Ulm / Fabian Ziehe  Uhr

Freiburgs OB Martin Horn hat am Abend der Abstimmung über das neue Dietenbach-Quartier Versöhnliches und Richtiges gesagt – doch lag er in einem Punkt daneben. Die Abstimmung, die am Sonntag mit einem Votum für das Viertel am Stadtrand für 15 000 Menschen endete, war keine Entscheidung „zwischen ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit“. Denn weder die eine noch die andere Option ist per se „nachhaltig“.

Gerade die Grünen hatten argumentiert, dass mehrgeschossige Wohnblöcke mit Anschluss an den städtischen Nah- und Fahrradverkehr Pendlerströme eindämmen und im Umland Fläche sparen. Dort sei Besiedelung flächenfressender, da weniger kompakt. Das ist nachvollziehbar.

Dennoch: Gut 100 Hektar werden nun versiegelt. Trotz ökologischem Ausgleich etwa durch aufgewertete Naturschutzgebiete: Die Flächen sind weg. Seit Jahrzehnten kennt man das Problem – und hat in den vergangenen 20 Jahren dennoch 50 000 Hektar mehr Fläche mit Häusern, Straßen und Schienen zugepflastert. Das ist zweieinhalb mal das Stadtgebiet Stuttgart. Die Flüchtlingskrise diente manchem dazu, gute Vorsätze flugs wieder über Bord zu werfen.

Nun zieht das universitäre, urbane, wirtschaftsstarke Freiburg Menschen und Firmen an – wie Stuttgart, Tübingen, Ulm. Trotz des Schließens von Baulücken, dem Vermeiden von Leerstand, dem Fördern von Gebäudeaufstockung und dem Bebauen von Brachen: Der Zustrom wird so nicht bewältigt. Insofern haben die Freiburger richtig entscheiden.

Nachhaltig in der ökologischen Dimension wird das Ganze aber erst, wenn man so viel Fläche abknapst, wie man irgendwo anders zurückgibt – davon ist man landesweit deutlich entfernt, selbst wenn man die Bevölkerungsentwicklung gegenrechnet.

In der Tendenz bewohnt jeder Baden-Württemberger stetig mehr Fläche. Nicht immer gewollt: So scheut mancher Senior den Umzug in eine kleine Wohnung, da die Miete dort noch höher ist. Deshalb muss der Staat lenkend eingreifen – über Anreize, zur Not mit Gesetzen.

Das dient auch der sozialen Nachhaltigkeit. Im neuen Dietenbach­-Quartier sollen Genossenschaften, kommunale Bauträger und Baugruppen bauen – um langfristig eine soziale Durchmischung zu garantieren. Das ist gut und richtig.

Ein neuer Stadtteil ist aber keine Insel: Überall braucht es Durchmischung, muss der Student, der Senior, der Arbeiter Wohnraum finden. Ein neues Quartier allein ist nicht die Antwort  – zumal wenn Kommunen sozialen Wohnraum an Investoren verscherbeln. Soziale Nachhaltigkeit muss auch sichergestellt sein, wenn die kommunalen Einnahmen mal nicht mehr so üppig sprudeln.

Die Entscheidung der Freiburger  ist richtig. Sie ist aber kein Freibrief, wieder mit Baugebieten um sich zu werfen. In den Metropolen, erst recht in der Peripherie: Der Schritt auf die grüne Wiese bleibt ultima ratio und muss mit Bemühungen flankiert werden, im Bestand für mehr Wohnraum zu sorgen. Nur dann ist „Nachhaltigkeit“ mehr als ein Etikett.

leitartikel@swp.de