Mössingen / Petra Walheim Ein oder mehrere Hunde haben an zwei Tagen bei Mössingen zehn Schafe gerissen. Ein Gentest hat den Wolf als Täter ausgeschlossen.

Jedes neue gerissene Schaf feuert die Diskussion um den Wolf im Land weiter an. Was kaum zur Sprache kommt ist, dass viel mehr Schafe von Hunden gerissen werden als von Wölfen. In einem Fall bei Mössingen (Kreis Tübingen) hat ein Hund oder haben mehrere Hunde an zwei Tagen neun Schafe gerissen, ein zehntes musste getötet werden, weil es schwer verletzt war. Dass es ein Hund war, der die Schafe angefallen hat, hat die genetische Untersuchung von Riss-Proben ergeben.

Die Hundeattacken erfolgten am 31. Januar und 4. Februar, sind erst jetzt bekannt geworden. Jürgen Schneider wurde von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg als Wildtierbeauftragter und ­Revierförster in diesem Gebiet dazu gerufen und beauftragt, für die genetische Untersuchung Riss-Proben  zu entnehmen.

Wölfe töten professioneller als Hunde

Als Schneider an den „Tatort“ kam, war sein erster Eindruck, dass da kein Wolf am Werk war.  „Die Örtlichkeit und das Riss-Bild deuteten nicht auf einen Wolf hin.“ Die Schafe waren in einem offenen Stall untergebracht, der aber mit einem Wall aus Siloballen und vom Bach her mit Holz-Stapeln eingerahmt war. „Da geht normalerweise kein Wolf rein“, sagt Schneider.

Auch das Riss-Bild sei untypisch für einen Wolf gewesen. „Ein Wolf tötet professionell. Der beißt einmal zu, und das Tier ist tot.“ Bei den Schafen, die der Schafhalter vor den Stall gelegt hatte, sei zu sehen gewesen, dass der Räuber nicht sauber zugebissen hatte. „Das war mehr so ein Rumgewürge.“ Ein Schaf war am Hals so schwer verletzt, dass es getötet werden musste.

„Der erste Eindruck zählt aber nicht“, sagt Schneider. Das einzige was zähle, seien Fakten. „Und das ist die Genetik.“ Die Untersuchung der FVA hat ergeben, dass ein Hund oder mehrere Hunde die Schafe angefallen hatten.

Auch wenn die Zahl der Wolfssichtungen noch gering ist, beschäftigen sich die Landwirte intensiv mit dem Rückkehrer.

Keine Entschädigung für Schafhalter

Nach Auskunft von Jürgen Schneider ist der Hundehalter bislang nicht bekannt. Der Schafhalter habe zwar einen Verdacht, der habe sich aber bisher nicht bestätigt. So komisch es klingt, aber wäre ein Wolf in die Schafherde eingedrungen, hätte der Schafhalter vom Land für die toten Tiere eine Entschädigung erhalten. So bleibt er auf dem Schaden sitzen, sofern er keine Haftpflichtversicherung hat. Das bestätigt Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands. Auch sie war vor Ort und hat die gerissenen Schafe begutachtet. Nach ihren Informationen gibt es keinerlei Zahlen dazu, wie viele Schafe im Land von Hunden gerissen werden und welchen Schaden wildernde Hunde pro Jahr anrichten.

Jürgen Schneider ist seit fast 15 Jahren Wildtierbeauftragter und ist sicher, dass hierzulande deutlich mehr Schafe von Hunden gerissen werden als von Wölfen. Zumal es bislang erst einen Wolf gibt, der im Land ansässig ist.

Biber zernagen Dämme und unterhöhlen Straßen. Wölfe reißen Schafe. Wie soll der Mensch damit umgehen? Von André Bochow

„Hohe Gefahr“, dass Hunde Schafe reißen

Experten der Fachabteilung Wildtierökologie der  FVA wissen mehr:  „2018 wurden wir in 61 Fällen über tote Nutztiere informiert, 31 Fälle davon waren Schafe. In vier Fällen ergab die genetische Analyse „Wolf“.“ In den anderen Fällen können Luchs, Fuchs oder Hunde zugebissen haben. Die FVA werde zu Nutztier-Rissen meist nur gerufen, „wenn akuter Wolfsverdacht besteht“. Bei Übergriffen von Hunden auf Schafe sei meistens davon auszugehen, dass Hunde- und Schafhalter die Attacke unter sich regeln. Diese Risse kommen in der FVA-Statistik nicht vor.

Die Gefahr, dass Schafe von Hunden gerissen werden, schätzt die FVA als „sehr hoch“ ein. Weil deutlich mehr Hunde als Wölfe unterwegs sind und Hunde beim Auslauf häufig an Schafen vorbeikommen. „Wir haben keine Zahlen, aber den Eindruck, dass es immer wieder Übergriffe von Hunden auf Schafe und andere Tiere gibt. 2018 wurde in zwölf Fällen die Genetik von Hunden an gerissenen Wild- und Nutztieren nachgewiesen.“ Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Dunkelziffer sehr viel höher liegt.

Bisher war in allen Fällen, bei denen Schafe von Wölfen gerissen wurden, der Herdenschutz nicht ausreichend. Das gilt auch für Angriffe von Hunden. „Bisher waren die Zäune in keinem Fall ‚wolfsabweisend’“, informiert die FVA. Die Tierhalter müssten sich erst an die Anwesenheit des Wolfes gewöhnen.

Hunde reißen Alpakas

Auch in Göppingen haben Hunde Tiere gerissen: In einer Alpakaherde richteten sie vergangenes Jahr ein Blutbad an.

Trotz Leinenpflicht nicht angeleint: Ein Chow-Chow und ein Terrier dringen in ein umzäuntes Gehege ein und verletzten mehrere Alpakas zum Teil schwer.

Liste mit eindeutigen Nachweisen

Das Umweltministerium hat auf seiner Homepage eine Liste angelegt mit den eindeutigen Nachweisen von Wölfen im Land. Sie beginnt mit dem Eintrag eines Totfundes bei Mahlberg (Ortenaukreis) an der A5. Dort wurde am 22. Juni 2015 ein Wolf überfahren. Der jüngste Eintrag stammt vom 18. Februar. Der dokumentiert den Riss von zwei Schafen bei Oppenau (Ortenaukreis). Die genetische Untersuchung hat bestätigt, dass sich ein Wolf über die Tiere hergemacht hat. Ob es „GW852m“ war, konnte nicht eindeutig bestimmt werden. GW852m ist der Name des im Nordschwarzwald ansässigen Wolfs. wal