Kostenlos mit dem Bus fahren – für viele klingt die Idee verlockend. In Tübingen ist sie seit über einem Jahr Realität, zumindest an Samstagen. Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) setzt sich dafür ein, das Angebot auf alle anderen Tage auszuweiten. In einem Brief hat er nun Innenminister Thomas Strobl (CDU) um Unterstützung gebeten.

In dem Schreiben, das der SÜDWEST PRESSE vorliegt, bittet der OB den Minister, einen „Modellversuch für Luftreinhaltung“ zu fördern. Die Stadt Tübingen will versuchsweise für zwei Jahre einen vollständig kostenlosen Nahverkehr anbieten. Dafür benötigt sie laut Palmer „eine Förderung von zehn Millionen Euro pro Jahr“. Die Stadt selbst könnte fünf Millionen Euro beisteuern.

Deutlich mehr Fahrgäste an Samstagen

Sein Anliegen untermauert der OB mit aktuellen Zahlen: So nutzten im Winterhalbjahr 2018/2019 samstags durchschnittlich 42.000 Menschen den Stadtbus in Tübingen. Zwei Jahre zuvor waren es 32.000 – ein Anstieg von mehr als 30 Prozent. Beim kostenpflichtigen Nahverkehr an allen anderen Tagen fiel der Zuwachs mit etwa 0,5 Prozent viel schwächer aus. Das Gratis-Angebot scheint also tatsächlich viele Menschen in die Stadtbusse zu locken.

Auch die Bundesregierung erwog im vergangenen Jahr einen kostenfreien öffentlichen Nahverkehr, um die Luftqualität in Städten zu verbessern. Mit 130 Millionen Euro fördert der Bund die Modellstädte Mannheim, Reutlingen, Herrenberg, Bonn und Essen. Die nutzen das Geld unter anderem, um günstigere Tickets anzubieten. Einen Gratis-Nahverkehr setzen sie nicht um.

„Ein kostenloser ÖPNV ist von einer Stadt nicht zu finanzieren“, begründet Wolfgang Löffler, Sprecher der Stadt Reutlingen, die Entscheidung. Ähnlich sieht man das in Herrenberg: Die Förderung des Nahverkehrs müsse für die Stadt auch nach Ende des Modellprojekts möglich sein, sagt Sprecherin Anne Reichel.

Zweifel am Sinn des Konzepts

Boris Palmer wiederholt deshalb in seinem Brief auch seine Forderung, Bund und Land könnten die Kommunen dazu ermächtigen, eine Abgabe für den Nahverkehr zu erheben. „In Tübingen würde der kostenfrei nutzbare Nahverkehr eine monatliche Abgabe von 15 Euro pro Kopf erfordern“, schreibt der OB.

„Wir finden es am sinnvollsten, wenn die Fahrgäste selbst für Bus- und Bahntickets zahlen“, sagt dazu Rahime Algan, die Sprecherin des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Sie zweifelt daran, dass günstigere oder kostenfreie Tickets viele Autofahrer dazu bewegen, auf die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen.

Zumindest an der Zählstelle Mühlstraße in der Tübinger Innenstadt sank das samstägliche Verkehrsaufkommen von 2017 auf 2018 aber tatsächlich um acht Prozent. Der OB schätzt, dass etwa die Hälfte der neuen Fahrgäste das Auto stehengelassen und stattdessen den Bus genommen hat. Viele hätten gesagt, der kostenfreie Nahverkehr bringe nichts, sagte Palmer der SÜDWEST PRESSE. „Dieses Argument haben wir widerlegt.“

Palmer lässt nicht locker

Doch es gibt weitere Bedenken: Bei einem kostenlosen Nahverkehr würden wohl auch Menschen den Bus nutzen, die sonst zu Fuß gegangen oder Fahrrad gefahren wären, sagt Philipp Kosok vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Auch er findet es fairer, wenn sich die Fahrgäste an den Betriebskosten der Verkehrsbetriebe beteiligen, indem sie für die Tickets bezahlen.

Die Verbände halten einen Ausbau der Infrastruktur für besonders wichtig, um Menschen davon zu überzeugen, auf die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen. Philipp Kosok betont aber auch: „Es ist gut, dass Städte wie Tübingen experimentierfreudig sind.“

Boris Palmer will sich jetzt um einen Termin bei Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bemühen – und den Minister davon überzeugen, die Stadt bei ihrem ÖPNV-Versuch zu unterstützen.

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