Schwitzkasten
: Wie Gebhard Reusch und Sepp Maier das Handwerkszeug der Nummer 1 erschufen

Einst trugen viele Fußball-Torhüter Handschuhe der einstigen Metzinger Firma Reusch. Heute sind Reusch-Handschuhe auf den Sportplätzen und in den Arenen selten geworden. Der einstige Besitzer der Firma, Gebhard Reusch, entwickelte in den 1970er Jahren gemeinsam mit Nationaltorhüter Sepp Maier den modernen Torwart-Handschuh. Zum Werdegang von Reusch-Torwart-Handschuhen lesen Sie am Montag, 4. Januar, mehr in der Beilage „Wirtschaft im Profil“ im SCHWÄBISCHEN TAGBLATT. Im Schwitzkasten erzählt Gebhard Reusch von seiner Zusammenarbeit mit Sepp Maier.
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Reusch-Prospekt aus den frühen 1970er Jahren.

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Reusch-Katalog für Torwart-Handschuhe aus den frühen 1970er Jahren.

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Gebhard Reusch hatte einst viel mit prominenten Sportlern zu tun. Ob das Fußballer oder Skifahrer waren. Die Kontakte zu knüpfen fiel ihm nie schwer: „Es ist ganz einfach: hingehen, telefonieren, den Mut haben.“ Ob Trainer-Koryphäen wie Christoph Daum und Otto Rehhagel oder Weltklasse-Torhüter wie Sepp Maier. „Sicherlich, es hat nicht immer aufs erste Mal geklappt, aber das sind doch ganz normale Leute“, sagt Reusch heute.

So war es damals auch mit dem deutschen National-Torhüter Sepp Maier Anfang der 1970er Jahre im Allgäu beim Trainingslager von Bayern München. „Da haben die Mannen gerade Karten gespielt.“ Reusch ging auf den deutschen National-Torhüter Maier zu. Doch der wollte sich in Ruhe mit dem Handschuh-Fachmann unterhalten und bat ihn, ein andermal in seiner Tennishalle in Anzing vorbeizuschauen. Die beiden vereinbarten einen Termin und so stand Reusch eines Montagmorgens um zehn Uhr in der Kneipe, die zu Maiers Tennishalle gehörte.

Neben der Kellnerin saßen am Stammtisch eine Handvoll ältere Männer. Sepp Maier war irgendwo auf seiner Anlage unterwegs. Gebhard Reusch bestellte sich erst mal ein Getränk und kam mit den anderen Gästen ins Gespräch. An diese Anekdote erinnert sich Reusch noch genau: „Die haben dann gefragt, was ich tu und man ist auf das Thema Fußball gekommen. Und dann ist gleich die Glocke angegangen oben am Stammtisch und ich musste eine Runde Piccolo und Pils zahlen. Weil, an diesem Tisch ist nicht über Fußball gesprochen worden. Und ich bin natürlich gleich drauf rein gefallen“, erzählt Reusch und lacht. Später kam Maier in die Runde dazu und die beiden vereinbarten, künftig zusammenzuarbeiten.

Sepp Maier kam in der Folge öfter auch mal nach Metzingen oder Gebhard Reusch reiste vor den Heimspielen von Bayern München in deren Trainingslager nach Rottach-Egern am Tegernsee. „Freitagabend haben sie da immer Zeit gehabt“, sagt Reusch.

Torwart-Handschuhe gab es zwar schon Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre. Zuerst mit Noppengummi, wie einst auf Tischtennis-Schlägern oder mit Handtuch-Frottee. Neben Sepp Maier entwickelte auch ein anderer National-Torhüter, nämlich Wolfgang Fahrian (Fortuna Köln). „Der Wolfgang Fahrian war einer der ersten deutschen Torhüter, die überhaupt Handschuhe getragen haben“, sagt Reusch. Aber: „Die Handschuhe waren nicht mehr zeitgemäß. Die waren gerade mal einigermaßen okay für die damals gespielten Lederbälle.“

Doch in den 1970er Jahren kamen Lederbälle mit Kunststoff-Beschichtung in den Handel. „Und da fing das große Problem für die Torhüter an“, sagt Reusch. „Die Handschuhe waren rutschig bei den neuen Bällen. Ganz extrem natürlich bei Nässe.“ Und da schlug Sepp Maiers große Stunde. „Der eigentliche Erfinder des neuzeitlichen Torwart-Handschuhs, der bis heute gespielt wird, ist der Sepp Maier gewesen“, erzählt Reusch.

