Nein, sie sind nicht wie „Die glorreichen Sieben“ aus den USA oder „Die sieben Samurai“ aus Japan. „Die sieben Schwaben“ sind anders. Das beginnt bei ihren Namen: Seehas, Nestelschwab und Knöpfleschwab; Gelbfüßler, Allgäuer, Spiegelschwab sowie Kollege Blitzschwab. Und das ­endet bei ihrem Gegner: einem Hasen.

Diese Originalität hat wahrscheinlich zum Erfolg dieses sagenhaften Schwanks beigetragen. Selbst in Peru soll ein Böhme 1717 einen Augsburger Jesuitenmissionar gefragt haben, ob in Schwaben jene Sieben noch anzutreffen seien, „welche sich mit gesamter gewaffneter Hand wider einen Hasen gesetzet“, zitiert Klaus Graf aus einer im 19. Jahrhundert erschienenen Schrift des Sagensammlers Anton Birlinger.

Klaus Graf ist ein guter Ansprechpartner, wenn es um kritische Sagenforschung geht. Der gebürtige Schwäbisch Gmünder studierte an der Universität Tübingen Geschichte, und schon zu dieser Zeit beschäftigte sich der heutige Geschäftsführer am Hochschularchiv der RWTH Aachen mit Sagen. Er hat Sagensammlungen aus dem Stuttgarter Raum sowie von der Schwäbischen Alb veröffentlicht und viele wissenschaftliche Aufsätze.

Vorsicht bei der Interpretation von Sagen

 Für ein Telefongespräch über die Fragen „Was sagen Sagen über Regionen und deren Bewohner aus? Wie ernst sind sie historisch zu nehmen?“ hatte der 60-Jährige zur Vorbereitung eine E-Mail mit Stellen aus den sieben Schwaben erhalten, in denen ihre Charaktere beschrieben werden – etwa: „Das Ries ist eine gute Gegend, und die Leute dort sind wohlauf, was davon herkommen soll, dass dort zu Lande des Tages fünfmal gegessen wird, und zwar fünfmal Suppe und fünfmal Knöpfle mit Speck dazu.“ Daher nenne man sie auch Knöpfleschwaben.

Grafs Antwort ist kurz wie deutlich: „Sagen sind in beiderlei Hinsicht selten ernst zu nehmen. Bei der Sageninterpretation ist stets äußerste Vorsicht geboten.“ An Charakterbeschreibungen und vermeintlich historischen Vorkommnissen vor „vielen hundert Jahren“ ist oft „nichts dran“.

Der promovierte Historiker spricht Sagen nicht per se ihre Aussagekraft für Merkmale einer Region ab. Bestimmte Gegenden würden schon Sagen haben, in denen sich charakteristische landschaftliche oder geographische Eigenheiten widerspiegelten. „In der Bodenseeregion drehen sich viele Überlieferungen um den See“, sagt er, „auf der Schwäbischen Alb um Höhlen und Steine oder am Rhein um den Fluss und die französischen Nachbarn.“

Wer aber wirklich ernsthaft wissen möchte, was hinter Sagen steckt, der müsse zuerst nach den Motiven und Neigungen der Sammler und Autoren der Texte fragen, sagt Graf. „Sagen sind kein uraltes ,Volksgut‘, das über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sagen sind Produkte der Zeit, in der sie niedergeschrieben wurden – also von 1800 an. Vorher wurden diese Erzählungen auch gar nicht Sagen genannt.“

Manche Sagen sind komplett erfunden

Die überlieferten Geschichten seien immer wieder dem Geschmack der Autoren gemäß angepasst worden, und manche seien gar komplett erfunden. „Bei der Ring-Sage aus Schwäbisch Gmünd zum Beispiel“, sagt Graf, „gibt es eine seit dem 16. Jahrhundert dokumentierte Fassung, aber dann auch eine populäre von Johannes Scherr aus dem 19. Jahrhundert, die zwar erfunden, aber trotzdem in Sagensammlungen zu finden ist.“

Offenburg

 Auch von der Sieben-Schwaben-Geschichte existieren etliche Versionen. In der Variante des Nürnbergers Hans Sachs aus dem 16. Jahrhundert sind es noch neun, bei den Brüdern Grimm sieben, aber sie tragen wiederum andere Namen als die schon genannten. Diese hat sich der gebürtige Schwabe Ludwig Aurbacher im 19. Jahrhundert ausgedacht.

 Vieles spricht dafür, dass der Ursprung dieser Geschichte im Spott der Bayern über die Schwaben liegt. In einer Schrift vom Tegernsee aus dem 15. Jahrhundert, sagt Graf, gibt es Hinweise auf eine Erzählung mit neun Schwaben, die Angst vor einem Hasen haben. Nach der Schlacht von Giengen an der Brenz 1462 schrieb ein Bayer in einem Siegesgedicht: Alle Schwaben sind ängstlich wie die Hasen. Auch in der Version des Nürnbergers Sachs kommen die Schwaben deutlich schlechter weg als beim Türkheimer Schwaben Aurbacher. „Daran sieht man, wie wichtig es ist, bei Sagen nach ihrer Entstehung zu fragen“, sagt Graf.

 So kann manche Sage also im doppelten Sinne eine fantastische Geschichte sein: einerseits, weil viel Fantasie in ihr steckt, Szenen gestrichen und hinzugefügt wurden; andererseits, weil sie fantastischen Lesespaß bietet – so wie der sagenhafte Schwank über die sieben Schwaben.

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