Heilbronn / Hans Georg Frank

Von der militärischen Nutzung der Heilbronner Waldheide ist nur wenig übrig geblieben. Jetzt soll auch das letzte Gebäude mit Armee-Vergangenheit abgebrochen werden. Ein früherer Hangar für Hubschrauber der US Army, der seit 1995 als Schafstall zweckentfremdet wird, ist so marode, dass die Sanierung 100 000 Euro teurer wäre als eine neue Unterkunft für 500 Muttertiere und noch einmal so viele Lämmer. Der Gemeinderat hat einem dezentralen Gedenkkonzept zur Geschichte der Waldheide zugestimmt.

Ein Sturm vor zwei Jahren hat dem Relikt aus Zeiten des Kalten Kriegs derart zugesetzt, dass das Dach stark beschädigt wurde. Die Wände sind ohnedies stellenweise durchfeuchtet. Eine einfache Sanierung stieß auf Ablehnung bei Veterinären. Sie wollen in früheren Sanitärräumen keine Tiere mehr zulassen. Weil die Immobilie mit der Inventarnummer 901 nicht unter Denkmalschutz steht, wurde im Rathaus ein Abbruch favorisiert. Ein neuer Stall wird auf 250 000 Euro veranschlagt.

Widerstand bei Pazifisten

Besonders in Kreisen der noch immer existierenden Friedensbewegung gab es erheblichen Widerstand gegen die Beseitigung dieser Erinnerung an die Existenz eines der Brennpunkte der Weltpolitik. Am Tor vor diesem Hangar hatten viele Pazifisten die Ausfahrt der Militärkonvois blockiert. Wenige Meter entfernt ging am 11. Januar 1985 eine Rakete ohne Atomsprengkopf in Flammen auf. Drei US-Soldaten starben. Durch dieses Unglück musste die offizielle Geheimhaltung aufgegeben werden. Bis dahin durfte nicht einmal der Gemeinderat von der Existenz der Pershings II wissen.

„Das Interesse an diesem Ort ist in der Öffentlichkeit nach wie vor hoch; für viele Heilbronnerinnen und Heilbronner verknüpfen sich eigene intensive Erinnerungen mit der Waldheide“, heißt es in der Vorlage 207/2018. Dennoch gibt es aus Sicht der Stadtverwaltung nach dem Abbruch des Stalls keinen Grund, „eine zentrale Gedenk- und Erinnerungsstätte an genau dieser Stelle einzurichten“. Wenigstens ein Stück der Fassade soll für die Nachwelt konserviert werden.

Das Stadtarchiv entwickelte ein dezentrales Konzept, mit dem „einzelne Orte auf dem Gelände auf einfache Weise markiert werden“. Die Geschichte soll anhand von Objekten und „kurzen medialen Beiträgen“ auf Metallstelen dokumentiert werden. Zu diesem „Netz historischer Erzählungen“ sollen Originaltöne gehören, die per QR-Code abgerufen werden können. Das Infanterieregiment 122 und erste Flugversuche lassen sich auf diese moderne Weise ebenso nachempfinden wie die Auseinandersetzung um die Aufrüstung in den 1980er Jahren.

Für den Frieden gestorben

Integriert wird die Mini-Gedenkstätte für die Soldaten John Leach, Todd A. Zephier und Darryl L. Shirley. Sie hätten „für ihr Land und für den Frieden“ ihr Leben geopfert, ist zu lesen. Alljährlich am 11. Januar wird in einer kurzen Zeremonie in eher kleinem Kreis die US-Flagge gehisst.

„Der Ort des Schreckens steht heute für Frieden, auch zwischen Mensch und Natur“, betonte Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) in der Sitzung des Gemeinderates. Auch die Schafe werden als „Symbol der Konversion“ verstanden, halten sie doch die ehemals militärische Liegenschaft als „hochfrequentiertes Naherholungsgebiet“ frei von Verwilderung. Damit wird an die ursprüngliche Beweidung angeknüpft.

Raketenbunker zugedeckt

Von der 45-jährigen Anwesenheit der Amerikaner ist sonst kaum mehr etwas zu entdecken. Die Stadt Heilbronn steckte 1,1 Millionen Euro in die Rekultivierung der 50 Hektar, die sie 1992 vom Bund erworben hat. Wer nichts weiß über das abgeräumte atomare Pulverfass, dem fällt die einstige Zweckbestimmung der grünen Metallpfosten als Hindernisse gegen Eindringlinge nicht auf. Die Raketenbunker sind zugedeckt mit 50 000 Kubikmeter Bauschutt; darauf wachsen mittlerweile Bäume. Der allerletzte Wachturm versteckt sich gut getarnt im dichten Unterholz.

40 Atomraketen im Fort Redleg

Das Militär bemächtigte sich 1883 des Geländes aus Wald und Heide. Zunächst wurden 16 Hektar als Exerzierfläche zweckentfremdet. Die Wehrmacht beanspruchte ab 1935 über 400 Hektar, auf einem ebenen Teil wurde ein Flugplatz angelegt. 1945 übernahm die US-Armee das Areal, das sie massiv befestigte.

Atomraketen stationierten die Amerikaner ab 1977 in dem Stützpunkt, den sie „Fort Redleg“ nannten. Trotz Verhandlungen über die Abrüstung mit den Russen gaben sie noch 25 Millionen Euro für den Ausbau aus. Am 1. September 1988 wurden die ersten vier Raketen abgezogen, am 26. April 1990 waren alle 40 Pershings weg. hgf