Maier hatte nach einer Verletzung eine Schaumstoff-Bandage bekommen. „Als er die Bandage wegmachen wollte, klebte sie an der Haut“, berichtet Reusch. Maier kombinierte und kam zum Schluss, dass diese Entdeckung auch für seine Torwart-Handschuhe nützlich sein könnte. Er kontaktierte Reusch und bat ihn, spezielle Handschuhe für ihn zu fertigen. Die Geburtsstunde des modernen Soft-Grip-Torwart-Handschuhs.

„Wir haben für den Sepp ganz normale Handschuhe gemacht aus Kunst-Leder und dann diesen Schaum drauf geklebt“, erzählt Reusch. Nun flutschte der mit Kunststoff beschichtete Ball nicht mehr durch die Handschuhe, sondern hielt. Und plötzlich kamen viele nationale und internationale Torhüter auf die Firma Reusch zu, um diese Handschuhe zu bekommen. Allerdings benötigte Maier zwei, drei Handschuh-Pärchen pro Spiel, weil der Abrieb so groß war. „Und dann haben wir das Material gemeinsam mit einem Latex-Hersteller aus Hannover weiterentwickelt.“

Einstige Torhüter und Reusch-Werbeträger (von links): Rudi Kargus (Hamburger SV), Sepp Maier (Bayern München) und Bernd Franke (Eintracht Braunschweig)

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Zunächst musste der Schaumstoff noch einzeln auf jeden Finger genäht werden. Das Material war zu brüchig, um als komplette Handschuh-Fläche aufgenäht zu werden. Daher war das Produkt war für eine serienmäßige Herstellung ungeeignet. „Das Material war relativ schnell verschlissen. Man hat das also nur für Spitzentorhüter gefertigt.“

Mit den Jahren wurde der Latexschaum jedoch immer besser. Ärgerlich für Sepp Maier war nur eins, sagt Reusch: „Genau genommen hätte er sich damals das Patent drauf sichern sollen.“ Denn: „Jeder Handschuh basiert noch heute auf dieser Idee mit der Latex-Mischung.“

In den 1980er und 90er Jahren war Reusch Marktführer bei Torwart-Handschuhen: „Wir haben die Szene beherrscht“, sagt Reusch. „Klar, Uhlsport hat es auch gegeben, Adidas hat es auch gegeben. Aber wir hatten bestimmt zwölf von 18 Torhütern in der Ersten Liga unter Vertrag.“

Und auch in Südamerika spielte die Firma aus Metzingen eine große Rolle. „Wir hatten sämtliche führende Torhüter in Südamerika unter Vertrag“, erzählt Reusch. „Ob das ein Claudio Taffarel war oder ein Sergio Goycochea.“ Von der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien an war Gebhard Reusch bei fast allen Nationalteam-Turnieren.

Gebhard Reusch wohnt noch immer in Metzingen – im Unruhestand: Mittlerweile ist er auf Beratungsebene und Aufsichtsratebene für verschiedene Firmen und Banken aktiv. Mit Sepp Maier hat er heute nur noch sporadischen Kontakt: „Leider“, sagt Reusch. „Aber wenn wir uns sehen, dann freuen wir uns immer sehr.“ Maier wohnt mittlerweile hauptsächlich in Südtirol, nicht gerade der nächste Weg aus Metzingen. „Er hat sich ja auch sonst ziemlich aus der Szene zurückgezogen. Er geht zu keinem Fußballspiel mehr“, sagt Reusch.

Reusch selbst hat dem großen Fußball ebenfalls den Rücken gekehrt. Dennoch hat er noch viele Kontakte in die Szene: „Jens Lehmann, Raimund Aumann“, zählt er auf. „Der lädt mich auch immer ein nach München zum Spiel.“ Doch Reusch geht nur selten hin. Die Handschuhe mit seinem Namen darauf, würde er auch nur selten zu Gesicht bekommen.

Info: Gebhard Reusch (64) war rund 30 Jahre in verantwortlicher Position in der Firma, die sein Vater Karl 1934 in Metzingen-Neuhausen gegründet hatte. Anfang der 1970er Jahre hatte er den väterlichen Betrieb übernommen. 1996 verkauft er ihn, bis 2001 war er noch Geschäftsführer.

Reusch-Prospekte seit 1974, weitere Infos zu Reusch und viele Bilder von Gebhard Reusch mit berühmten Torhütern und vieles Interessante gibt in diesem digitalen Torwart-Museum.