Capoeira in Reutlingen
: Über den Sport mit der kleinen Sprachhürde

Die Kicks, Drehungen und Schläge sehen spektakulär aus, doch hinter den Spielarten und Elementen von Capoeira steckt noch viel mehr, wie Trainer Jonathan Tekle weiß.
Von
Larissa Renz
Metzingen
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Tanz, Akrobatik, Singen und Kämpfen – all das steckt in Capoeira.

Tanz, Akrobatik, Singen und Kämpfen – all das steckt in Capoeira. Um wie Jonathan Tekle auf dem Bild auch die gewagten Sprünge und Kicks ausführen zu können, braucht es viele Jahre Training, Ausdauer und Leidenschaft.

Privat
  • Capoeira in Reutlingen/Tübingen verbindet Kampf, Tanz, Musik und Akrobatik – Unterricht auf Portugiesisch.
  • Trainer Jonathan Tekle betont: Einstieg über Rhythmus und Gesang, Kinder ab 4 Jahren willkommen.
  • Verschiedene Spielarten erlauben angepasstes Training, spektakuläre Kicks erfordern viel Zusatzarbeit.
  • Graduierung mit farbigen Gürteln von Aluno bis Mestre, Anerkennung verbandsübergreifend.
  • Tekle sieht Capoeira als Lebensphilosophie und organisiert Events, zuletzt mit über 200 Teilnehmenden.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Minimum 40 Länder dürften es laut Jonathan Tekles Schätzung sein, in denen er bereits aus sportlichen Gründen gewesen ist. Wer annimmt, dass er auf seinen Reisen allen voran seine englischen Sprachkenntnisse geübt hat, liegt allerdings weit daneben. „Wer es im Capoeira weit bringen will, dem wird nichts anderes übrig bleiben, als Portugiesisch zu lernen“, sagt der heute 30-Jährige und schmunzelt. Anders als in vielen anderen (Kampf-)Sportarten ist das nämlich die „Amtssprache“ für die Sportlerinnen und Sportler. Egal, ob beim Nachwuchs oder dem erwachsenen Spätzünder: Der komplette Unterricht, die Gesänge und die Fachbegriffe werden unübersetzt aus dem Mutterland Brasilien übernommen. „Am Anfang hatte ich große Hemmungen vor der fremden Sprache und dem Austausch. Aber Capoeira ist allen voran mal ein Gefühl“, beschreibt Tekle seine Erfahrung, „und dann kommt irgendwann die Übersetzung dazu. Da muss sich aber niemand unter Druck setzen.“

Zum Reinkommen allerdings und im Gespräch mit dieser Zeitung übersetzt Jonathan Tekler, der schon an nationalen und internationalen Turnieren mitgemacht hat, fleißig. Was genau Capoeira ist und ausmacht, das lässt sich ohnehin nicht so einfach sagen. „Die Ursprünge liegen wirklich in einer Kampfsportart, die die früheren Sklaven ausgeübt haben“, führt Tekle aus, „die Sklaven tanzten und sangen und im passenden Moment griffen sie ihre Peiniger wirklich an. Die Hintergründe sind also sehr ernst, obwohl die Musik und die Texte das gar nicht vermitteln.“ Singen und Tanzen als wesentliche Elemente prägen den Sport bis heute und sind aus Sicht von Tekle, der selbst inzwischen als Lehrer aktiv ist, auch jene Elemente, bei denen auch Neulinge gut einsteigen können. Ohne den Rhythmus, der aus dem Kreis der umstehenden Menschen, auf Portugiesisch „roda“, kommt, geht im Capoeira nämlich nichts.

„Die Kleinen führen wir spielerisch an die Übungen heran. Ab 4 Jahren können Kids kommen und Kinder haben eine riesige Freude daran, ihre Beweglichkeit und Körperbeherrschung auszutesten“, schildert Tekle seine Erfahrungen. In Gruppen bis 15 Teilnehmer tasten sich die jungen Capoeiristen dann voran. Ältere Neulinge fangen nicht direkt mit den schweren Kicks an. Dadurch, dass es im Capoeira verschiedene sogenannte Spielarten gibt, ist niemand gezwungen, akrobatische oder kämpferische Elemente einzubauen, die der Körper nicht mitmacht. „Diese spektakulären Kicks, Sprünge und Kämpfe, die Capoeira-Shows für Zuschauer so cool macht, sind nur dann erlernbar, wenn man auch außerhalb des Trainings viel macht“, stellt Tekle klar, „und wir sind uns auch bewusst, dass jede Person ihren Alltag hat.“ Im Kern aber kann jeder Mensch, in jedem Alter und in jeder körperlichen Verfassung, im Capoeira Anschluss finden. Das schlägt sich auch in den Anmeldezahlen nieder: Viel Werbung müsse der Verein, Capoeira Reutlingen-Tübingen, für sein Angebot nicht machen, wie Tekle sagt.

