Themen in diesem Artikel

Missbrauch
Stuttgart / Alfred Wiedemann

Zwei Fälle, zwei Schicksale: Das Ex-Heimkind, inzwischen 80 Jahre alt, das seine Schwester gesucht hat, dasjenige der sieben Geschwister, das einfach nicht zu finden war. Bis es gelang. Mit Hilfe des Landesarchivs in Stuttgart. Oder das ehemalige Heimkind, Jahrgang 39, dem die ersten sechs Jahre seines Lebens fehlen. Keine Unterlagen, wie ausgelöscht die Zeit bis 1945. Bis das Landesarchiv die Daten findet, der Mann endlich Gewissheit hat.

Zwei Fälle von 1800. So viele ehemalige Heimkinder oder Angehörige haben seit 2012 bei der Projektstelle „Archivrecherchen und historische Aufarbeitung der Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975“ des Landesarchivs in Stuttgart angefragt. In 95 Prozent der Fälle konnten Unterlagen gefunden werden, die benötigt wurden für Leistungen an die Ex-Heimkinder aus dem Fonds Heimerziehung.

Die Historikerinnen Nastasja Pilz und Nora Wohlfarth waren die Ansprechpartnerinnen, sechs Jahre hat das Team unter Leitung von Christian Keitel und Clemens Rehm  die Geschichte der Kinder- und Jugendheime in Baden, Württemberg und Hohenzollern  aufgearbeitet. Sie erstellten eine Liste aller Heime und Archivangebote zur Recherche. Gestern wurde in Stuttgart der Abschlussbericht vorgelegt.

Wichtigster Punkt: Viele der ehemaligen Heimkinder haben keine Zuwendung erlebt, wie es sein sollte, wenn sie aus den Familien raus in die Obhut der Heime kamen. Stattdessen durchlebten viele Schrecken und Leid.

Was das Hilfs- und Forschungsprojekt zutage gefördert hat, ist nicht repräsentativ, aber empirisch: 400 Schicksale früherer Heimkinder wurden genau beleuchtet, sagt Nastasja Pilz. 41 Prozent berichten von körperlicher und psychischer Gewalt im Heim, von Missbrauch oder Prügel. Doppelt so viele Jungen als Mädchen wurden geschlagen. Ein Fünftel der Betroffenen  ist bis heute schwer traumatisiert. Nur zwölf Prozent berichten von positiven Heimerfahrungen.  Das lasse sich nicht verallgemeinern oder hochrechnen, hieß es. Schließlich sind negative Erfahrungen nach Jahrzehnten präsenter als positive. Aber Einzelfälle waren es sicher nicht. Es führe auch nicht weiter, dafür nur kirchliche Heime verantwortlich zu machen, von „Prügelschwestern“ zu reden, sagt Wohlfahrth. „Flächendeckend“ sei Gewalt ausgeübt worden und flächendeckend sei bis in die 1970er Jahre das Desinteresse am Schicksal der Heimkinder gewesen – bei den Behörden, die die Aufsicht über die Heime hatten wie in der Gesellschaft.

Der Blick in die Akten zeigt, dass damals zahlreiche Missstände benannt wurden. Geschlossen haben die staatlichen Kontrolleure aber keines der privaten oder staatlichen Heime. Eingegriffen wurde nur mit Empfehlungen, selten mit Rüffeln oder Entlassung, berichtet Pilz. Gewalt gehörte in der Vergangenheit zur Erziehung. Aber in den Heimen ging sie weit über einst Akzeptiertes hinaus. „Kinder mussten Erbrochenes aufessen, wurden als Bettnässer präsentiert“, sagt Wohlfahrth. „Die Berichte sind beklemmend, sie machen fassungslos“, sagt Sozialminister Manne Lucha (Grüne). „Sie geben uns aber auch den Mut, dass wir das für die Zukunft besser machen. Wir müssen hinschauen, benennen, aber auch die richtigen Schlüsse ziehen.“ Heute seien 6500 Kinder und Jugendliche in den Jugendhilfeeinrichtungen im Land untergebracht.

„Es darf kein Dunkelfeld mehr geben“, sagt Lucha als Lehre aus dem dokumentierten Wegschauen der Behörden im untersuchten Zeitraum bis 1975. „Im Namen der Landesregierung entschuldige ich mich bei den Betroffenen“, sagt Lucha. Mit Blick auf Missbrauchsfälle wie in Staufen sagte der Minister, dass die Schutzfunktion des Staates etwas sei, „wo wir jeden Tag darum ringen müssen“.  „Äußerste Pingeligkeit“ der Heimaufsicht sei nötig.

Das Projekt-Ende sei nur eine Etappe. Als nächstes stehe das Aufarbeiten der Geschichte der Menschen in psychiatrischen und Behinderten-Einrichtungen an.

6

Jahre lang, seit 2012, hat das Landesarchiv ehemalige Heimkinder bei der Suche nach Spuren ihrer Vergangenheit unterstützt. Das Sozialministerium hat das Projekt zur Aufarbeitung der Heimerziehung in der Nachkriegszeit gefördert.