auch wenn Zen, wie Henry E’nõ Tai sen Rõshi erklärt, der gelebte Alltag ist. Einem westlich orientierten Gehirn verlangt die fernöstliche Zen-Lehre doch einiges ab. Vor allem das Freimachen erlernter Muster, sei es im Beruf, im Bewerten von Menschen und Dingen oder auch im Umgang mit anderen. „Den Menschen begegnen, sie nicht beschädigen durch Worte oder Gesten, sie akzeptieren und Sympathien bekunden“, sind Anstöße, die Henry E’nõ Tai sen Rõshi gab. „Man sollte das Leben annehmen, wie es ist“, erklärte der Zen-Meister weiter. Das heißt unter anderem aber auch, den Träumen und Phantasien nicht nachzuhängen.

In der westlichen Welt werde den Träumen viel Bedeutung beigemessen. Dabei sei es ein biochemischer Prozess, der mehrfach im Schlaf vollzogen wird. Es helfe nicht, sich ausschließlich dem Vergangenen zuzuwenden oder in den Tag hinein zu träumen, so Henry E’nõ Tai sen Rõshi. Die Gründe hierfür sieht er in dem unentwegten Bewegen des Geistes. So könne man nicht zur Ruhe gelangen. Das wiederum beeinflusse alle anderen. Eine gemeinsame Übung wie das Zazen störe sich jedoch an der geringsten Bewegung, sie beeinflusst letztlich das gesamte Umfeld.

Dabei ist „Zazen das Sitzen in Versenkung“. Das schlechte Karma sollte herausgeworfen werden, bevor es in den Tempel geht. Sich gedanklich in Träumen und Phantasien verlieren, sei nicht der Weg des Zen. Doch, so argumentiert Henry E’nõ Tai sen Rõshi weiter, sind viele Menschen nicht mehr freundlich zu sich selbst. Sie sind eher in einem permanenten Zustand des Bewertens. So auch bei Träumen. Dabei bringt die Menschen ein Traum auch um den erholsamen Schlaf. Es bringe nichts, sich mit Mutwillen an einen schlechten Traum zu erinnern. Viel eher sollten sich die Menschen auf das konzentrieren, was gerade passiert.

„Du kannst keine Träume leben“, merkt Henry E’nõ Tai sen Rõshi an. Und ermuntert: „Lebe dieses Leben, es ist reich genug an Informationen und frei von Illusionen“. Die Menschen bräuchten nicht zu träumen, so kann eine verzogene Wahrnehmung entstehen. Die Realität hingegen ist genau und authentisch. Und doch flüchtet sich der Geist in Tagträume und Hirngespinste. Dem entgegen steht Zazen. Es soll helfen, indem es einen Weg bereitet, der dazu animiert, das Nötigste zu Denken.

Somit ist es durch die Stille, die lediglich von Gesang und Rezitationen unterbrochen wird, ein Ruhepol und für manche sicher ein Traum von Ruhe. Ob nun vor dem Alltag, den sich ständig in Bewegung befindenden Gedanken und dem Wertesystem.

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