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Stuttgart 21
Stuttgart / Daniel Grupp

Panoramabahn, Gäubahn oder Intercity – je nach Perspektive und Örtlichkeit trägt die Zugstrecke zwischen dem Stuttgarter Hauptbahnhof und Zürich unterschiedliche Bezeichnungen. In Stuttgart führt die Strecke am Kesselrand entlang und bietet einen schönen Blick auf die Stadt. In einigen Jahren wird allerdings die internationale Verbindung vorübergehend nicht mehr im Stadtzentrum enden, weil die Gleise der Panoramabahn etwa ein halbes Jahr vor Inbetriebnahme von Stuttgart 21 unterbrochen werden müssen.

Dass nach Einschätzung des Verkehrsministeriums des Landes für rund drei Jahre der Bahnhof von Stuttgart-Vaihingen Endstation für die Gäubahn sein soll, hat im südlichen Landkreis Böblingen, aber auch in Rottweil und Horb für erhebliche Aufregung gesorgt. Der Gäufelder Bürgermeister Johannes Buchter spricht gegenüber dem Gäuboten von einem „politischen Versagen“. Der Bondorfer Bürgermeister Bernd Dürr befürchtet, dass es schwierig für die Gäubahn wird, wenn sie „in Vaihingen abgekoppelt wird“. Das Obere Gäu fühlt sich abgehängt, weil wegen des erforderlichen Umstiegs in die S-Bahn einige  ICE nicht mehr erreicht würden, die von Stuttgart den Rest der  Republik ansteuern.

Bei der S-21-Planung war ursprünglich vorgesehen, dass die Gäubahnzüge während der Unterbrechung schon in Böblingen stoppen, und die Fahrgäste dort in S-Bahnen umsteigen oder in Gegenrichtung eben mit der S-Bahn bis Böblingen fahren. Damals war aber von einer Unterbrechung von nur wenigen Monaten die Rede. Dass es jetzt länger dauert, liegt an der Verzögerung beim Flughafenbahnhof, der vermutlich erst drei Jahre nach dem Tiefbahnhof im Zentrum in Betrieb gehen wird. Die Züge aus dem Gäu werden dann über den Flughafen  und den Fildertunnel in die City fahren. Falls der Tiefbahnhof, wie angekündigt, 2025 in Betrieb geht, dürfte die Fertigstellung des Filderbahnhofs 2028 realistisch sein.

Um die Folgen zu mildern, hat das Land 7,5 Millionen Euro zum Umbau des Vaihinger Bahnhofs bewilligt. „Bisher halten dort nur S-Bahnen, künftig auch Fernverkehrszüge“, erläutert Edgar Neumann vom Verkehrsministerium. Dort wird zwischen den Gleisen vier und sechs ein 210 Meter langer Bahnsteig errichtet, damit die Gäubahn halten kann, sagt eine Bahnsprecherin. Um Platz zu schaffen, wird Gleis fünf zurückgebaut. Die Arbeiten sollen im September beginnen und Mitte 2021 abgeschlossen sein,  berichtet die Bahnsprecherin.

Wegen der langen Unterbrechung wird gefordert, die Gäubahn auch nach Start des Tiefbahnhofs übergangsweise an den Kopfbahnhof anzuschließen. Dazu hätte die Gäubahnrampe vor der Einfahrt zum Bahnhof erhalten bleiben müssen. Dies sei mit einem niedrigen Millionenbetrag machbar, meint der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne). Auch der S-21-kritische VCD (Verkehrsclub Deutschland) machte sich dafür stark.

Flächen sind verplant

Ihr Veto legte aber postwendend die Stadt Stuttgart ein, die andere Pläne für die Gleisflächen hat: „Die Landeshauptstadt weist diese Überlegung zurück, da sie die freiwerdenden Flächen bebauen will“, heißt es in einer Mitteilung. Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) erklärte: „Das Rosensteinviertel ist zentral für die Stadtentwicklung. Hier werden wir keine Abstriche machen.“ Die Stadt habe ein überragendes Interesse, die durch Stuttgart 21 frei werdenden Gleisflächen vollständig und sofort nach der Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs zu nutzen. Belastend für das neue Viertel wäre zudem der Bahnlärm. Man wolle bei der Planung bleiben, die Gäubahn künftig über den Flughafen anzubinden.

Diese Reaktion stößt im Kreis Böblingen sauer auf: „Wir halten die lange Sperrung der Gäubahn ab S-Vaihingen für höchst un­glücklich. Wir appellieren an das Land und an die Bahn als Hauptverantwortliche, eine Lösung zu finden, wie die Sperrzeit verkürzt werden kann“, teilt ein Sprecher des Landratsamts mit.

Die Beeinträchtigungen für die Passagiere aus dem Gäu hält Jürgen Wurmthaler für weniger gravierend als beklagt wird. Der für Verkehr und S-Bahn zuständige Direktor des Regionalverbands Stuttgart vermutet, dass die wenigstens Reisenden die Fernzüge erreichen wollen. Die Mehrheit wolle ins Zentrum oder steige in S- und Stadtbahnen um. Da sei Vaihingen womöglich die bessere Wahl als die langen Wege, die derzeit wegen der vorgerückten Bahnsteige am Kopfbahnhof zu gehen sind. Zudem werde Vaihingen von 2025 an mit der Einführung von ETCS (European Train Control System) noch besser mit S-Bahnen bedient. „Man muss das Endergebnis im Auge haben“, mahnt der Regionaldirektor zur Gelassenheit.

Bombardier kann Steuertechnik nicht liefern

Reisende dürfen in den Zügen der Gäubahn zwischen Stuttgart und Singen Fahrkarten für Fern- und Nahverkehrszüge nutzen, auch im Intercity.

Die SSB (Schweizerische Bundesbahn) fährt alle zwei Stunden von Stuttgart nach Zürich. Die Deutsche Bahn wollte von Dezember an auch eine Direktverbindung anbieten. Derzeit hält die DB noch in Singen, weil ihre Züge kein ETCS haben. Fahrgäste müssen umsteigen.

Die DB kann aber laut einer Mitteilung ihr Angebot erst Ende 2020 starten, weil der Hersteller Bombardier nicht rechtzeitig die Doppelstock-IC mit ETCS ausrüsten kann. Es fehle die Schweizer Zulassung. Das brauche Zeit. dgr