Britta Bannenberg (54) ist Professorin für Kriminologie an der Uni Gießen. Mit dem Fall Winnenden ist die Amok-Expertin eng betraut – findet aber, dass sich zu wenig geändert hat.

Frau Bannenberg, bei der Recherche haben wir oft gehört, dass Menschen nicht mehr über das Erlebte sprechen möchten. Reißt der Jahrestag Wunden wieder auf?

Britta Bannenberg: Das ist sehr vielschichtig, jeder Mensch reagiert anders. So ein Jahrestag und die Berichterstattung kann schon neues Leid mit sich bringen. Für manche ist die Sache eben nicht erledigt, die Bewältigung des Traumas ist nicht jedem gelungen. Wer noch immer an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und nur verdrängt hat, hat es jetzt natürlich besonders schwer.

Das heißt, die Zeit heilt auch nach zehn Jahren nicht alle Wunden?

Nein. Manche Betroffene haben es abgelehnt, je eine Therapie zu machen – andere haben sogar negative Erfahrungen gemacht. Es findet nicht immer die richtige Person den passenden Therapeuten, schon gar nicht nach solch extremen Ereignissen. Und leider gibt es, neben sehr guten Angeboten, auch angebliche Trauma-Therapeuten, die diesen Namen nicht verdienen.

Haben denn wenigstens Gesellschaft und Politik die richtigen Schlüsse aus Winnenden gezogen?

Gelernt haben vor allem professionelle Stellen, etwa die Polizei, die heute viel besser mit solchen Lagen und den Folgen umgehen kann, oder auch Rettungskräfte. Auch in den Schulen ist zunächst einiges passiert. Aber vieles ist auch wieder in Vergessenheit geraten, vor allem außerhalb Baden-Württembergs. So wollten die Länder eigentlich an allen Schulen Krisenteams aufbauen, die auf verdächtige Warnsignale achten. Das ist nur begrenzt geschehen, und bei denen, die es gibt, ist die Qualität sehr unterschiedlich. Amokläufe sind einfach sehr seltene Ereignisse. Da ist die Neigung groß zu sagen, das kann bei uns doch eh nicht passieren.

Winnenden

Hat der Amoklauf von München  2016 mit neun Toten das Bewusstsein nicht neu geschärft?

Da hat der Täter nicht in einer Schule geschossen, sondern in einem Einkaufszentrum. Mein Eindruck ist, dass die meisten Schulen sich deshalb gar nicht angesprochen fühlten. Dabei hätte es auch an der Schule passieren können – das hat der Täter durchaus überlegt.

Wurden durch bessere Prävention nicht auch Fälle verhindert?

Ja, auch wenn man nicht genau sagen kann, wie viele es waren. Wir haben zum Beispiel das Phänomen der Amokdrohungen untersucht, die nach Winnenden extrem zunahmen: War das nur ein Scherz, oder meinten die es ernst? Da gab es ganz bedrohliche Fälle darunter, bei denen die Planungen schon weit waren, dann aber eine Intervention durch Polizei und Psychiatrie stattfand. Man wird aber nie wissen, ob so jemand am Ende wirklich zur Waffe gegriffen hätte.

Wo sehen Sie am heute am ehesten Handlungsbedarf?

Wir haben ein relativ strenges Waffenrecht. Dennoch halte ich es immer für richtig, da noch zu verschärfen. Doch viel wichtiger als Gesetze oder auch Sicherheit in Gebäuden ist die Sensibilität in der Gesellschaft: Dass das soziale Umfeld bei jungen Menschen und Erwachsenen, die bedrohlich wirken, hinschaut und sich auch traut, die Polizei einzuschalten. Ohne die Sensibilität für diese Warnzeichen, die diese Einzeltäter alle im Vorhinein senden, wird man eine Amoktat nie verhindern können.

Info Das Beratungsnetzwerk Amokprävention der Uni Gießen und des Aktionsbündnisses Winnenden ist erreichbar unter (0641) 99 21571.

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