Basketball: Ulm hat zwei neue Basketball-Nationalspieler
Die Ulmer Basketballer sind um zwei Nationalspieler reicher. Nicht etwa, weil Sportdirektor Thorsten Leibenath noch einmal auf dem Transfermarkt tätig wurde und zwei Akteure für das Bundesliga-Team verpflichtet hat. Das Duo, das am Wochenende in der EM-Qualifikation für Polens A-Mannschaft debütierte, ist bereits für Ulm aktiv – allerdings für die Orange Academy in der ProB.
Wer in der dritthöchsten deutschen Liga aufläuft, rechnet nicht unbedingt mit einem Anruf des Nationaltrainers. Umso überraschter waren der 18-Jährige Igor Milicic und der ein Jahr jüngere Jeremy Sochan, als sich Mike Taylor bei ihnen meldete. Der 48-Jährige, der von 2003 bis 2011 Ratiopharm Ulm trainiert hat, ist seit 2014 Nationaltrainer der Polen und führte das Land bei der vergangenen WM ins Viertelfinale und am Ende auf Platz acht. Zum Vergleich: Deutschland wurde bei dieser WM 18.
Sochan gelingt Traum-Debüt
„Ich bin ein wenig erschrocken“, als er mich angerufen hat“, berichtet Sochan, bei dem die Nominierung ins A-Team allerdings nur eine Frage der Zeit war. Bei der U16-EM 2019 führte er Polen in der Division II zum Titel und wurde dabei zum besten Spieler des Turniers gewählt. Der 17-Jährige, dessen Weg ihn wegen der Pandemie im Sommer nicht wie geplant in die USA an eine Highschool, sondern nach Ulm geführt hat, legte ein traumhaftes Debüt im Nationaldress hin.
In 29 Minuten gelangen dem riesigen Talent beim 88:81-Sieg gegen Rumänien 18 Punkte. Eine Premiere, die Taylor so zusammenfasste: „Der jüngste Spieler, der je für Polen gespielt hat, erzielt in seiner ersten Partie 18 Punkte, trifft dabei unter anderem einen Dreier mit Foul zum Vier-Punkte-Spiel und macht am Ende einen spielentscheidenden Block. Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind.„
Glückwünsche bis tief in die Nacht
Entsprechend groß war nach der Schlusssirene das Medien-Interesse an dem 2,03-Meter großen Flügelspieler, dessen Vater aus den USA stammt, der aber für das Heimatland seiner Mutter aufläuft: „Nach dem Spiel war es total verrückt. Ich habe vier Interviews gegeben und jeder hat mir gratuliert. Bis tief in die Nacht habe ich noch Nachrichten mit Glückwünschen bekommen.“
Angesichts dieser Glanzleistung geriet der erste Auftritt von Igor Milicic, der wie Sochan für Ulm noch in der Nachwuchsbundesliga (NBBL) spielen dürfte, etwas in den Hintergrund. Dabei ist dessen Nominierung noch unglaublicher. Denn anders als sein Teamkollege war der älteste von drei Brüdern, die alle für Ulm spielen, nie in einer Jugend-Nationalmannschaft. Auch seine Bundesliga-Premiere Ende November gegen Gießen war mit vier Punkten nichts, was einen Nationaltrainer hellhörig werden lässt.
Der Vater ist ein bekannter Ex-Spieler und Trainer
Anders sieht das hingegen beim Namen Milicic aus, um genauer zu sein sogar beim Namen Igor Milicic. Da wird man in Polen im Zusammenhang mit Basketball nämlich hellhörig. Gemeint ist dann allerdings den Vater, der ebenfalls Igor Milicic heißt, was durchaus zu Irritationen führen kann, wie ein Blick ins Internet zeigt. Wer dort „Igor Milicic“ googelt, erhält einen Verweis auf einen 44-Jährigen, der für Ratiopharm Ulm aufläuft.
Der Senior ist allerdings nicht mehr aktiv, sondern als Trainer tätig. „Igors Vater war ein erfolgreicher Spieler und ist nun ein erfolgreicher Coach, der in Polen schon den Pokal gewonnen hat“, berichtet Taylor. Aufgrund des familiären Hintergrunds hatte der polnische Basketballer-Verband stets ein Auge auf die Entwicklung des Filius’. Dessen Fortschritte in den drei Jahren, die er nun in Ulm ist, überraschten alle. „Ich war ein Spätzünder“, berichtet Igor Milicic junior, der stolz die Jogginghose und das rote T-Shirt mit dem polnischen Nationaladler trägt, die er vom Verband bekommen hat. Das Trikot durften sie ebenfalls behalten, es dürfte bei beiden daheim einen Ehrenplatz an den Wand erhalten.
Taylor sorgt für Extra-Motivation
Das dürfte ganz im Sinne von Mike Taylor sein: „Bei der Einladung war es uns wichtig, ihnen zu zeigen, was es bedeutet, für Polen zu spielen und ihnen damit eine Extra-Motivation mit auf den Weg zu geben.“ Der Eindruck, den das Duo hinterlassen hat, war vollauf positiv. „Die Art, wie sich beide Spieler neben dem Feld und im Training präsentiert haben, hat mich beeindruckt“, sagt Taylor und schiebt ein Lob an seinen Ex-Klub hinterher: „Sie werden in Ulm sehr gut ausgebildet.“
Beste Werbung für den Orange Campus
Eine Aussage, die Thorsten Leibenath, der 2011 Taylor als Cheftrainer bei Ratiopharm Ulm beerbte, mindestens so freut wie den Werbeeffekt, den die Neu-Nationalspieler für das Basketball-Leistungszentrum Orange Campus haben: „So mancher wird sich fragen, wie es sein kann, dass ein 17-Jähriger und ein 18-Jähriger für eine etablierte Nationalmannschaft nominiert werden. Das führt dazu, dass nochmal ein wenig mehr auf uns geschaut wird.„ Für den Ulmer Sportdirektor ist das eine Win-Win-Situation: „Solche Spieler helfen uns, den Orange Campus nach vorne zu bringen. Aber es hat sich auch herumgesprochen, dass wir einen ganz guten Job bei der Spieler-Ausbildung machen.“ Davon profitieren Taylor und Polen.
Ein Drittligist mit zwei aktuellen Nationalspielern
Generell ist es das Ziel der Ulmer, dass der Orange Campus ein Qualitätsmerkmal in der Vita eines Spielers darstellt. Ein Ziel, dem der Klub nun einen Schritt nähergekommen ist. Denn welcher Basketball-Drittligist kann sonst damit werben, dass er mit gleich zwei aktuellen Nationalspielern antritt?
Verärgerte Ulmer
Unfair Jeremy Sochan und Igor Milicic gehören zu den Leistungsträgern der Orange Academy. Deshalb wollte Ulm während deren Nationalmannschafts-Aufenthalt die ProB-Partie gegen Gießen verlegen. Allerdings lenkten die Rackelos nicht ein, beharrten auf dem Termin und gewannen das Spitzenspiel mit 86:79. Ein Verhalten, über das sich Sportdirektor Thorsten Leibenath ärgert: „Das war nicht gerade sportlich fair.“


