Langenau / Barbara Hinzpeter, Petra Laible  Uhr
Die Bahn setzt das umstrittene Pflanzengift zur Instandhaltung der Gleise ein – auch auf der Brenzbahn? In Langenau hat ein Glyphosat-Zug Halt gemacht.

Der Schriftzug des Chemiekonzerns Bayer auf den beiden Tankwaggons ist ihm gleich ins Auge gestochen. Im Grunde fiel dem Langenauer der ganze graue Zug, der am 25. Mai gegen 14 Uhr in Langenau Station machte, unangenehm auf. „Der sah so düster aus, wie aus den 50er Jahren.“

Er war an dem Samstag gerade dabei, seine Familie nach dem Aktionstag anlässlich 70 Jahre Grundgesetz abzuholen. Zwei Arbeiter, die aus dem Zug kamen und Kaffeepause machten, habe er angesprochen: Was sie da tun? „Wir sorgen dafür, dass die Gleise in Ordnung bleiben“, habe einer geantwortet. Worauf er mit „Ach so, ihr spritzt“ reagiert habe. Auf seine Nachfrage „Mit was?“ habe der Arbeiter geantwortet: „Mit Glyphosat, was anderes nutzt da nichts.“ Das umstrittene Pflanzengift, noch dazu am Rande eines Wasserschutzgebiets – der Langenauer ist entsetzt. Die Trasse der Brenzbahn verläuft durch das Wasserschutzgebiet Donauried-Hürbe.

Zur Frage, ob auf der Brenzbahn die Gleise mit Glyphosat besprüht worden sind, will sich ein Sprecher der Deutschen Bahn allerdings nicht äußern. „Das werden wir im Nachgang nicht mehr auseinanderdröseln können.“

Nur soviel: Es gebe klare Richtlinien der Bahn für die Verwendung von Glyphosat. Dieses werde nicht in Schutzgebieten, über offenen Gewässern sowie auf Brücken angewendet. Alternativ kämen dort „konservative Mittel“ zum Einsatz: Pflanzen werden von Hand zurückgeschnitten oder entfernt.

Deutsche Bahn war größter Einzelabnehmer

2017 versprühte die Deutsche Bahn (DB) nach eigenen Angaben bundesweit rund 67 Tonnen des Pflanzengifts Glyphosat und war damit der größte Einzelabnehmer. Neuere Zahlen gebe es nicht, sagt der Bahnsprecher weiter. In Deutschland wurden 2017 nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) rund 4700 Tonnen Glyphosat verkauft.

„Die Vegetationskontrolle ist unverzichtbar für einen sicheren Bahnbetrieb“, erklärt der Bahnsprecher.  So soll Glyphosat verhindern, dass Pflanzen und deren Wurzeln das Schotterbett durchsetzen. Die DB verwende nur Herbizide, die vom BVL speziell für den Gleisbereich zugelassen sind. Fachfirmen würden die Mittel im Auftrag ausbringen.

„Uns ist bekannt, dass die Bahn Spritzmittel im Gleis einsetzt“, sagt Bernhard Röhrle, Sprecher der Landeswasserversorgung (LW). „Aber wir wissen nicht, wann, was und in welchen Mengen gespritzt wird.“ Die Landeswasserversorgung lehne das Herbizid Glyphosat grundsätzlich ab, solange der Verdacht, dass es Krebs erregen könne, nicht durch ein unabhängiges Gutachten ausgeräumt sei. Während die Werte im Grund-, Quell- und Trinkwasser unter der Bestimmungsgrenze lagen, haben Fachleute der LW das als schnell abbaubar geltende Pflanzengift im Oberflächenwasser von Donau, Blau und Roth sowie in Gräben im Donauried nachgewiesen.

Das könnte laut Röhrle zweierlei Ursachen haben: Entweder wird das Glyphosat doch nicht so schnell abgebaut, oder es wird in großen Mengen gespritzt. Für die LW stellt die temporäre Grenzwertüberschreitung „eine Gefährdung für die Trinkwasserversorgung ... aus Donauwasser dar“, heißt es in einem Positionspapier des Zweckverbands. Dieser klagt wie berichtet gegen das Land, um Einsicht in die Daten über den Einsatz von Spritzmitteln der Landwirtschaft im Wasserschutzgebiet zu bekommen. Gemessen an den landwirtschaftlichen und sonstigen Flächen im Schutzgebiet entfalle auf die Bahnlinie trotz ihrer Länge nur ein kleiner Bruchteil. Allerdings wäre auch in diesem Bereich Transparenz nötig, sagt Röhrle. „Wir werden ein entsprechendes Schreiben an die Bahn schicken.“ Er verweist darauf, dass auch in Hausgärten „oft großzügig“ gespritzt werde. Darüber belastbare Daten zu bekommen, sei „eine relativ komplexe Angelegenheit“.

Vorgaben zum Schutz der Mitarbeiter sind uneinheitlich

 Offenbar setzt die Bahn einmal im Jahr auf ihren rund 33.500 Kilometern Schienennetz Sprühzüge ein, um die Gleise mit Glyphosat und anderen Herbiziden zu behandeln. Bei der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist zu erfahren, dass zu Beginn eines Jahres die Umlaufplanung der Sprühzüge an die betreffenden Bereiche gegeben wird. Schon allein, damit Arbeiten im Gleisbereich rund um die Sprühfahrten geplant werden können. Die Vorgaben zum Schutz der Mitarbeiter seien uneinheitlich.

Er habe kurz nach der Sichtung der Bayer-Waggons Post von der Bahn bekommen, erzählt der Langenauer noch, Inhaber einer „grünen Bahncard“. Thema der Werbung: die grünen Projekte der Bahn. „Das passt doch wie die Faust aufs Auge.“

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Bahn bezeichnet sich als Umweltvorreiter

Glyphosat: Das Totalherbizid Glyphosat tötet nach Angaben des BUND jede Pflanze, die nicht gentechnisch so verändert wurde, dass sie den Herbizideinsatz überlebt. Bekannt ist es vor allem unter dem Markennamen „Roundup“. Glyphosat ist nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wahrscheinlich krebserregend für den Menschen. Außerdem ist das Spritzgift eine Bedrohung für die Artenvielfalt. Im November 2017 wurde die Zulassung von Glyphosat in der Europäischen Union um fünf Jahre verlängert.

Aktionsplan: Die Deutsche Bahn, die sich auch als „Umweltvorreiter“ bezeichnet, hat einen Aktionsplan Vegetation erstellt, in dem von „vier Säulen der ganzheitlichen Vegetationspflege“ die Rede ist. Darin ist festgelegt, wie Bäume und Pflanzen zurückgeschnitten oder entfernt werden. Der Einsatz von Herbiziden erfolge nur dort, wo es unbedingt erforderlich ist. Im Jahr 2017 wurden 93 Prozent der Gleise mit Herbiziden behandelt. Eingesetzt worden seien die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit speziell für den Gleisbereich zugelassenen Wirkstoffe Flazasulfuron, Flumioxazin und Glyphosat. Die Diskussionen zum Glyphosat würden intensiv verfolgt. Alternative Verfahren gebe es derzeit noch nicht.