Winnenden / Hans Georg Frank Peter Hönle war Einsatzleiter beim Amoklauf von Winnenden. Auf die Leistung seiner Kollegen ist er stolz. Viel hat sich bei der Polizei getan.

Denkt Peter Hönle an den beherzten Einsatz seiner drei Kollegen vom Polizeirevier Winnenden, ist er auch zehn Jahre danach voll des Lobes. „Da ziehe ich heute noch den Hut“, sagt der damalige Einsatzleiter beim Amoklauf in der Albertville-Realschule. Drei Streifenbeamte waren nach dem Notruf ausgerückt. Ohne Zögern ging das Trio in das Gebäude. „Durch das selbstlose Eingreifen unter Gefahr für das eigene Leben ist der Amokläufer verjagt worden.“

 „Er hätte definitiv weitergeschossen, es hätte viel mehr Opfer gegeben“, ist Hönle (58) überzeugt. Der Ex-Schüler tötete im Gebäude zwölf Menschen, aber er hatte morgens 284 Patronen eingesteckt. Bis die Polizisten ihm nachsetzten, hatte er 60 Kugeln abgefeuert.

Mehrere Hundert Polizisten im Einsatz

 Ein Amoklauf, bei uns? Das Szenario hielten die Beamten der damaligen Polizeidirektion Waiblingen für unwahrscheinlich. Dennoch hatten sie sich auf das Undenkbare vorbereitet: Alle waren geschult worden für den Paradigmenwechsel der Einsatztaktik. Bei großen Lagen hatte früher gegolten: Tatort abriegeln, auf Spezialeinheiten warten. Den Amoklauf in Erfurt (2002) begriff Polizeichef Ralf Michelfelder als Warnung. In 40 Stunden mussten Streifenpolizisten üben, weiteres Blutvergießen möglichst zu verhindern. „Nicht warten, sofort rein ins Objekt“, erklärt Hönle, der heute den Führungs- und Einsatzstab beim Polizeipräsidium Aalen leitet.

Haben wir aus Winnenden gelernt? Anfangs ja, sagt Amokforscherin Britta Bannenberg. Doch viele Lehren seien heute verblasst.

 An jenem Mittwoch waren 350 Beamte bei einer Besprechung, als die Horrornachricht aus Winnenden eintraf. Michelfelder schickte alle raus. Mit Verstärkung hatte Peter Hönle  800 Polizisten zu koordinieren. Etliche hatten sich selbst den Auftrag zum Einsatz erteilt – darunter ein Schwäbisch Gmünder, der kurz vorher eine Lehrerin geheiratet hatte, die nun tot in der Schule lag.

 „Kräftekonzentration“ heißt das Stichwort. Anders als mit einem Geiselnehmer könne mit einem Amokläufer nicht verhandelt werden, „der tötet nur noch“. Darauf waren die Waiblinger Einheiten vorbereitet.

Technik, Taktik und Ausstattung

Wegen der extremen Belastung gehört zu den Lehren aus Winnenden mehr als Technik und Taktik. „Auch die Größe Mensch ist nicht aus dem Blickfeld geraten“, sagt Hönle. Viel habe man dazugelernt, Know-How neu aufgebaut. Psychische Reaktionen nach dem Einsatz würden heute besser erkannt und eingeordnet. Hilfs- und Betreuungsangebote folgen einem einheitlichen Konzept.

Wie macht man weiter nach einem Amoklauf? In Winnenden versteht man ihn als Auftrag, für Rücksicht und Toleranz einzustehen.

 Die Polizei bekam „optimale Schutzausstattung“, lobt Hönle. Auch die Bewaffnung sei angepasst worden. Das Equipment taugt auch für Anti-Terror-Einsätze. Doch zufrieden ist der Fachmann nicht. Er versteht nicht, dass nicht in allen Schulen ein Notruf-Gefahren-Rettungssystem installiert ist. Nicht einmal das in Waiblingen entwickelte „Einheitliche Orientierungssystem“  muss angebracht werden. Tafeln im Format DIN A 4 weisen Rettern den schnellsten Weg: „Das wäre ein Sicherheitsgewinn mit minimalem Aufwand.“ Bisher entscheidet jeder Schulträger selbst, was er für nötig erachtet. Aber Hönle weiß, dass man auch auf das Undenkbare vorbereitet sein muss.

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