Denkwürdige Gemeinderatssitzung in Wain! Nahezu 100 Bürger, vom Jugendlichen bis zum betagten Senior, haben Bürgermeister Stephan Mantz am Donnerstag öffentlich ihr Vertrauen bekundet. Aus den Reihen der Zuhörer und dem Gemeinderat wurden Rücktritts-Forderungen an die vier Gemeinderäte Freifrau Julia von Herman, Lotte Obrist, Faiza Gummersbach und Gerhard Berg laut. Es war der Punkt „Berichterstattung über die Stellungnahme des Landratsamtes zu einer Dienstaufsichtsbeschwerde“, der die Massen mobilisiert hatte (siehe Kasten).

Tobias Gramm nutzte zu Beginn die Einwohner-Fragen für eine Stellungnahme. Für den 23-Jährigen ist es „systematisches Mobbing“, wenn eine  „Gruppe von Leuten“ dem Bürgermeister das Leben schwer mache, seine Arbeit ständig hinterfrage, ihn ausbremse und schikaniere. Er forderte die Anwesenden auf, Flagge zu zeigen und aufzustehen. Worauf das  große Stühlerücken einsetzte und alle Zuhörer einen sichtlich gerührten Schultes mit donnerndem Applaus bedachten. Nina Bailer wollte von Lotte Obrist und Co. wissen: „Ziehen Sie einen Rücktritt in Erwägung? Welchen Weg sehen Sie, wieder zu einem wertschätzenden Umgang zu kommen?“ Stefan Fromm, der seine Sicht der Dinge seit Wochen mit tiefsinnigem Humor auf Whats-App-Kanälen geteilt hatte, wünschte sich eine transparente Behandlung der Vorkommnisse.

Unzutreffende Berichte

In einer von Faiza Gummersbach verlesenen Erklärung forderten  die vier Gemeinderäte der Fraktion „Für die Wainer Bürger“ den Rathaus-Chef auf, den brisanten Tagesordnungspunkt kurzfristig abzusetzen. Sie zweifelten die Rechtmäßigkeit einer öffentlichen Behandlung an. Gummersbach sprach zudem von unzutreffenden Berichten in Medien und Netzwerken. Man habe darüber hinaus keine Dienstaufsichtsbeschwerde erhoben, es seien lediglich „rechtliche Anfragen“ beim Landratsamt gestellt worden. An einer Beratung in dieser Angelegenheit werde man sich deshalb nicht beteiligen.

Freispruch in allen Punkten

Bürgermeister Mantz, der seinen Anwalt und den Gemeindetag zu Rate gezogen hatte, beugte sich dem erneuten Druck nicht; auch wenn er nicht auf jede einzelne Beschwerde einging und einige Punkte anschließend hinter verschlossenen Türen abhandelte. Quintessenz der behördlichen Einschätzung aus Biberach: Sämtliche Beschwerden sind entkräftet, die Arbeit des Wainer Bürgermeisters ist nicht zu beanstanden. Es seien keine „grausigen Dinge“ zu prüfen gewesen, ließ Mantz wissen. So beklagten die vier Beschwerdeführer demnach unter anderem zu wenig Informationen zu zwei Baugesuchen erhalten zu haben. Eine E-Mail-Anfrage zu einer möglichen Befangenheit sei nicht beantwortet worden und der Bürgermeister habe bei einem Ortstermin unzulässigerweise die Meinung der Gemeinderäte zu einem Bauvorhaben abgefragt. „Nichts als Formalitäten“, doch das Verwaltungshandeln sei dennoch  massiv lahmgelegt worden, sagte Mantz.

Seit acht Monaten Probleme

„Ich sehe mich als Wainer,  bin mit Herzblut Ihr Bürgermeister und habe viereinhalb Jahre lang in meinem Traumjob arbeiten dürfen“, schob er in einer persönliche Erklärung hinterher. Seit acht Monaten indes funktioniere gar nichts mehr. Eine konstruktive Arbeit im Gemeinderat sei unmöglich geworden, das Pensum, das einst in einer Monats-Sitzung erledigt wurde, sei nicht einmal mehr in zwei Sitzungen zu schaffen. „So wie es gerade läuft, macht es einfach keinen Sinn mehr“, räumte Mantz ein.

Politischer Komplott

Einen „Image-Verlust“ für die Gemeinde befürchtet Ratsmitglied Jochen Kern. „Da schämt man sich!“ Drei Gemeinderäte der Liste „Für Wainer Bürger“ seien noch nicht einmal ein Jahr im Amt, schafften es aber, mit „faktisch belanglosen Themen“ die Gremien-Arbeit auf Dauer zu lähmen. Noch deutlicher wurde Kollege Armin Bleher. Er sprach von einem politischen Komplott. Seit Monaten arbeiteten die vier Räte nicht mehr konstruktiv mit, säten statt dessen Zwietracht. Keinerlei Verständnis brachte er für die Dienstaufsichtsbeschwerde auf. „Das ist das schärfste Schwert, das ein Gemeinderat gegen einen  Bürgermeister ziehen kann. Das hat es in Wain noch nie gegeben!“

Aufforderung zum Rücktritt

Der Ort werde in ein katastrophales Licht gerückt. Weil Bleher nach „solchen Vorkommnissen“ nicht mehr an ein konstruktive Arbeiten im Gemeinderat glauben mag, forderte er die komplette Fraktion zum Rücktritt auf. Die Zuhörerschaft quittierte diese Aussage mit Beifall.

Die vier genannten Räte verließen  später die nicht-öffentliche Sitzung geschlossen.

Aus Corona-Sorge in den größeren Saal


Modalitäten Um die Vorgaben zum Schutz der Menschen in der Corona-Krise einzuhalten, hatte Bürgermeister Stephan Mantz die Sitzung kurzfristig vom Rathaus in den größeren Saal des Evangelischen Gemeindehauses verlegt. Für erwartet rund 30 Zuhörer hatte die Rathaus-Mannschaft dort mit großzügigen Abständen aufgestuhlt. Doch schon eine halbe Stunde vor Beginn füllten sich die Reihen. Immer mehr Interessierte kamen, so dass die Gäste am Ende wieder dicht an dicht saßen. „Sie sind alle freiwillig hier. Haben Sie es sich wirklich gut überlegt?“, sorgte sich der Bürgermeister vor allem um die Gesundheit vieler älterer Mitbürger. Die Sitzung wolle man auch deshalb noch durchziehen, um den Haushalt zu verabschieden und im Falle eines Falles handlungsfähig zu bleiben. „Wer weiß, wie lahmgelegt wir in den kommenden Wochen sind“, konstatierte Mantz, ohne dabei den „Teufel an die Wand malen“ zu wollen.