Novak Djokovic wusste genau, was er zu tun hatte, anders als Jelena Rybakina, dem neuen Mitglied im All England Club. Der serbische Seriensieger kniete sich auf den Heiligen Rasen, zupfte ein paar Halme aus und ließ sich seinen Triumph schmecken – so wie bei seinen sechs Titeln in Wimbledon zuvor. Die gebürtige Russin Rybakina wirkte dagegen etwas verloren auf dem berühmtesten Centre Court der Welt, ihr Erfolg sollte noch für Diskussionen sorgen.
Djokovic hatte den unberechenbaren Finaldebütanten Nick Kyrgios (Australien) mit beinahe unmenschlicher Gelassenheit entnervt und nach dem 4:6, 6:3, 6:4, 7:6 (7:3) seinen vierten Titel in Folge im All England Club gewonnen. Ein „emotionales Feuerwerk“ hatte nur Kyrgios abgebrannt – und konnte nur staunen. „Er ist ein bisschen wie ein Gott“, sagte der faire Verlierer.
Auch Djokovic fand lobende Worte für Kyrgios, der ihn einst verspottet hatte. „Du hast gezeigt, dass du einer der besten Spieler der Welt bist“, sagte der Serbe: „Ich respektiere Dich sehr und hätte nie gedacht, dass ich so viele nette Dinge über Dich sagen werde. Jetzt ist es offiziell eine Bromance.“ Das gemeinsame Abendessen fiel aber aus, Djokovic genoss lieber den achten Hochzeitstag mit seiner Frau.
Zu feiern gab es genug: Mit insgesamt sieben Titeln in Wimbledon schloss er zu seinem Jugendidol Pete Sampras auf und liegt nur noch einen Erfolg hinter Rekordchampion Roger Federer – zudem nähert er sich im Grand-Slam-Ranking dem Spitzenreiter: Nach Djokovics 21. Triumph im 32. Finale ist Rafael Nadal (22 Titel) wieder in Reichweite.
Für ihn könnte es jedoch der letzte Grand-Slam-Titel für längere Zeit gewesen sein. Die US Open in New York (ab Ende August) wird er wohl verpassen, Djokovic verweigert die Impfung und darf somit nicht einreisen. Auch in Australien Anfang 2023 wird der 35-Jährige nach dem Gerichtstheater in diesem Jahr sicher nicht mit offenen Armen empfangen werden.

Bohrende Fragen

Rybakina wird in den USA sicher dabei sein, ihr Start war auch in Wimbledon nicht gefährdet, da die gebürtige Russin sich bereits vor vier Jahren für Kasachstan als Tennis-Heimat entschieden hatte. Ihre früheren Landsleute waren wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine ausgeschlossen, um zu verhindern, dass Russland deren Erfolg zu Propagandazwecken ausschlachten kann. Doch nach Rybakinas 3:6, 6:2, 6:2 am Samstag über die Tunesierin Ons ­Jabeur sagte Russlands Tennischef Schamil Tarpischtschew der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti: „Gut gemacht, Rybakina! Wir haben Wimbledon gewonnen.“ Er nannte die 23-Jährige „unser Produkt“.
Dass eine aus Moskau stammende Spielerin die Damen-Konkurrenz gewann, versah das Turnier auch zum Abschluss mit einer politischen Note. „Wimbledon ging mit genau dem Bild zu Ende, das es so verzweifelt zu verhindern versucht hatte“, schrieb der britische „Telegraph“ und skizzierte den Moment, als Herzogin Kate die Venus-Rosewater-Dish als Trophäe an Rybakina übergab. „Dieses Damen-Finale brachte eine Foto-Gelegenheit, die jeden in der russischen Botschaft in London brüllend über seine Wodka-Gläser lachen ließ.“
Rybakina wehrte sich gegen die bohrenden Fragen. „Ich kann nichts dafür, wo ich geboren bin“, sagte sie. Angesprochen auf den Krieg hatte sie zuvor im Turnier gesagt, dass sie wolle, dass dieser so schnell wie möglich zu Ende sei. Ukrainische Spielerinnen wie Lessia Zurenko hatten während Wimbledon emotional über ihre Sorgen um die Familie in der Heimat berichtet. Sie könne „nur sagen, dass ich Kasachstan repräsentiere.“ Aber nicht, ob sie den Krieg und Wladimir Putins Vorgehen verurteile: „Sorry, mein Englisch ist nicht das Beste.“
Ihr Tennis war es. Verdient – weil erstaunlich nervenstark – gewann Rybakina am Samstag gegen die Weltranglistenzweite. Jabeurs Traum vom Titel platzte, die Tunesierin, die zwei Tage zuvor ihre Freundin Tatjana Maria rausgeworfen hatte, verhedderte sich in den eigenen Möglichkeiten, verspielte sich, statt wie im ersten Satz konsequent dagegenzuhalten.

Ex-Manager von Kyrgios erklärt das Bad-Boy-Image

Alles nur Show? Nick Kyrgios‘ früherer Manager John Morris glaubt, dass der umstrittene Australier sein „Bad-Boy-Image“ ganz bewusst einsetzt – und eigentlich ein netter, sensibler Junge ist. „In vielerlei Hinsicht ist das sein Alter Ego für die Bühne“, sagte er dem Sydney Morning Herald.
Filmreife Rolle? Kyrgios hat sich während des Turniers mehrfach mit Zuschauern, Schiedsrichtern und Gegnern angelegt und insgesamt 14 000 Dollar Strafe angehäuft. Für Morris, der Kyrgios entdeckt und zehn Jahre begleitet hatte, keine Überraschung. „Auch in dieser Woche spielt er die Rolle des Schurken gut. Und es ist genau das: eine Rolle.“