Schwitzkasten: Angelo Vaccaro beendet seine Karriere

In der Saison 2011/2012 kickte Angelo Vaccaro beim SSV Reutlingen.
UlmerEine Viertelstunde vor Schluss der Partie gegen den SV Waldhof Mannheim wurde Angelo Vaccaro ausgewechselt. Gut 800 Zuschauer im Homburger Waldstadion applaudierten. Es war der Abpfiff einer Karriere, die einst bei der Spvgg Mössingen begonnen hatte und beim VfB Stuttgart geradewegs in dei Fußball-Bundesliga zu führen schien. Doch immer wieder bremsten Verletzungen den 33-jährigen aus. Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt für Vaccaro: Er steigt ins Management beim FC Homburg ein, „als Bindeglied zwischen erster Mannschaft und Sponsoren“, wie die Saarbrücker Zeitung schrieb.
Der gebürtige Hechinger Giovanni Zarrella, einst bei Bro'Sis und heute TV-Moderator und Musiker, ist seit Kindheitstagen mit Vaccaro befreundet. Auf Facebook hat er seine Gedanken zu dieser ungewöhnlichen Karriere in einem ungewöhnlichen Abschiedsbrief geteilt. Hier der Wortlaut:
Nehmt euch bitte eine Sekunde Zeit dies zu lesen.
Dies geht an alle Fussballer und Fussballfans. An Bundesligisten. An Kreisligisten. An Freizeitkicker. An all die Jungs die kein Sommermärchen erlebt haben.
Dies geht an all die Fussballer, die es vielleicht nicht ganz nach oben geschafft haben. Die voller Talent und Tatendrang steckten und bei denen es dann am Ende vielleicht doch nicht zu 100% gereicht hat um ihren grossen Traum zu verwirklichen. Vielleicht wegen schweren Verletzungen oder vielleicht aber auch einfach weil man nicht zur rechten Zeit am rechten Ort war oder die richte Entscheidung traf.
Mein Freund Angelo Vaccaro hat an diesem Wochenende aufgehört Fussball zu spielen. Wie viele andere Spieler dies auch tun. Aber Angelo ist „gerade mal“ 33. Und so richtig wollen ihn die Beine nicht mehr tragen. Auch wenn sein Herz spielen würde bis er 50 ist. Denn ich weiss er würde für zwei Dinge sterben. Für seine zwei wundervollen Töchter und für Fussball.
Angelo und ich sind gemeinsam aufgewachsen. Er war immer etwas jünger als ich (4 Jahre) so das ich ihn sehr bewusst wahrnehmen konnte. Wir kamen aus der gleichen süssen Ecke in Baden-Württemberg. Schnell entdeckte ihn der Vfb Stuttgart und er spielte seine gesamte Jugend dort. Schnell war jedem klar, das Angelo ein ganz Grosser werden kann. Ein grosser Tag war es, als ich im Stadion sass mit meinem Papa und den VFB in der Bundesliga gegen den BVB sah. in der zweiten Halbzeit dann der grosse Moment. Angelo Vaccaro, mein Freund - der Junge von nebenan - wurde eingewechselt und umtanzte Jürgen Kohler. Wir wussten es wird nicht mehr lange gehen, bis er zu den ganz Grossen gehört. Nach Unstimmigkeiten aber wechselte er zu Unterhaching. Angelo spielte dort eine grosse Rolle und schnell machte er sich den Namen Ange-Gol zugute. Mit etlichen Treffern schoss er den Verein wieder in die zweite Liga. Vor allem nachdem er 3-mal in Folge einen Erstligisten aus dem DFB-Pokal schoss machte er sich aber einen Namen. Jetzt musste es doch klappen. Jetzt muss es doch wieder ganz nach oben gehen. Sogar aus Italien, genauer gesagt Brescia, dem damaligen Verein von Roberto Baggio, Angelos grosses Vorbild, kamen Scouts um ihn spielen zu sehen. Doch es kam alles anders.
Es kam die Saison 2003/04 und Angelo sollte in dieser kein einziges Spiel machen.
Angelos Kreuzband machte nicht mehr mit und zerfetzte. So kompliziert das die Ärzte ihm rieten mit dem Fussball aufzuhören.
Ganze zwei mal riss das Kreuzband bei Angelo in dieser Zeit.
