In der letzten halben Stunde sind weitere zehn Bestellungen eingegangen“, ruft Hans-Gerhard Fink seinen Mitarbeitern zu und wischt sich die Schweißperlen aus der Stirn. Der Agraringenieur, den viele auch Brennmeister nennen, ist gerade dabei, aus einem großen Fass hochprozentigen Alkohol in einen 20-Liter-Behälter abzufüllen. Nein, das ist kein Schwäbischer Hochland Whisky oder ein edler Gin, Genussalkohol, für den die Finch-Whiskydestillerie aus Heroldstatt über die Grenzen Süddeutschlands hinaus bekannt ist. Es ist Ethanol, das derzeit Apotheken händeringend für die Herstellung von Desinfektionsmitteln benötigen.

Produktion rund um die Uhr in Schichten

Seit knapp zwei Wochen werde in der Destillerie, die sich in Nellingen befindet, „rund um die Uhr“ in Schichten ausschließlich 92- bis 94,5-prozentiger Alkohol aus Weizen hergestellt. Anlass dafür sind Dutzende Hilferufe von Apotheken aus den Landkreisen Alb-Donau, Göppingen und Reutlingen. „Sogar aus Frankfurt hatten wir Anfragen“, erzählt Fink, der der Auffassung ist, dass „ungewöhnliche Zeiten ungewöhnliche Maßnahmen erfordern“.

2000 Liter Desinfektionsmittel aus 1500 Litern Ethanol

Fink kann in seiner Brennerei selbst maischen: In der Anlage wird Getreide mit Wasser und Hefe vergoren und destilliert. Fünf Tage dauert die Vergärung. Pro Tag produziert die Destillerie derzeit 1500 Liter Ethanol. Mit dieser Menge können Apotheken im Schnitt 2000 bis 2500 Liter Desinfektionsmittel herstellen.

Eine entsprechende Sondererlaubnis hat Fink vom Hauptzollamt in Ulm erhalten. Diese besagt, dass er Ethanol, auch Neutralalkohol genannt, für Desinfektionsmittel herstellen darf. Sie gilt noch bis Ende Mai. „Ich gehe aber davon aus, dass es eine Verlängerung gibt“, meint der Brennmeister.

Fehler liegt in der Vergangenheit

Früher hätten in Deutschland sogenannte Verschlussbrennereien ganz legal Ethanol aus Obst, Kartoffeln oder Weizen herstellen dürfen, erzählt Fink. 2013 wurde das Monopol abgeschafft, Roh­ethanol wird mittlerweile auf dem Weltmarkt eingekauft. Das sei im Normalfall günstig, im Corona-Krisenfall, wie derzeit, aber problematisch, weil zum Beispiel Brasilien und Indien nicht mehr liefern können. „Jetzt rächt sich das, was die Politik vor Jahren durchgesetzt hat“, ärgert sich Fink.

Während des Gesprächs klingelt wieder das Handy. Eine Apotheke aus Münsingen braucht dringend Nachschub. „Ja, ich komme nachher vorbei, muss sowieso in die Richtung“, sagt Fink, dem langsam die Kanister ausgehen, weshalb er kürzlich hunderte Bag-in-Boxen bestellt hat, die man von Direktsäften her kennt.

„Möchte kein Geld mit der Not der Menschen verdienen“

Um die Arbeit zu bewältigen, helfen seine Söhne Jörg-Daniel (16) und Fabian-Johannes (18) mit. Das Ethanol wird nämlich nicht verschickt, sondern direkt zu den Apotheken nach Blaubeuren, Ehingen, Göppingen, Bad Urach und in vielen anderen Städten ausgefahren. „Meine Angestellten machen seit Tagen nur noch Voll- anstatt Teilzeit und viele Überstunden“, sagt Fink.

Destillierer Pascal Marre aus Merklingen komme kaum noch zum Schlafen. Man könnte bei einer so starken Nachfrage denken, dass die Destillerie hohe Einnahmen verzeichnet. Doch dem sei nicht so. Der Brennmeister gibt den Neutralalkohol „zu den Produktionskosten“ weiter, wie er sagt. „Ich möchte kein Geld mit der Not der Menschen verdienen“, betont der Unternehmer.

Bis zu 400 Liter täglich

Seit zwei Tagen produziert auch die Brennerei Feller in Dietenheim-Regglisweiler (Alb-Donau-Kreis) Hochprozentiges aus Weizen für Apotheken von nah und fern. „Ich habe Hilferufe aus ganz Deutschland erhalten“, sagt Geschäftsführer Roland Feller, der täglich inzwischen bis zu 400 Liter herstellt. Der Vertrieb von Genussalkohol sei in den vergangenen Tagen um 95 Prozent zurückgegangen, deshalb sei er froh, mit seinem Ethanol „Gutes für die Allgemeinheit“ tun zu können.

Das sagt auch Georg Birkle, Geschäftsführer der Brennerei Birkles Tröpfle in Weißenhorn. Er hatte am Dienstag Mitarbeiter des Zolls im Haus, mit denen er über das weitere Vorgehen beraten wollte. Birkle geht davon aus, dass er bald mit der Produktion von Ethanol für Apotheken und Krankenhäuser beginnen kann, von denen er schon zahlreiche Anfragen erhalten hat.

Alkohol kann steuerfrei hergestellt werden


Genehmigung Der Landesverband der Klein- und Obstbrenner Südwürttemberg-Hohenzollern teilt auf seiner Homepage mit, dass das Bundesfinanzministerium inzwischen den sogenannten Abfindungsbrennern genehmigt, über ihr bestehendes Kontingent hinaus Alkohol steuerfrei zu produzieren. Die Betriebe dürfen diesen Alkohol an Apotheken und andere „von den Ausnahmeregelungen umfasste Berechtigte“ abgeben, sofern nachgewiesen wird, dass der Alkohol zur Herstellung von Desinfektionsmitteln verwendet wird.