Forschung Die Suche nach dem Nichts

Alpine Techniken sind nötig bei der Erforschung des Steebschachts bei Blaubeuren-Wennenden. Bei einer Tiefe von 151 Metern ist derzeit Schluss.
Alpine Techniken sind nötig bei der Erforschung des Steebschachts bei Blaubeuren-Wennenden. Bei einer Tiefe von 151 Metern ist derzeit Schluss. © Foto: HVB/Axel Nothardt
Blaubeuren / Joachim Striebel 21.11.2018

Höhlenforscher suchen nach dem Nichts. Ihr Ziel: große Löcher. Der Höhlenverein Blaubeuren „mehrt das Wissen um das Nichts“, hat Bürgermeister Jörg Seibold mit einem Schmunzeln, aber durchaus anerkennend, beim Vortrag zum zehnjährigen Bestehen des Vereins vor 300 Gästen in der Stadthalle gesagt. Die Mitglieder seien keine Abenteurer, sondern seriöse Forscher, die ihre Arbeit in der Unterwelt akribisch dokumentierten.

„Man wirft einen Stein rein. Nach einiger Zeit macht es klack. Und es gibt ein gewaltiges Echo: Das ist das, nach was wir suchen“, sagte Daniel Geil, der Projektleiter des Höhlenvereins Blaubeuren (HVB) für den Steebschacht bei Wennenden. Der Bericht über die mühsame Forschung in dieser Höhle, die nach den Worten des Vorsitzenden Markus Boldt alpine Verhältnisse aufweist, bildete den Hauptteil des Abends. Sie ist mit 151 Metern die tiefste Höhle der Schwäbischen Alb und könnte zum Hintereingang ins rund 14 Kilometer lange Blauhöhlensystem werden. Zum Karstwasserniveau und damit zu einem möglichen Flusstunnel fehlen nur noch wenige Meter.

Schon immer floss in dem zu Blaubeuren gehörenden Weiler Wennenden Wasser in diese Doline. Die Stadt ließ den Erdfall ausschachten, um gezielt Oberflächenwasser einzuleiten. „Das Wasser muss doch irgendwo hinfließen“, sagten sich die Höhlenforscher und fingen an zu graben. Sie stabilisierten den mit der Zeit unterspülten Betonschacht mit einem neuen Fundament, gruben immer weiter nach unten, schafften mit Hilfe einer Transportbahn Material nach oben und sicherten den so geschaffenen Hohlraum mit einem Verbau aus alten Leitplanken. „Das war fast schon Bergbau“, berichtete Geil. Tiefe Spalten führen nach unten, die teils aber erst erweitert werden mussten um durchzukommen, berichtete Thomas Boldt, der Geschäftsführer des HVB.

Eindrucksvoll schilderte Geil den Moment, als bei der Arbeit mit dem Brecheisen unter ihm plötzlich Steine ins Nichts fielen. Bei der anschließenden Erkundung reichte ein 60-Meter Seil nicht aus. Per Videofilm konnten die Besucher teilhaben an der Fahrt in die Tiefe. Der natürliche Schacht ist sechs bis zehn Meter breit und weist etwas Tropfsteinschmuck auf, ist meist aber scharfkantig. „Das sind Dimensionen, die habe ich auf der Alb noch nie gesehen“, sagte Daniel Geil. Für den Aufstieg, teils mit Steigklemmen am Seil, teils an eingebauten Leitern, dauert selbst für die sportlichsten Forscher mehr als eine Stunde. „Man zwingt niemanden in den Steebschacht zu gehen. Alle machen das freiwillig“, betonte der Projektleiter. Die Kernmannschaft zählt nur vier Forscher. Versierte Höhlenforscher sind als Helfer willkommen. Denn es gibt acht mögliche Fortsetzungen in der bislang auf insgesamt 424 Meter vermessenen Höhle.

Auch in den anderen Projekten des Höhlenvereins Blaubeuren „steckt Zukunft“, sagte Vorsitzender Markus Boldt. Seine Frau Petra berichtete als Projektleiterin von der Blaubeurer Vetterhöhle, in der jüngst mit hohem Aufwand ein neuer Zugangsschacht gebaut wurde. Mit einem 3D-Laserscanner wurden in der Höhle Daten erhoben, die nicht nur der Vermessung dienen, sondern auch Grundlage für einen Film liefern, der erstmals öffentlich gezeigt wurde. Eine virtuelle Fahrt durch die „Höhle der Superlative“.

Keine Platzangst

Die Jugendgruppe des Vereins und die Höhlen-AG des Joachim-Hahn-Gymnasiums Blaubeuren forschen im „Farrenwiesschacht“ bei Justingen. Einem Luftzug folgend, hoffen die jungen Leute, große Gänge zu finden, wie der erst 15-jährige Grabungsleiter Christopher Maetze sagte. Immer weiter drang der Höhlenverein in die mittlerweile auf 468 Meter vermessene Bärentalhöhle bei Hütten vor, in der man keine Platzangst haben darf. Die Höhlenforscher seien verrückt, hat Projektleiter Klaus Sontheimer schon oft gehört. Er entgegnet: „Andere spielen Fußball.“

Schwerpunkt Jugendarbeit

Erfolgsgeschichte Eine Gruppe um Markus Boldt, die zuvor unter dem Dach der „Arge Höhle und Karst Grabenstetten“ in der Vetterhöhle forschte, gründete vor zehn Jahren den Höhlenverein Blaubeuren. Der Geschäftsführer des Landesverbands für Höhlen- und Karstforschung Baden-Württemberg, Hans Martin Luz, bescheinigte dem 42 Mitglieder zählenden Verein eine Erfolgsgeschichte und lobte die Jugendarbeit. Im Grußwort des bayerischen Höhlen-Landesverbands wurde das alle zwei Jahre veranstaltete internationale Jugend-Höhlenforschungslager hervorgehoben.

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