Deprimierend. Beängstigend.
Doch Angelo kämpfte sich zurück und glaubte man in Unterhaching nicht mehr so sehr an ihn, war dies in Augsburg anders. Auch hier schoss er den Verein aus der Regionalliga (damals gab es die 3te Liga noch nicht) in die zweite Liga und im DFB Pokal gelangen ihm in 8 Spielen 5 Tore. Er war zurück. Doch leider waren auch die Verletzungen zurück. Und wie. Wieder viele Pausen. Wieder Stops. Wieder der Rat aufzuhören. Doch diese Worte gingen Angelo nicht in den Kopf. Schmerztabletten schleppten ihn von Spiel zu Spiel. Von Tor zu Tor.
Er creme sich mit Voltaren ein wie andere mit Nivea scherzte er immer...
Er wechselte noch zu den Stuttgarter Kickers, dann zum damals amtierenden ungarischen Meister Honved Budapest wo er schnell zum Liebling avancierte und dann zum FC Brüssel nach Belgien.
Viele Stationen. Viele Tore. Viele Verletzungen. Viele Schmerzen. Viele Tabletten. Aber angetrieben - angetrieben vom Traum es nochmal in Deutschland zu schaffen. Vielleicht zurück zum Vfb. Dem Verein seines Herzens. Dort - wo alles begann.
Ich fragte ihn oft wieso er sich das antue. Er antwortete immer mit: Weil ich ohne das ganze hier kaputt gehe. Weil ich dafür lebe seit ich denken kann. Weil es meine Bestimmung ist. Weil es für mich das schönste Gefühl auf Erden ist wenn der Ball im Tor zappelt.
Angelo traf in seiner Karriere gegen viele Bundesligisten.Unter anderem gegen den BVB, Frankfurt und Leverkusen.
Jeder der Angelo spielen sah sagte, dass er dahin gehört. In die erste Liga. Vor allem sagten dies alle, die ihn vor seiner Verletzungsmisere sahen.
Angelo schaffte es nicht mehr zurück in die erste Bundesliga. Der Einsatz gegen den BVB damals sollte der letzte sein.
Aber Angelo, für mich hast du es geschafft. Für mich hast du soviel geschafft. 2003 empfohlen dir die Ärzte aufzuhören. 2015 und viele Tore und fantastische Stationen und Vereine später hörst du auf, weil du es für richtig hälst. Weil du immer gesagt hast, das du aufhörst wann du willst. Nicht wenn es dir jemand sagt oder empfiehlt. Du hast viele Menschen glücklich gemacht mit deinen Toren. Du hast viele Menschen stolz gemacht. Unter anderem deine gesamte Familie und deine Freunde.
Du sollst folgendes wissen. Egal wo ich dich habe spielen sehen. Für mich war das immer wie erste Liga. Denn deine Klasse, dein Instinkt, dein Wille haben mich immer abgeholt und jedes Stadion in ein Bundesliga Stadion verwandelt. Es war mir eine Ehre, dich so oft spielen und treffen zu sehen.
Vielleicht hast du recht. Vielleicht warst du ein bisschen zu früh dran. Denn all die ganz jungen Fussballer die ganz früh ran dürfen, mit 17-18 in der Bundesliga schossen erst ein paar Jahre nach dir aus der Erde. Als der grosse Umschwung im deutschen Fussball kam. Wer weiss, wie die Geschichte sonst ausgegangen wäre...aber gut....
Du bist ein Grosser. Für mich bist du erste Liga. Aber wie.
Und wenn es eine erste Liga geben würde im nicht-aufgeben-und-Traum-verwirklichen dann wärst du uneinholbar auf dem ersten Platz. Und jetzt gönn dir bisschen Zeit mit deinen zwei Prinzessinnen. Denn ich bin mir sicher, das wir dich nun ein Leben lang am Spielfeldrand sehen werden. Als Trainer. Als Manager. Als Motivator. Weil du zu 100% weisst, worauf es ankommt Champ.
Giovanni
Soweit der Brief von Giovanni Zarrella. Auf Facebook bekam dieser Beitrag über 5000 Likes. „Das gibt mir Kraft meine Kreuzbandverletzung zu überstehen. Vielen Dank für die motivierenden Worte“ schrieb ein User.