Vortrag Megatrends auf der Spur

Kurzweiliger Vortrag im Pfleghof: Professor Franz Josef Radermacher.
Kurzweiliger Vortrag im Pfleghof: Professor Franz Josef Radermacher. © Foto: Oliver Heider
Langenau / Oliver Heider 10.11.2018

Globalisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Wachstum der Weltbevölkerung, Urbanisierung und die Rolle der Frau außerhalb der Haussphäre: Das sind nach Ansicht des Ulmer Professor Franz Josef Radermacher „die Kräfte, die unsere Welt formen“.

180 Besucher sind am Donnerstagabend in den Pfleghof nach Langenau gekommen, um den 68-jährigen Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung live zu erleben. „Einen der profiliertesten Redner“ im deutschsprachigen Raum, wie es Harald Ostermeir vom veranstaltenden Gewerbe- und Handelsverein (GHV) formulierte.

Rund eineinhalb Stunden lang zeichnete Radermacher in seinem kurzweiligen Vortrag „Der Wirtschaftsstandort Deutschland im Spannungsfeld wirkungsmächtiger Megatrends“ ein düsteres Bild: „Es passiert etwas ganz Furchtbares, das uns alles um die Ohren hauen kann.“ Die Weltbevölkerung werde explodieren (bis 2050 sind es zehn Milliarden Menschen), vor allem in Afrika. Die Leute dort seien nicht satt, hätten aber Smartphones und Internet, sähen so „eine Welt voller Möglichkeiten“. Viele werden sich nach Europa aufmachen.

In geschliffenen Wortspielen und mit beeindruckenden Zahlen zeigte Radermacher auf, wie sich die Einkommensverteilung weltweit verschiebt, Wutbürger Hass gegen Eliten und eine nicht realistische Politik entwickeln. Es gebe Tendenzen zur Re-Nationalisierung. Der Brexit sei „ein nicht zu steigernder Schwachsinn“. Radermacher: „Ich hoffe und bete, dass wir beim Schweizer Modell landen: Man ist drinnen, tut aber so, als wäre man draußen.“

Stichwort Urbanisierung: „Die Städte gehen in die Luft“, befürchtet Radermacher und spannte den Bogen zur dramatischen Ressourcen- und Klima-Entwicklung: „Wir diskutieren in Deutschland, als seien unsere Emissionen das Problem der Welt.“ Dies seien vielmehr China und Indien, nicht die deutsche Autoindustrie. Und: „Elektroautos sind klimatechnisch Schwachsinn.“ Speziell wenn sie mit Kohlestrom fahren. Auch werde der Entstehungsprozess nicht eingerechnet.

Aufforsten in den Tropen

„Es war ziemlich frustrierend, was ich erzählt habe, oder?“, fragte Radermacher das Publikum. Doch es gebe Hoffnung. Im „Marshall-Plan für Afrika“ spiele Holz eine große Rolle. Radermacher, ein Mitglied des Club of Rome, plädiert dafür, im tropischen Afrika riesige Flächen mit Sekundär-Wald aufzuforsten. Das sei fürs Klima gut, schaffe Arbeitsplätze, stärke Biodiversität, produziere Nahrung. Generell solle mehr Holz statt Beton verbaut werden. Zudem sei es möglich, synthetische Kraftstoffe (Methanol) herzustellen. „Die sind klimaneutral, wenn man es richtig macht.“ Große Leuchtturmprojekte seien in Vorbereitung.

Ferner sieht er große Chancen in einer Allianz für Entwicklung und Klima, die in den nächsten Wochen ins Leben gerufen werde. Dabei  werden Geldgeber gesucht, um klimaneutral zu produzieren und zu leben. „Jeder kann mitmachen“, sagte Radermacher. Privatleute, Firmen. „Auch die Stadt Langenau.“ Hart ins Gericht ging der Professor mit Nicht-Regierungsorganisationen, die oft von „Greenwashing“ oder „Ablasshandel“ sprächen. Was dazu führe, dass Firmen ihre internationalen Kompensationen nicht öffentlich machen. Das ärgere ihn. Denn: „Ich halte das für die einzige Lösung des Klimaproblems.“

Kritische Nachfragen

Während Ostermeir – wie viele andere – „fasziniert“ war, gab es in der 45-minütigen Diskussion auch kritische Nachfragen. Etwa zum Dieselskandal, den Autoherstellern oder zur geringen Resonanz der Lösungsansätze in den Medien. Ein Mann sah in den Vortragsthemen „nix Neues“. In der Tat existierten manche Probleme 50 Jahre, sagte Radermacher. Es nun aber Zeit, endlich Lösungen zu finden.

180

Besucher haben den spannenden Vortrag von Professor Franz Josef Radermacher am Donnerstagabend verfolgt. Im Langenauer Pfleghof. Dorthin war das – ursprünglich für die Stadthalle geplante – Event verlegt worden, nachdem der Kartenverkauf schleppend angelaufen war. Nach Angaben von Lea Napierala, der stellvertretenden Vorsitzenden des veranstaltenden Gewerbe- und Handelsvereins (GHV), hätten kurzfristig 300 Karten verkauft werden können. Für die Stadthalle aber immer noch zu wenig. Die ist für 400 und mehr Besucher geeignet.

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