Landwirtschaft Silphien: Energielieferant und Bienenweide gleichermaßen

Erbach / Franz Glogger 12.09.2018

Franz Buchenscheit schaut über sein Feld. „Wie es hier wuselt! Das ist eine richtige Freude.“ Der Erbacher Landwirt sieht unzählige Insekten: Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Schwebfliegen und sogar die seltene Xylocopa iris gehören zu den Stammgästen auf seinem Feld. Die schwarz-blau glänzende Holzbiene wird wegen ihres mächtigen Körpers oft mit der Hornisse verwechselt. Ziel all der Insekten sind die gelben Blüten der Durchwachsenen Silphie.

Seit Juli blüht die zu den Korbblütlern zählende Pflanze. Noch immer sind nicht alle Knospen aufgegangen. Eine bis in den Herbst im Wind wogende Bienenweide. Das ist ein schöner Nebeneffekt. Der eigentliche Grund des Anbaus: Die Silphie eignet sich als Energiepflanze und ist potenzieller Ersatz für Mais in den Biogasanlagen. Nach einem von der Universität Bayreuth angestellten Produktionskostenvergleich liegen Silomais und Silphien gleichauf. Vorteile von Mais, wie eine etwas höhere Ausbeute von Methan, gleicht die Silphie mit anderen Talenten wie die Nutzungsdauer von bis zu 20 Jahren aus.

Aufmerksam geworden ist Buchenscheit auf die ursprünglich in Nordamerika beheimatete Pflanze durch eine Anzeige des „Energieparks Hahnennest“. Vier der fünf Höfe des zwischen Ostrach und Pfullendorf gelegenen Weilers haben sich für ein Projekt zur Energiegewinnung aus Biomasse zusammengetan. Neben dem Bau einer großen Biogasanlage haben die Landwirte das Vermarktungs- und Informationsportal „Donau-Silphie“ ins Leben gerufen: Mit Hilfe von Vertragslandwirten – derzeit 400 mit insgesamt 1000 Hektar Anbaufläche – bestellen sie die Felder und vermarkten das Produkt. Auch Buchenscheit ist den Handel eingegangen.

Im Frühjahr 2016 rückten die Hohenzollern mit einer riesigen Sämaschine in Erbach an. Diese brachte Mais und als Untersaat in der jeweils zweiten Reihe die flachen, Sonnenblumenkernen ähnelnden Samen der Silphien aus. Im Herbst wurde der Mais geerntet, die darunter ausgetriebenen blattreichen Rosetten der Silphien blieben zurück. Über den Winter stirbt die Pflanze oberirdisch komplett ab.

Wurzeln überleben Frost

Doch das Wurzelwerk wartet nur darauf, dass die Temperaturen steigen. Die wenigen milden Tage diesen Januar reichten für einen ersten, sattgrünen Schub, berichtet Buchenscheit. Bis zu drei Meter hoch werden die Pflanzen. Erst treibt ein Blütenstengel heraus, dann zwei, dann vier, dann acht. Bis zu handtellergroß werden die Blüten. Ziemlich einmalig: Der Querschnitt des Haupt­sengels ist exakt quadratisch.

Buchenscheit hat mit dem Feld wenig Arbeit. Nach dem Auskeimen hat er auf dem Acker zweimal Gärmulch ausgebracht und mit Stickstoff gedüngt. Diesbezüglich ist die Silphie ein Nimmersatt. „Mit der Ernte geht der Gehalt im Boden gegen Null.“

Es gibt keinen Schädling, der die Pflanzen befällt, Beikraut halten sie größtenteils selbst zurück, das reduziert den Einsatz von Chemie deutlich. Da die Pflanze auf dem Feld verbleibt, gibt es keine Bodenerosion, Humus wird aufgebaut. Durch das bis zu zwei Meter tiefe, ausgedehnte Wurzelsystem ist sie gut gegen Trockenheit gewappnet und nicht zuletzt: Einmal Fuß gefasst, treiben die Silphien immer wieder aus. Seit 1975 steht im Botanischen Garten der Universität Bayreuth ein Bestand ohne irgendwelche Schäden. Die Lehranstalt nennt eine Nutzungsdauer von 20 Jahren ohne Ertragsverluste.

Auf vier Feldern mit insgesamt zwei Hektar hat Buchenscheit Silphien stehen. In diesem Jahr erntet er sie zum ersten Mal. Auch als Naturliebhaber sieht der Landwirt sich bereits auf der Gewinnerseite. Einige Stauden hat er in seinem Garten gepflanzt: „Da ist immer was los. Nicht selten streiten sich vier Insekten um eine Blüte.“ Schlussendlich wird die Silphie seit diesem Jahr mit dem Faktor 0,7 als „Greening-Kultur“ angerechnet. Das bringt für Buchenscheit einen weiteren Vorteil: Er kann seine vier Felder als ökologische Vorrangflächen nachweisen.

Auch als Futterpflanze beliebt

Multitalent Die aus dem nordamerikanischen Osten stammende Wildpflanze ist ein Tausendsassa. Neben ihrer Eignung  als Rohstoff für Biogasanlagen sind Silphien beliebte Futterpflanzen für Rinder, Damwild und auch für Stallhasen. Nur Wildschweinen scheint sie nicht zu schmecken, was die Bestände reduzieren könnte. Weiter schützt sie das Grundwasser, weil sie Dünger komplett aufnimmt und wenig Nitrat hinterlässt. Der Name Silphie leitet sich aus dem wissenschaftlichen Namen „Silphium perfoliatum“ ab. Die Pflanze wird auch „Becherpflanze“ genannt wegen ihres becherförmigen Verwachsens der Blatt­stengel an ihrer Basis. Sie halten Regenwasser zurück –  ein bei Insekten willkommener Trinkbrunnen.

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