Bundesstützpunkt Stuttgart
: Neue Missbrauchs-Vorwürfe im Turnen: „Wurde behandelt wie ein Gegenstand“

Magersucht und Depressionen – nach der Ulmerin Janine Berger berichtet nun auch die frühere Leistungsturnerin Lara Hinsberger ungeschönt vom Albtraum, den sie im Bundesstützpunkt Stuttgart erlebte.
Von
Angela Bern, sid
Köln
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Lara Marie Hinsberger

Erhebt schwere Vorwürfe: Lara Hinsberger.

Burghard Schreyer/Kolbert-Press/dpa
  • Ex-Turnerin Lara Hinsberger erhebt Missbrauchsvorwürfe gegen den Bundesstützpunkt Stuttgart.
  • Hinsberger berichtet von Anorexie und Depressionen, niemand schritt ein.
  • DTB verspricht Aufklärung und Kulturwandel.
  • Kim Bui und andere Turnerinnen unterstützen Hinsberger.
  • Auch Janine Berger und Tabea Alt kritisieren systematischen Missbrauch.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Lara Hinsberger war 14 Jahre alt, als sie 2019 bei den deutschen Meisterschaften turnte, „mit einem Gewicht von 37 kg auf einer Größe von 1,60 m“. Geredet habe darüber im deutschen Turnen „wirklich jeder“. Eingeschritten, um sie zu schützen, „ist aber leider niemand“. Auch der Hilferuf der Eltern verhallte.

Hinsbergers sehr persönlicher Rückblick via Instagram ist der aktuellste Baustein in dem gruseligen Gebilde, das ehemalige Leistungsturnerinnen von ihrem Dachverband und dessen Bundesstützpunkt in Stuttgart seit Tagen öffentlich machen. In einer Stellungnahme am Silvestertag versprach der Deutsche Turner-Bund (DTB) eine gewissenhafte, kritische Aufarbeitung der jüngsten Missbrauchsvorwürfe und einen Kulturwandel zum Besseren.

Lara Hinsberger weiß einiges zu erzählen aus ihrer Zeit in Stuttgart. Sie sei behandelt worden „wie ein Gegenstand. Ich wurde benutzt und das so lange, bis ich körperlich und geistig so kaputt war, dass ich für die Trainer (und irgendwann auch für mich selbst) sämtlichen Wert verlor.“

Dabei sei Stuttgart nur die Spitze des Eisbergs, denn „ich weiß sicher, dass es auch an anderen Standorten und Landesverbänden ... zu solch enormen Missständen kommt, über die einfach hinweggesehen wird“. Sie selbst, offenbart die heute 20-jährige Hinsberger, habe „bis heute tiefe Wunden, die nie wirklich geheilt sind“. Seither sei sie in psychotherapeutischer Behandlung, „und die Dinge, die zurückbleiben, werden wahrscheinlich immer ein Thema für mich bleiben“.

„Als Sportlerin hat man den Mund zu halten“

Als Erste reagierte die frühere EM-Dritte Kim Bui auf Hinsbergers Ausführungen. „Unfassbar deine Geschichte ... und unglaublich mutig, diese nun zu teilen“, schrieb die 34-Jährige, seit August 2024 Mitglied in der IOC-Athletenkommission.

Im Gespräch mit dem Magazin Stern fordert Bui „arbeitsrechtliche Konsequenzen“. Für aktive Turnerinnen sei es schwierig, den psychischen Missbrauch zu erkennen: „Man ist noch so jung, man sieht die Ergebnisse, die Trainingsmethoden scheinen den Trainern rechtzugeben, also hinterfragt man nicht. Man verinnerlicht, dass man als Sportlerin den Mund zu halten und zu funktionieren hat.“

Wenige Stunden vor Hinsbergers Offenbarung hatte der DTB wortreich eine umfassende Aufklärung angekündigt, um unter anderem „sowohl mögliches Fehlverhalten einzelner Trainerinnen und Trainer, aber auch Fehler im Leistungssportsystem an Bundesstützpunkten und im DTB“ zu überprüfen: „Über zahlreiche bisher durchgeführte Maßnahmen hinaus.“

Die ehemalige Spitzenturnerin Tabea Alt hatte das Thema in der vergangenen Woche aufgebracht, in den Sozialen Medien warf sie dem DTB und dem Schwäbischen Turnerbund (STB) „systematischen körperlichen und mentalen Missbrauch“ vor. Die Gesundheit junger Turnerinnen werde „gezielt und bewusst aufs Spiel gesetzt“, sowie „ärztliche Vorgaben missachtet“, teilte die 24-Jährige mit. Man habe sie selbst mit mehreren Frakturen in Wettkämpfe geschickt, und sie sei kein Einzelfall. Auch die Ulmer Kunstturnerin Janine Berger hat sich inzwischen öffentlich geäußert und schwere Vorwürfe gegen den Turn-Verband erhoben.

„Depression ist schlecht fürs Image“

Das bestätigt nun auch Lara Hinsberger. Bei ihr seien damals eine Anorexia nervosa und Depressionen diagnostiziert worden. Das sei zwar „mit den Trainern, dem Verband und dem Internat“ besprochen worden, musste aber „auf ihren Wunsch hin unter allen Umständen geheim gehalten werden. Denn so eine Geschichte ist einfach schlecht fürs Image.“ Das Image dürfte für den DTB und seine Satelliten 2025 zum ernsthaften Problem werden.