Videoanalyse im Amateursport
: Die KI-Kamera und ihr Coolness-Faktor

HintergrundVideoanalysen sind bei den Young Boys Reutlingen Alltag. Doch wie ist eigentlich vor einer Kamera zu spielen und wie blicken die Spieler auf die Technik? Eine Umfrage.
Von
Larissa Renz
Reutlingen
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Young Boys Reutlingen vs. TSG Tuebingen Fussball, Verbandsliga, 21.Spieltag, Saison 2024/2025, 06.04.2025 : Torjubel von Marko Drijo (Young Boys Reutlingen, #9) nach seinem Tor zum 3:0 der Young Boys Reutlingen 

Young Boys Reutlingen vs. TSG Tuebingen, Fussball, Verbandsliga, 21.Spieltag, Saison 2024/2025, 06.04.2025 

Foto: Eibner-Pressefoto/ Tobias Baur

An einem Spieltag ist es längst nicht mehr nur die Presse, die, wie auf diesem Bild, den Torjubel von Marko Drljo (vorne, Mitte), festhält. Auch die vereinseigene, KI-gesteuerte Kamera ist an der Seitenlinie zur Stelle.

Eibner/Tobias Baur
  • Die Young Boys Reutlingen nutzen KI-Kameras für Videoanalysen im Training.
  • Spieler reflektieren ihre Leistung und entwickeln sich durch die Aufzeichnungen weiter.
  • Die Kamera hilft, Fehler zu erkennen und Spielstrategien zu verbessern.
  • Spieler betonen den motivierenden Effekt der Technik.
  • Trainer nutzen Videos zur Teamanalyse und für Highlights der Saison.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Mit der KI und der Kamera haben Fußball und die Spieler der Young Boys Reutlingen streng genommen nichts zu tun. Sie müssen sie nicht auf- oder abbauen, geschweige denn bezahlen. Sie müssen eigentlich nur davor spielen. Nur? Wie ist es eigentlich, wenn man bei der Ausübung seines Hobbys immer abgefilmt und aufgezeichnet wird? Und wie fühlt es sich an, vor der gesamten Mannschaft bewertet zu werden? Und wie genau bringt einen das weiter? Die SÜDWEST PRESSE hat eine Trainingseinheit der Young Boys besucht und einigen Spielern genau diese Fragen gestellt.

Früh zeigt sich, die Kamera ist zwar fester Bestandteil des Trainings, aber für einige Spieler kam das später als für andere. „Also ich spiel' vor Kamera, seit ich denken kann. Das gab es schon zu meiner Zeit in der U14 bei den Stuttgarter Kickers“, sagt Thomas Diescher und zupft sich an seinem Bart. Als Kind habe der jetzt 21-Jährige nicht verstanden, worum es dabei eigentlich geht. „Ich mein, wir haben uns das angeschaut, aber ich hab erst später verstanden, dass es darum geht, dass wir aus dem Video lernen“, beschreibt er seine ersten Analysen. Er fand es in erster Linie cool, sich selbst beim Kicken zu sehen. So ähnlich beschreibt es auch Giuliano D'Aleo. „Für so junge Kerle, wie wir waren, wir haben uns einfach wie etwas Besonderes gefühlt“, sagt er und lacht bei dem Gedanken. Ein befremdliches Gefühl, sich selbst spielen zu sehen, habe er nie gehabt. Er kam in der U14 des VfB Stuttgart mit der Kamera in Kontakt. Auch ihm sei erst mit einiger Erfahrung bewusst geworden, dass die Bilder zum Lernprozess beitragen sollen.