Capoeira ist in diverse Varianten aufgeteilt. Ähnlich wie andere Kampfsportarten wird in farbigen Gürteln graduiert. Das Farbsystem ist auch außerhalb verschiedener Verbände anerkannt.

Capoeira ist in diverse Spielarten aufgeteilt. Ähnlich wie bei anderen Kampfsportarten wird in farbigen Gürteln graduiert. Das Farbsystem ist auch außerhalb verschiedener Verbände anerkannt.

Privat.

„Capoeira funktioniert nur, wenn viele Menschen zusammenkommen. Menschen, die den Gesang übernehmen, und Menschen, die bereit sind, sich miteinander zu messen“, so Tekle, der genau dieses Miteinander an seinem Sport liebt. Doch nur die Gemeinschaft reicht gerade jungen, motivierten Athleten nicht aus. Auch für Jonathan Tekle war das zeitweise nicht genug. „Ich hatte als Teenager auch die Phase, in der ich aufhören wollte“, gibt er mit leichtem Schmunzeln zu, „das war allerdings dann vorbei, als ich zunehmend auf Meisterschaften gehen konnte.“ Oder sich im Graduierungssystem hocharbeiten konnte. Die Hierarchie der verschiedenen Gürtel folgt der gleichen Logik, die auch aus anderen Kampfsportarten bekannt ist.

Verschiedene Spielarten kurz erklärt

Aluno: Schüler oder Anfänger, der die Grundlagen lernt.
Graduado: Fortgeschrittener Schüler mit mehr Erfahrung und technischen Fähigkeiten.
Instrutor: Unterrichtet Capoeira und unterstützt den Lehrer.
Professor: Erfahrener Capoeira-Lehrer, der selbstständig unterrichtet.
Mestrando: Erfahrener Capoeirista auf dem Weg zum Meistergrad.
Mestre: Meister mit langjähriger Erfahrung, der Techniken, Wissen, Musik und Tradition des Capoeira weitergibt.

Neue Farben um die Taille müssen sich die Capoeiristen erarbeiten. Je höher es geht, umso mehr sei nicht mehr nur entscheidend, wie gut ein Anwärter Capoeira spielt, sondern wie sehr er oder sie sich auch darüber hinaus im Sport verdient macht. „Trotz verschiedener Verbände sind diese Gürtel weltweit anerkannt und man spürt diese besondere Wertschätzung einfach“, führt der Referendar für BWL und Sport aus. Er selbst strebe den Titel des Mestre an, wann er aber soweit ist, das lasse sich nicht genau sagen.

An Geduld mangelt es Jonathan Tekle nicht. „Capoeira ist für mich eine Lebensphilosophie. Es geht nicht ohne diesen Sport, denn der heilt mich. Und ich bin zwar nicht mehr auf so vielen Wettkämpfen wie früher, aber ich würde gerne noch zu einer Weltmeisterschaft“, sagt er. Bis er sich diesen Traum erfüllen kann, stellt er seine Erfahrung und Energie für vereinseigene Events zur Verfügung, wie es jüngst in Pfullingen eines war. Über 200 Capoeiristen aus der ganzen Welt seien gekommen – ein weiteres Indiz dafür, wie wichtig der Sport für seine Anhänger ist. „Es gibt gerade so viele Krisen überall und das Reisen ist für viele unserer Gäste auch nicht billig gewesen, aber sie haben es möglich gemacht. Das verdient nicht nur meine Anerkennung“, hält Tekle mit Blick auf die Veranstaltung fest. Während er auf den Spielfeldern viele bekannte Gesichter wiedergesehen hat, will er auf der Tribüne unter den gut 400 Zuschauern den einen oder anderen neuen Fan entdeckt haben.