Das Bild von der einsamen Frau, das im Prozess vor dem Landgericht von der wegen Totschlags angeklagten „Oma“ entstanden ist, musste etwas korrigiert werden. Vor der Großen Strafkammer sagte ein pensionierter Diplomat aus, der mit Elisabeth S. (70) mindestens seit 2012 eine intensive sexuelle Fernbeziehung gepflegt hat. „Praktisch jeden Tag“ habe er der Witwe aus Künzelsau Nachrichten über WhatsApp oder als SMS geschickt. Dabei seien auch wöchentlich erotische Bilder ausgetauscht worden, sagte der frühere Botschafter in einem osteuropäischen Land. Die letzten Sexfotos seien am 24. April 2018 verschickt worden – drei Tage vor dem Tod des siebenjährigen Ole.

Der verheiratete 73-Jährige will nichts von einer Depression bei seiner Freundin bemerkt haben, auch an „gravierende gesundheitliche Probleme“ erinnere er sich nicht. Er charakterisierte sie als „durchaus extrovertiert, unternehmungslustig, offen, freundlich, angenehm, immer ausgeglichen“. Damit bestätigte er nicht die schwere Erkrankung und mangelnde Schuldfähigkeit, die die Verteidigung vermutet und mit weiteren Beweisanträgen untermauern wollte. Das Gericht ordnete dennoch eine Untersuchung des Gehirns mittels MRT oder CT an, um einen vermuteten Tumor ausschließen zu können.

Mord aus Heimtücke?

Wie lange der Prozess noch dauern wird, ist unklar. Denn die Verteidigung will weitere Zeugen hören. Dazu gehört der Sohn der Angeklagten, der nach einem dreistündigen Gespräch mit seiner Mutter die Aussage verweigert hatte. Dass er nun reden will, stieß beim Gericht auf Verwunderung.

Für die Eltern des getöteten Ole sei die lange Verfahrensdauer „eine unglaubliche Belastung“, erklärte der Vater. Prozessbeobachter werten die neuerlichen Beweisanträge als letzte Möglichkeit eine drohende Verurteilung wegen Mordes abzuwenden. Zwar wurde die Rentnerin wegen Totschlags angeklagt. Neben Staatsanwaltschaft und Nebenklage hält auch die Strafkammer eine Bestrafung wegen Mordes aus Heimtücke für nicht ausgeschlossen. Dies sei dann der Fall, wenn sich herausstellen sollte, dass das schlafende Kind ohne jegliche Gegenwehr und vorausgegangene Auseinandersetzung getötet worden sein sollte.

Am 8. April soll Urteil verkündet werden

Der Rechtsmediziner hatte erklärt, Ole sei mindestens drei Minuten lang gewürgt worden, es habe keinerlei Hinweise gegeben, dass er sich gewehrt haben könnte. Die Verhandlung wird am 7. und 15. März fortgesetzt. Für 4. April sind die Plädoyers geplant, am 8. April soll das Urteil verkündet werden. Kann der Zeitplan nicht eingehalten werden, droht der Prozess zu platzen, weil die Kammer nicht mehr in der bisherigen Zusammensetzung tagen kann. Eine Richterin scheidet wegen Schwangerschaft aus.

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