Die Freude ist riesig, die Begrüßung innig im Stuttgarter Rathausfoyer: Ernest Petek (76) kommt gerade aus der Haft in Stuttgart-Stammheim. Seine fünf Mitstreiterinnen der „SeniorInnen gegen Stuttgart 21“ umarmen ihn. „Ernest ist einer unserer aktivsten Mitstreiter“, sagt Ingrid von Staden. „Wir sind froh, dass er gesund ist. Wir hatten befürchtet, dass er einen Hungerstreik beginnt.“ „Zeit, dass er wieder raus kam“, sagt Ernestine Renz (87), „solange er im Gefängnis war, musste ich immer die schweren Banner tragen.“

20 Tage Ersatzfreiheitsstrafe hat Rentner Petek abgesessen. Im Juni 2013 hatte er an einer Baustelle für den Stuttgarter Tiefbahnhof zwei Tieflader mitblockiert. „Die hätten auch einen anderen Weg fahren können“, sagt Petek. Wegen Nötigung gab es aber einen Strafbefehl. Alle Widersprüche hatten keinen Erfolg.

Am Sonntag, 13. Januar, holten zwei Polizisten den Stuttgarter zum Haftantritt ab. „Die Beamten waren höflich“, sagt Petek. „Aber nicht im Recht.“ Wieder sei sein Widerspruch ignoriert worden. Die Behörden sehen das anders. Vom Polizeipräsidium ging es nach Stammheim. „Die Mitgefangenen bekamen Fußfesseln. Ich nicht.“

Schon das vierte Mal saß Petek wegen nicht akzeptierter Strafen in Zusammenhang mit dem S-21-Protest ein. Ende Februar steht der nächste Prozess an. Es geht um einen Verstoß gegen das Versammlungsrecht. Eine Demo war nicht auf dem genehmigten Weg geblieben. „Mit der Polizei war das abgesprochen“, sagt Petek. Den Strafbefehl gab es trotzdem. Bezahlen? Nein, sagt Petek. Er nehme nur sein Recht auf Demonstrationsfreiheit wahr. Überhaupt sei er nicht Stuttgart-21-Gegner, das ist dem Rentner wichtig. Er sei Streiter für den Erhalt des Kopfbahnhofs. Schon seit 1994 sei er gegen S 21 aktiv, was seither bei dem Milliardenprojekt gelaufen sei, habe die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Nun aufgeben? Nein, sagt Petek. Sitzblockaden seien ein legitimes Mittel zum Widerstand. Das habe unter bestimmten Bedingungen ja das Bundesverfassungsgericht anerkannt. In Stuttgart hätten S-21-Gegner aber keine Chance, so Peteks Meinung.

Wegen mehrere Blockadeaktionen sitzt noch ein langjähriger Aktivist gegen S 21 bis 11. Februar ein: Am 21. Januar musste er in der Justizvollzugsanstalt im bayerischen Kempten seine Ersatzfreiheitsstrafe antreten. Mitstreiter brachten ihn vom Bahnhof zum Gefängnis. 21 der 72 fälligen Tage will er absitzen. Der Rest der Strafe wird bezahlt, das Geld dafür kam über Spenden zusammen.

Der 76-Jährige sagt, dass sich in Stammheim schnell herumgesprochen habe, weshalb er einsitzt. Beim Hofaufgang sei er regelmäßig mit „Oben bleiben!“ begrüßt worden, der Forderung der Tiefbahnhofgegner. „Im Knast sagen ja alle, wir sind unschuldig“, sagt Petek „ich bin aber wirklich unschuldig, da kann man die Zeit in der Zelle ganz leicht absitzen.“ Wenn dann Gleichgesinnte draußen noch jede Menge Postkarten schreiben, mache das Mut. „Fanpost, haben die Wachleute gesagt.“

Er gebe den Widerstand erst auf, „wenn ich gesundheitlich nicht mehr kann“, sagt Petek. Solange werde er für den besseren Bahnhof und gegen das „Milliardenimmobilienprojekt“ auf die Straße gehen. Oder eben jeden Freitag ins Stuttgarter Rathaus, zur „kleinen Montagsdemo“, wie jetzt wieder.

Seit 2. Januar 2013 gibt es diese Protestaktion im Rathausfoyer. Die „SeniorInnen gegen S 21“ decken dann mit ihren Protestbannern von den bekannteren Montagsdemos gegen S 21 das Modell des neuen Bahnhofsviertels ab, das im Rathausfoyer wirbt, und verteilen Flyer gegen „Fehlplanung“ und „Milliardenverschleuderung“ des neuen Tiefbahnhofs. Von der Stadtverwaltung werde das geduldet, sagt Ingrid von Staten von den „SeniorInnen gegen S 21“. „Eine Zeitlang hat uns auch Oberbürgermeister Kuhn begrüßt.“

Die 450. Montagsdemo der Tiefbahnhofgegner ist schon durch. Bald steht der 250. Protestfreitag im Rathaus an. „Wir bleiben dran“, sagt Rentnerin Marliese Ritter. „Unnötig wie ein Kropf“ sei es, wenn man wegen des Protests ins Gefängnis müsse. „Da gehören ganz andere ins Gefängnis“. Die Rentnerinnen hören nicht auf. Und wenn das S-21-Modell unter Glas gerade in die Ecke geschoben ist, vor eine Tür der CDU-Gemeinderatsfraktion, werden die Transparente eben auf dem Boden in der Foyermitte ausgebreitet. Aufgegeben wird nicht, versichert die Handvoll Rentnerinnen. Vom Marktplatz lärmt Klatschen ins Rathaus. Draußen ist vielköpfiger Schülerprotest fürs Klima.

Großprojekt und Großprotest


Seit 1994 die Idee vom Umbau des Bahnknotens Stuttgarts vorgestellt wurde, ist das Projekt Stuttgart 21 umstritten. Im Februar 2010 ist offizieller Baubeginn. Tausende protestieren immer wieder. Im September 2010 dann der „Schwarze Donnerstag“, der Polizeieinsatz gegen Demonstranten. Es folgen Schlichtung, Weiterbau, Regierungswechsel von Schwarz zu Grün, Volksabstimmung – und immer wieder milliardenteure Kostensteigerungen. Letzter Stand: voraussichtlich rund acht Milliarden Euro Kosten und Inbetriebnahme erst im Jahr 2025. aw