Tiere Von wegen Einzelgänger

Langenau / Von Regina Frank 16.06.2018

Früher gab es ein Nest im  Dorf. Meist auf dem Kirchturm. Wenn Oliver Danner aus dem Fenster Richtung Süden schaut, sieht er drei Nester auf einmal. Dreht er sich um und schaut aus dem anderen Fenster Richtung Nordost, hat er zwei weitere Nester im Blick. Und mit den Nestern ein Naturschauspiel: Störche im Anflug, Störche bei der Aufzucht der Jungen, Storchenpaare, die sich begrüßen. Wenn Oliver Danner den Raum lüftet, klappert es ringsum.

Die Störche gehören zu seinem Arbeitsalltag. Mitten in der Stadt. In Langenau, im vierten Stock der VR-Bank. „Es ist faszinierend, so etwas zu erleben“, sagt er, „mit diesen Tieren zusammen sein zu dürfen.“ Sie im Segelflug so nah über den Dächern zu beobachten. Ihr eigentümliches Klappern zu erleben, das sich für ungeübte Ohren anhört, „wie ein Schlagbohrer in der Ferne“, aber nach einiger Zeit doch eher so, „als ob Holz auf Holz klopft“.

Die Langenauer Störche machen schon länger von sich reden. Mal treten sie im Dutzend neben einem Heuwender auf, mal versammeln sich gleich zwei Dutzend auf einem Kirchendach. Aber was sich zur Zeit in der Stadt abspielt, sucht weit und breit seinesgleichen: Es gibt dieses Jahr elf Storchennester, zwei im angrenzenden Ried, eines in einem Teilort – und acht im engeren Stadtgebiet.

In der Stadt geschlüpft

Die Störche kommen in die Stadt. „Sie haben sich umgestellt“, sagt Vogelkundler Hans Frölich. Viele schlüpfen in der Stadt, sind somit von Beginn an Menschen gewohnt und ohne Scheu. Sie nehmen Nisthilfen, die Vogelfreunde für sie aufstellen, gerne an. In Langenau zeigt sich zudem ein weiteres von Experten beschriebenes Phänomen: Wo sich schon viele Störche tummeln,  zieht dies weitere Artgenossen an. Und: Der Ruf des Einzelgängers muss revidiert werden. Zwei Storchenpaare teilen sich sogar einen Dachfirst und brüten wenige Meter von einander entfernt.

Die Rückkehr des Weißstorchs freut den Bürgermeister. Er hat selbst einen Horst auf dem Dach. An seinem Dienstsitz auf dem Rathaus. Einen von den Tieren selbst gebauten, wohlgemerkt. Bevölkerung und Gäste finden es „toll, dass sie sich hier ansiedeln“, sagt Daniel Salemi. Unlängst flog ein Storch mit Nistmaterial im Schnabel just in dem Augenblick vorbei, als Richtfest für einen neuen Kindergarten gefeiert wurde. Ein bewegender Moment, nicht nur für die Kinder. Auch bei Altersjubilar-Besuchen kommt oft die Rede auf die Störche, berichtet der Bürgermeister, „viele erinnern sich an die Kindheit und finden es schön, dass die Störche wieder da sind“.

„Wir sind sehr stolz auf das Thema“, sagt er, aber der Langenauer sei von seinem Wesen her eben auch sehr zurückhaltend. Insbesondere mit Errungenschaften. Soll heißen: Fürs Image herhalten müssen die Störche nicht. Salemi hält es jedenfalls für unwahrscheinlich, dass Langenau „Storchenstadt“ werden will, so wie Riedlingen es vormacht.

Natur ist freilich nicht reine Idylle, sie hat auch eine Kehrseite: Große Vögel produzieren große Mengen Kot. Wobei das nicht das Hauptproblem ist, auch wenn es wegen der großflächig verschmutzten Dächer so scheint. Frölich sagt: „Der Regen macht das Dach wieder sauber.“  Er weiß von keinem Fall, in dem es Probleme mit den Dachziegeln gegeben hätte. Zu größeren Schäden kann etwas ganz anderes führen: mit Reisig verstopfte Dachrinnen. Frölich: „Man muss gut kontrollieren, dass die frei sind.“

Körbe auf Lager

Ungeachtet der Unannehmlichkeiten kommen Hausbesitzer auf den Vogelkundler zu, die gerne ein Nest auf dem Dach hätten. Andere, denen ein Storch ungebeten zuflog, bitten um Umsiedlungshilfe. Frölich, ein gelernter Landmaschinenmechaniker,  konstruierte und baute einst selber Gestelle und Körbe. Heute lässt er sie vom Schlosser anfertigen und hält ein paar auf Lager bereit. Denn: Wenn Störche mit Nestbauen beginnen, muss es schnell gehen mit dem Umzugsangebot.

Oliver Danner erlebt gerade, dass das Naturschauspiel auch dramatische Ereignisse beinhaltet: Die zwei Jungtiere im Nest auf dem Kaffenbergerhaus lagen eines morgens regungslos da. Sie sind verendet. Das Storchenpaar hatte zum ersten Mal gebrütet, war unerfahren und konnte den Nachwuchs offenbar bei Starkregen nicht ausreichend vor Nässe und Kälte schützen. Die Jungen starben wahrscheinlich an Unterkühlung, vermutet Frölich. „Das ist eben Natur.“ Die Kadaver blieben einige Tage im Nest liegen. Der Vogelkundler wollte die Altstörche nicht gleich stören: „Die wollen auch Abschied nehmen.“

Das mit Abstand größte Vorkommen in der Region

Einordnung Bei der Langenauer Storchen-Population handelt es sich um das „mit Abstand größte Vorkommen“ in der Region. So lautet die Einschätzung von Rainer Deschle, Storchenbeauftragter beim Regierungspräsidium Tübingen und zuständig für den Alb-Donau-Kreis.

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