Anpfiff
: Eine bedrohte Art

Es ist eine ganz bestimmte Spezies Tennisspieler, was da die 1980er-Jahre im Land hervorgebracht haben. Es sind die Quereinsteiger der Becker-Graf-Generation: hochgradig Sport-affin, aber bis dahin mit dem als elitär empfundenen „weißen Sport“ noch kaum in Berührung gekommen.
Von
Bernhard Schmidt
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Schwäbisches Tagblatt

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Wie gesagt: bis zu jenem historischen Moment vor 31 Jahren, als der 17-jährige Becker in Wimbledon Kevin Curren niederrang. Und die gerade 17-jährige Steffi Graf nach ihrem Sieg in Paris den ersten Platz in der Weltrangliste eroberte. Tennis „drohte“ zum Volkssport zu werden, die Sandplätze waren ausgebucht, viele Vereine verfügten einen Aufnahmestopp.

Neben dem leistungs- und ranglistenorientierten Nachwuchs (siehe den nebenstehenden Artikel) fanden auch die Hobby-Cracks zum Tennis, entdeckten das physisch wie mental fordernde Spiel mit dem Filzball als altersgerechte Alternative zur Leichtathletik, zu Fuß-, Hand- oder Basketball. In deutschen Landen und in der Region gründeten eigentlich Mannschaftssport-orientierte Vereine Tennis-Abteilungen, durften sich auch lange über regen Zulauf aus den anderen Abteilungen freuen. Aufschlag, Slice und Top-Spin vermittelten meist nicht diplomierte Tennislehrer, sondern die Idole selbst – via Live-Übertragung, inklusive Zeitlupen und Fach-Analysen. Vielleicht lag’s am alten, viel zu kleinen Röhren-Fernseher: Einiges haben die Quereinsteiger, wozu ich mich auch zähle, dann wohl doch falsch verstanden. Die Technik lässt mitunter zu wünschen übrig, die eingeschliffenen Fehler kann auch der Tennislehrer kaum mehr beheben. Trotzdem: Es gibt spätberufene Seniorenspieler, die es gar zu Württembergliga-Ehren gebracht haben.

Der Becker-Boom ist längst abgeklungen, die Mitgliederzahlen rückläufig, so vermelden es alljährlich die Bezirksvorsitzenden. Doch es gibt Ausnahmen: Der TC Tübingen, mitgliederstärkster Club im Ländle, betreibt eine vorbildliche Nachwuchsarbeit, verzeichnet deshalb konstante Zahlen. Auch die Tennis-Abteilung des TSV Lustnau, gut aufgestellt mit über 300 Mitgliedern, verzeichnet seit Jahren mehr Zu- als Abgänge, stellt zwei Damen- und drei Herrenteams. Der Verein, so Abteilungsleiter Rainer Mack, profitiere unter anderem von der guten Nachwuchsarbeit in Kooperation mit Kusterdingen und Pfrondorf. Nur im mittleren Altersbereich, zwischen 40 und 50 Jahren, hat Mack eine Delle ausgemacht.

Womit wir wieder bei der Quereinsteiger-Generation wären. Beim SV03 Tübingen, dessen Tennis-Abteilung sich stets zum Freizeit-Prinzip bekannte und vor allem einstigen Fußballern eine zweite Heimat bot, ist mit dem Umbau des Stadions nicht nur die Zahl der Plätze geschrumpft. Auch die Anzahl der Aktiven geht zurück: Zuletzt haben sich bestenfalls noch acht Paare im wöchentlichen Belegungsplan eingetragen. Bei der TSG Tübingen schlagen von 125 Mitgliedern nur noch 20 bis 30 aktiv gegen den Filzball. Da habe es die Abteilung leicht verschmerzt, dass einer der beiden Sandplätze der neuen Halle weichen musste, sagt Abteilungsleiter Gerhard Brodbeck. Auch bei der TSG schwingen fast durchweg einstige Hand- oder Fußballer den Schläger. Und auch die werden weniger. „Da ist schon ein Haufen Eisen auf dem Platz“, sagt Brodbeck in Anspielung auf die schwächelnden Club-Kollegen mit künstlichen Hüft- oder Kniegelenken. Ach übrigens: Auch mein Handgelenk hält schon lange nicht mehr, was es verspricht.