Natur Kampf gegen Windmühlen

Berghülen / Joachim Striebel 06.09.2018

Mäht der Landwirt Grüngut, fliegen Insekten auf, darunter stattliche Heuschrecken. Die locken den Roten Milan an, der die grünen Flieger in der Luft schnappt. Auch die Bodenbearbeitung bereitet dem Raubvogel einen Tisch: Er holt sich Mäuse und anderes Kleingetier. Wo sich Windräder drehen, kommt der Milan bei der Jagd in Gefahr. Rolf Böhringer von der Alb Naturenergie schaltet deswegen sein neues Windrad bei Berghülen immer dann zwei Tage lang ab, wenn auf den Flächen drumherum gemäht oder geackert wird. Eine freiwillige Verpflichtung, die er im Genehmigungsverfahren eingegangen ist. „Das finde ich super“, sagt Dr. Marion Gschweng. Die Biologin aus Berghülen kämpft dafür, diese Regelung auch bei den anderen fünf Windrädern anzuwenden, die sich zwischen Blaubeuren-Wennenden und Berghülen drehen. Doch bisher ohne Erfolg.

Nach ihren Forschungen ist das Gebiet ein bevorzugtes Jagdrevier des Roten Milan. Das beweist auch die Auswertung eines GPS-Senders, mit dem die Greifvogelexpertin im Auftrag der Vogelwarte Radolfzell einen Vogel ausgestattet hatte. Der brütete 1,4 Kilometer entfernt von einer Anlage, unter der er im Frühjahr 2018 tot aufgefunden wurde (wir berichteten). Der Ring und der Sender wurden damals von einem Spaziergänger geborgen, den Kadaver hat wohl der Fuchs geholt. So konnte die Todesursache nicht eindeutig festgestellt werden. Für Marion Gschweng steht aber fest, dass es sich um ein „Schlagopfer“ handelt.

Nicht dieser Fund allein ist für sie Grund, sich mit aller Kraft für eine zeitweilige Abschaltung der Windräder einzusetzen. Zusätzlich zu den sechs ihr bisher bekannten Rotmilan-Paaren bei Berghülen hat sie jetzt einen weiteren erfolgreich bebrüteten Horst entdeckt. Der liege für fünf der Berghüler Anlagen in einem „sehr kritischen Abstand“.

Bei der Genehmigung von Windkraftanlagen gilt in Baden-Württemberg eine Abstandsregelung zu Rotmilan-Horsten von 1000 Metern. „Viel zu gering“, sagt die Ornithologin Gschweng. In anderen Bundesländern gilt ein Mindestabstand von 1500 Metern. Sie hat sich ans Bundesumweltministerium gewandt. Antwort von dort: Rechtlich ist nichts zu machen, die Länder entscheiden selber.

Nach Gschwengs Auffassung handelt es sich beim Windkraft-Vorranggebiet Berghülen um ein „Dichtezentrum“ des Rotmilans, in dem nicht hätte gebaut werden dürfen. Dass ein im Rahmen von Genehmigungsverfahren erstelltes Gutachten etwas anderes ergeben habe, liege daran, dass zur falschen Zeit nach den Horsten geschaut worden sei, als die Milane nicht da waren.

Alles sei sehr sorgfältig geprüft worden, argumentiert das Landratsamt Alb-Donau-Kreis als zuständige Genehmigungsbehörde. Zu Gschwengs Forderung, von den Betreibern nun eine zeitweilige Abschaltung zu fordern, sagt Reinhold Ranz, Leiter des Fachdienstes Umweltschutz: „Der Totfund eines Milans führt nicht dazu, dass die Bestandskraft der zwischen 2001 und 2012 genehmigten Windenergieanlagen im Windpark Berghülen angetastet werden kann.“ Es habe aber Gespräche mit den Betreibern gegeben.

Kein erhöhtes Tötungsrisiko

Marion Gschweng hat sich ihrerseits an die ENBW gewandt, die im Windpark drei Anlagen betreibt. „Es gibt kein Entgegenkommen“, musste sie feststellen. „Dabei würde eine Abschaltung das Kollisionsrisiko deutlich minimieren.“ Der Ertragsausfall müsste doch wohl zu verkraften sein, meint sie.

Die ENBW sehe keine Hinweise auf ein erhöhtes Tötungsrisiko, sagt Sprecher Jörg Busse. Es sei nicht geklärt, woran der aufgefundene Milan gestorben sei, zudem habe das Tier nicht unter einer ENBW-Anlage gelegen. „Jeder Einzelfall ist bedauerlich“, sagt der Sprecher. Gebe es eine neue Sachlage, müsse die Sache freilich neu bewertet werden. „Wir stehen im Austausch mit der Genehmigungsbehörde.“

Für Marion Gschweng gibt es die derzeitige Sachlage her, nachträglich eine Abschaltung zu fordern. In einem Fall in Norddeutschland sei sogar ein entsprechendes Gerichtsurteil ergangen.

Rotmilan-Horst verschwunden

Verlust Marion Gschweng hat festgestellt, dass ein Rotmilan-Horst in der Nähe des Windkraft-Vorranggebiets verschwunden ist. Äste unter dem Nest seien abgeknickt worden, vom Horst sei nichts mehr zu sehen gewesen. Die Biologin, die keinen konkreten Verdacht hegt, hat die Stelle zusammen mit dem Revierförster untersucht. Sie gibt den Vorfall an eine nationale Meldestelle weiter.  „Wir werden den Sachverhalt prüfen, sobald uns nähere Angaben dazu vorliegen“, sagt Reinhold Ranz vom Landratsamt.

Verbreitung Der Rote Milan gehört zu den größten heimischen Greifvögeln. Er erreicht eine Flügelspannweite von 175 Zentimetern. Laut Naturschutzbund (Nabu) liegt einer der Verbreitungsschwerpunkte in Baden-Württemberg mit rund 1000 Brutpaaren. Das Land trage somit eine besondere Verantwortung für diese Vogelart.

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