Für die erfahrenen Spieler im Trikot der Young Boys Reutlingen wurde die Kamera erst nach den Jugendmannschaften zu einem Faktor. „Am Anfang war das bisschen komisch, aber eigentlich nie unangenehm“, erzählt Kevin Haussmann. Vor allem habe er schnell gemerkt, dass die Aufzeichnungen und Szenenanalysen ihm in der Entwicklung helfen. „Ich habe über die Zeit eine viel bessere Übersicht gewonnen“, verdeutlicht er, „weil mir die Trainer einfacher zeigen können, welche Alternativen ich in einer Spielsituation habe.“ Mehr Sicherheit in seinem Stellungs- und Passspiel hat auch Markus Wagner gewonnen. In einer analysierten Szene stecken so viele Details, die ihm im Spiel weiterhelfen. „Ich will lernen und es hilft, wenn ich mich selber sehe, wie ich in einer Situation reagiere. Was gut gelaufen ist und was nicht“, sagt der Innenverteidiger der Reutlinger. „Du wirst nicht nach einer Videoanalyse besser, aber so über die Zeit verinnerlicht man einfach, diese Art Spielsituationen zu reflektieren“, meint D'Aleo.

Obwohl einige der Spieler sich ganze Partien über ihren Online-Zugang nochmal in voller Länge anschauen, die knallharte Analyse findet in der Regel vor und mit der gesamten Mannschaft statt. „Ich mag das, wie unser Trainer das macht“, sagt Wagner – und die anderen Interviewten schließen sich dem an. Es ginge auch mal mit ehrlichen Worten zur Sache, aber „wir haben das gemeinsame Ziel, dass wir gut und erfolgreich kicken wollen.“ Zumal die Spieler auch betonen, dass die Kamera durchaus „motivierende“ Wirkung hätte. „Mal ehrlich, die Kamera kann ich halt nicht hintergehen“, sagt Stürmer Marko Drljo mit einem Grinsen, „ich weiß genau, wenn ich Mist baue, dann hält mir der Coach das im nächsten Training unter die Nase.“ Inzwischen sei er so an die Videoanalyse und die Aufzeichnungen gewöhnt, dass es ihm in der Vorbereitung fehlen würde.

Das betreffe nicht nur seine eigene Leistung, sondern auch die der gegnerischen Mannschaft. „Wenn ich aufpasse, dann sind das für mich keine Fremden mehr“, beschreibt der Stürmer mit verschmitztem Grinsen. Er könne so ganz bewusst, seine offensiven Aktionen setzen und zum Erfolg kommen. Das zählt auf der anderen Seite des Feldes auch für Wagner: „Es ist schon angenehmer, wenn ich weiß, mit wie vielen Stürmern die auf uns zurennen“, stellt er fest. Wenn es im Spiel dann aber mal schnell wird, zeigen sich jedoch auch die Defizite der Kamera.

„Wenn der Ball weit fliegt, dann ist oft das Bild abgeschnitten“, erklärt Haussmann, das sei schon nervig. So würden, trotz Videoüberwachung, Spielszenen fehlen. Nur eine Kleinigkeit eigentlich, aber „das ist echt manchmal blöd, grad auch, wenn es darum geht, wie ein Gegentor entstanden ist“, legt Diescher nach. Zudem sei durch die große Höhe, aus der die Kamera Trainings und Spiele abfilmt, die Perspektive verzerrt. „Manchmal sieht der Trainer irgendwo Lücken und Räume, die ich aus meiner Position auf dem Feld nicht sehe“, merkt Diescher an. Eine Kamera, die auf Augenhöhe der Spieler aufgestellt wäre, könnte er sich gut vorstellen, um seine Wahrnehmung mit der von Außen zu vergleichen.

Doch was noch wichtig ist: „Der Coolness-Faktor der Kamera ist weniger geworden, als früher, aber er geht, um ehrlich zu sein, nie ganz weg“, sagt D'Aleo lächelnd. Denn die Kamera laufe nicht nur, wenn Dinge nicht funktionieren. „Ich habe viele Videos von meinen Toren“, erzählt Drljo, „nicht nur, weil sie mir ein gutes Gefühl geben. Ich werde auch danach gefragt.“ Zur Winterpause hatte Co-Trainer Felix Häußler sich auch die Mühe gemacht, alle geschossenen Hinrunden-Tore zusammenzuschneiden. Ein schöner Abschluss des Jahres und eine gelungene Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Alle fünf hoffen, dass es das zur Sommerpause nochmal gibt. „Das ist eben immer noch das Coole, das sind unsere Momente als Team“, sagt D'Aleo, „das sind unsere gemeinsamen Erinnerungen.“