Ein Tross von 100 Traktoren tuckert vorbei an der glitzernden Glasfassade der Uni-Bilbliothek. Dort, wo das urbane Freiburg zu Hause ist, sich Studenten, Straßenbahnen und abends Theaterbesucher tummeln, dort zeigen die Bilder dieses Samstagmittags  rund 400 Bauern in Orange- und Gelbwesten. „Essen kommt von Boden, nicht von Beton“, deklamiert ein Demo-Schild. Ein anderes: „Stoppt den Landverbrauch! Stoppt Dietenbach!“

„Dietenbach“ meint keine Person, sondern einen Ort: Vier Kilometer westlich des Zentrums liegen Äcker, Hecken und Wege, eingerahmt vom Stadtteil Rieselfeld, vierspurigen Straßen, einem Naturschutzgebiet und einem Wald. Auf 110 Hektar Fläche sollen 6500 Wohnungen für 15 000 Menschen entstehen. Eine Siedlung im Format einer Kleinstadt, ein Ventil für eine von Wohnungsnot und hohen Mieten geplagte Großstadt, ein weiteres städtebauliches Aushängeschild.

Der namensgebende Dietenbach und der kleinere Käserbach sollen in fünf Jahren ein Quartier strukturieren, für das die Planer  alles an Attributen aufzählen, was es für den Musterknaben Freiburg braucht: „urban, grün, sozial gemischt und nachhaltig“. Die Stadt zieht auf ihrer Homepage zu dem Vorhaben rasch den Vergleich zu Vauban, dem Vorzeige-Viertel der Breisgau-Metropole.

Das Aufzählen der Segnungen überzeugt nicht alle. Anwohner kritisieren das Zubetonieren eines Naherholungsgebietes, Skeptiker zweifeln an der versprochenen sozialen Durchmischung, Bauern und Naturschützer geißeln den Flächenverbrauch. Gut 12 500 Unterschriften sammelten die Kritiker im Herbst, mehr als genug für den Bürgerentscheid, der am Sonntag ansteht.

Ihnen steht eine politische Phalanx gegenüber: Neben OB Martin Horn (parteilos) und einem breiten Stadtrats-Bündnis von konservativ bis links werben sogar die Grünen für das Vorhaben. Ein neues Quartier würde noch gravierenderen Flächenfraß im Umland verringern, da im urbanen Raum höher gebaut werde. Die Zahl der Auto-Pendler sinke, die Pläne böten einen klaren ökologisch-sozialen Fokus. Die Verwaltung betont: Andere Optionen, Wohnraum zu schaffen, würden den Bedarf nicht decken.

So sieht es aktuell nicht rosig aus für die Gegner: Einer Umfrage im Auftrag der „Badischen Zeitung“ von Anfang Februar zufolge sollen 58 Prozent der Bürger für das Vorhaben sein. Nur 31 Prozent seien dagegen – in der Tendenz jene mit niedrigeren Bildungsabschlüssen und Sympathien für die AfD – der einzigen Partei auf Seiten der Dietenbach-Gegner.

Dies sollte aber nicht überinterpretiert werden. So unterstützt auch der Nabu die Gegner. Ebenso Betroffene wie Landwirt Bernhard Sauter, der 25 Hektar auf dem Areal bewirtschaftet und so 40 seiner 200 Milchkühe versorgt. „Ich möchte meinen Betrieb erhalten“, sagt er. Als Pächter helfen ihm die 64 Euro pro Quadratmeter nichts. Ersatzflächen habe man ihm noch nicht angeboten – Ackerflächen rings um Freiburg sind rar.

Er könne nur mit dem Kopf schütteln angesichts der Hochwasserschutz-Pläne, große Rückhaltebecken zu bauen und das Gelände um drei Meter aufzuschütten. Sauter ist gespannt auf die Ergebnisse am Sonntag und gibt sich kämpferisch: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Warum ein „Ja“ eigentlich „Nein“ meint


Fragestellung Die Freiburger müssen entscheiden: Soll es ein neues Quartier Dietenbach geben – „Ja“ oder „Nein“? Doch auf den Wahlzetteln wiederholt sich das Phänomen der Stuttgart-21-Voksabstimmung: „Ja“ meint „Nein“ – und umgekehrt. Die Frage auf dem Wahlzettel lautet nämlich: „Soll das Dietenbachgebiet unbebaut bleiben?“ Hintergrund ist: Die Frage formuliert der Initiator – und der will die Bürger natürlich für ein positiv klingendes „Ja“ gewinnen.

Debatte Neben einem Streit über die Fragestellung diskutiert man im Südwesten zudem generell über Bürgerentscheide zu neuen Baugebieten. CDU-Landtagsfraktionschef Wolfgang Reinhart hatte in der SÜDWEST PRESSE gefordert, solche Plebiszite wieder zu verhindern. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) lehnte das ab: Die Zahl der beklagten Bauvorhaben liege im Promillebereich. Die grün-rote Vorgängerregierung  hatte erst 2015 Bürgerentscheide auch für Bauleitplanungen geöffnet. zie