Nach dem Erdbeben in der Türkei
: Fußball im Land der Katastrophe: Wie sich deutsche Mannschaften in Antalya vorbereiten

ReportageDie Türkei wird von einem schweren Erdbeben erschüttert. Zahlreiche Fußball-Vereine fliegen trotzdem zum Trainingslager nach Antalya. Auch Landesligist Türkspor Neu-Ulm.
Von
Nadine Vogt
Lara/Türkei
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  • Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland. Trainer Ünal Demirkiran, ein deutsch-türkischer Ex-Profi, sagt: „Wir machen unseren Job.“⇥

    Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland. Trainer Ünal Demirkiran, ein deutsch-türkischer Ex-Profi, sagt: „Wir machen unseren Job.“⇥

    Nadine Vogt
  • Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland.

    Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland.

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  • Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland.

    Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland.

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  • Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland.

    Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland.

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  • Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland.

    Auf einem der vielen Trainingsplätze zwischen Lara und Belek bereitet sich Landesligist Türkspor Neu-Ulm auf die Saison vor – wie viele andere Klubs aus Deutschland.

    Nadine Vogt
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Die Flutlichtmasten ragen in den Himmel. Sie verschwinden aus dem Sichtfeld und tauchen wenige Sekunden später wieder auf. Wie viele Spielfelder an der zweispurigen Straße zwischen Lara und Belek liegen, lässt sich nur schätzen: um die 50 werden es sein. Zwischen Gewächshäusern und Hotel-Hochburgen reiht sich an der türkischen Mittelmeerküste auf wenigen Kilometern Trainingsgelände an Trainingsgelände.

In der Nebensaison herrscht auf den Anlagen Hochbetrieb. Im Januar und Februar, wenn die Temperaturen im Durchschnitt um die 15 Grad betragen, sind hunderte Fußball-Vereine dort. Trainingslager in der Türkei, das ist seit vielen Jahren zwischen Kreisliga und Profifußball gang und gäbe. Auch in diesen Tagen. Trainieren im Land der Katastrophe. Das Business läuft in der Region um Antalya as usual.

Zerstörte Region 600 Kilometer entfernt

„Wie können wir die Situation besser lösen?“, ruft Ünal Demirkiran und geht einige Schritte über den Rasen auf seine Spieler zu: „Dreh dich nicht vom Ball weg.“ Der Cheftrainer lässt weiterspielen. Türkspor Neu-Ulm, ein Landesligist aus dem württembergischen Fußball-Bezirk Donau/Iller, ist sechs Tage nach dem schweren Erdbeben in die Türkei gereist. 600 Kilometer liegen zwischen dem Badeort Lara und dem grenznahen Gebiet um Gaziantep, wo sich die verheerende Katastrophe ereignet hat. Zahlreiche Häuser sind eingestürzt, Zehntausende Menschen sind ums Leben gekommen.

„Jeder kennt jemanden, der einen Angehörigen oder Freund verloren hat“, sagt Attila Tütüncü, der sportliche Leiter von Türkspor Neu-Ulm. In der Mannschaft gebe es niemanden, der von dem Unglück direkt betroffen ist. Mit 32 Mann ist der Landesligist, der Halbmond und Stern in seinem rot-weißen Vereinswappen trägt, angereist. Das Trainingslager war schon lange geplant. Tütüncü sagt: „Für uns war klar, dass wir kommen. Sich komplett zu entziehen, wäre auch nicht das richtige.“ Verein und Sponsoren haben in Neu-Ulm zahlreiche Spenden gesammelt, ein Lkw ist schon unterwegs.

Bilden die Sportliche Leitung von Türkspor Neu-Ulm: Salvatore Marino (l.) und Attila Tütüncü.

Nadine Vogt

Der 33-Jährige weiß, wie es ist, wenn Katastrophen, die weit weg scheinen, plötzlich ganze nahe sind. Der Polizist war im Sommer 2021 im Ahrtal, half nach der Flut, die in einer Nacht ein ganzes Dorf zerstört hat. Eigentlich wollten Tütüncü und drei Mannschaftsbetreuer ins Krisengebiet fliegen, von Antalya nach Adana: „Dort, wo wir hätten anpacken können, wollten wir helfen.“ Die Tickets waren gebucht, wenige Stunden vor Abflug entscheiden sie sich dagegen. Sie hören von Freunden, die dort waren, dass die Gefahr von Seuchen steigt. Wegen der Leichen, die in den Trümmern liegen. Tütüncü sagt: „Das wäre unverantwortlich. Da müssen die Fachleute ran.“ In Antalya, so schildert er seine Eindrücke, merke man die Tragödie den Menschen an: „Aber gerade hier im Urlaubsort sind sie bemüht, die Normalität aufrechtzuerhalten.“

Ortswechsel. An der Strandbar im Teamhotel der Regionalliga-Fußballer des SSV Ulm 1846 sind Schreie zu hören, Schluchzen, gequälte Worte auf Türkisch. Eine Angestellte schaut sich ein Video aus dem Krisengebiet an. Immer und immer wieder. Als ein älteres Paar herantritt, stoppt sie die Aufnahme, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Zwei Gin Tonic“, bestellen sie auf Deutsch.

Kann man in ein Land reisen, das von einer Katastrophe erschüttert wurde, deren ganzes Ausmaß noch gar nicht abschätzbar ist? Die Fußballvereine haben diese Frage für sich beantwortet. Ob Landesligist Türkspor Neu-Ulm oder der viertklassige SSV Ulm, sie reihen sich in eine Vielzahl von Mannschaften ein, die ihr Trainingslager durchgezogen haben. Kickers Offenbach, FC Homburg, Eintracht Trier, SGV Freiberg und Stuttgarter Kickers sind nur eine Auswahl, die zur gleichen Zeit in der Türkei sind. Die sich zwischen Teams aus Rumänien, Georgien oder Kasachstan die Bälle zuspielen. Die auch mal auf dem Platz neben den Erstliga-Frauen von Vorskla Poltava, dem punktverlustfreien Tabellenführer der Ukraine, trainieren.

„Wir machen unseren Job“, sagt Türkspor-Trainer Ünal Demirkiran. „Letztlich geht das Leben weiter. So hart es klingt.“ Das heiße nicht, dass Mitgefühl und Anteilnahme nach den schrecklichen Ereignissen nicht trotzdem groß sind. Der 43-Jährige sagt: „Durch den Fußball vergisst man auch für ein paar Stunden.“

Wenige Meter vom umzäunten Spielfeld J entfernt, wartet schon der Reisebus, um die Neu-Ulmer Mannschaft zurück in ihr Hotel zu bringen. Zwölf Minuten Autofahrt sind es auf der zweispurigen Straße. Es geht über einen Fluss, vorbei an einem Erdbeerstand und einer leerstehenden Shopping-Mall. Immer wieder ragen Flutlichtmasten in den hellblauen Himmel.

Die Liga pausiert, Trabzonspor will spenden

Nach der Erdbeben-Katastrophe, die sich am 6. Februar ereignet hat, wurden zunächst alle Sportveranstaltungen in der Türkei abgesagt. Auch die Süper Lig pausiert. Der türkische Erstligist Trabzonspor will die Ticketeinnahmen seines Conference-League-Spiels gegen den FC Basel spenden. Vereinspräsident Ahmet Agaoglu hofft auf etwa 39 000 verkaufte Karten für das Heimspiel am Donnerstag.