Horb · Tennis: „Ich sehe mentales Training als hochrelevant an“

Der Ex-Tennisprofi Michael Berrer gibt auf dem Platz immer alles. Der fast 40-Jährige spielt heute in der Herren-Regionalliga für den TC Doggenburg. Archivbild
Nicht gesetzt SÜDWEST PRESSE: Jeder h a t wohl noch das Wimbledon-Finale aus dem Jahr 2019 vor Augen. Roger Federer hatte mehr Punkte gemacht, mehr Gewinnschläge angesetzt und mehr erste und zweite Aufschläge als Gegner
Djokovic erfolgreich verwertet. Zudem hat der Schweizer zwei Matchbälle bei
eigenem Aufschlag nicht genutzt und noch verloren. Demnach hat der Serbe Djokovic eine mentale Meisterleistung abgelegt?
Michael Berrer: Ja, auf jeden Fall hat der mentale Aspekt eine große Rolle gespielt. Viele Faktoren haben bei diesem Match eingewirkt, beispielsweise das neue Format oder der Teilbreak, den er überlegen gewonnen hat. Man muss einfach bis zum letzten Punkt dranbleiben und darf sich nie zu sicher sein.
Und war Federer mental nicht auf der Höhe?
Das würde ich nicht unbedingt sagen. Vielleicht haben aber die letzten Prozentpunkte gefehlt und vielleicht war die Willenskraft bei Djokovic größer. Die verlorenen Matchbälle sind bestimmt frustrierend, das wäre ein epischer Gewinn gewesen. Es waren wohl einfach diese zwei bis drei Prozent, die den Unterschied gemacht haben, sodass Djokovic gewonnen hat. Das war eines der besten Matches, die ich je gesehen habe.
Djokovic hat danach gesagt, ‚wenn die Zuschauer Roger rufen, dann höre ich Novak‘. In welche mentale Trickkiste griff der Serbe in dieser Phase, um sich damit sogar selbst anzufeuern?
Das ist eine extreme mentale Stärke. Es ist die größte Kunst, so etwas als Kraftquelle zu nutzen. Das machen auch Top-Profis in anderen Bereichen wie dem Basketball. Wenn dich die gegnerischen Fans beispielsweise mit ihren Wimpeln durcheinanderbringen wollen, kannst du das annehmen oder es ummünzen und das Ganze ins Positive drehen.
Immer wieder hört man, dass der Sportler „im Tunnel“ ist, also extrem fokussiert kann eine Vorbereitung auch zu „ernst“ sein, so dass der Sportler verkrampft?
Auf jeden Fall. Das war bei mir des Öfteren so. Ich war schon ein extrem angespannter Typ. Damals hat mir dann eine Art Meditation geholfen, um herunterzukommen. Da ist aber jeder Spieler individuell. Die guten Coaches spüren, was man braucht. Der Athletiktrainer von Andy Murray hat zum Beispiel gespürt, ob sein Spieler einen Push braucht oder er etwas rausnehmen muss. Auf jedem
Level ist es aber dasselbe. Clubmeisterschaften oder Verbandsspiel sind in diesem Fall das Gleiche wie der größte Center Court der Welt.
In welchem Zeitraum sollte die mentale Vorbereitung vor einem Wettkampf anfangen?
Ich habe mich zwei Stunden vorher zurückgezogen und meditiert. Im Warm-up habe ich viel mit dem Trainer gearbeitet. Das hat mir den Extrakick und die notwendige Lockerheit gegeben. Ich kann es nicht verstehen, wenn Leute aus der kalten Hose auf den Platz gehen. Das wäre für mich undenkbar. Ich habe immer gutes Anschwitzen gebraucht, ob vor dem Training oder vor einem Match. Einmal habe ich gegen
Florian Mayer gespielt. Wir sind den ganzen Tag nur in der Halle herumgehangen. Er hat nur da
gesessen, während mein Trainer mit mir an die frische Luft gegangen ist. Ich war dann im Kopf richtig klar und habe ihn im Match überrollt.
Mit welchem Hilfsmittel hast du
versucht, Dich aus kritischen
Situationen in einem Match wieder zu befreien?
Da gibt es verschiedene Varianten, das ist auch situationsbedingt. Meistens sind es Routinen, die bei mir automatisiert sind. Ich habe mich in ein positives Mindset geholt. Die Faust geballt und gesagt „komm jetzt“. So sind positive Emotionen entstanden. Außerdem: Spielzüge, Spielzüge, Spielzüge. So kann man sein Unterbewusstsein überlisten. Das ist
sehr wichtig. Man kann sich
dabei auf einen Spielzug konzentrieren, der funktioniert. So ist das Gehirn beschäftigt umzusetzen und kann deswegen keine Angst mehr haben.
Wie oft sollte ein mentales Training gemacht werden?
Da gibt es kein Patentrezept. Ideal wäre es, mentales Training ambitioniert in regelmäßigen Abständen zu machen. Man kann die Zeit auf dem Platz nutzen, um daran zu arbeiten. Auch hinsichtlich Körpersprache und Umgang mit den eigenen Emotionen. Viele agieren im Training anders als im Match. Deswegen habe ich das Training nie dahinplätschern lassen. Ich brauche dort dieselbe Intensität wie im Match. Daher habe ich mir Sanktionen für das Training ausgedacht. Diese kleinen Dinge bringen Anspannung rein. Wenn man ein Spiel verliert, muss man den Kollegen beispielsweise das Essen servieren. Das ist lustig und macht Spaß.
Welchen Sinn hat ein mentales
Training im Amateurbereich?
Ich glaube, in allen Bereichen hat das seine Sinnhaftigkeit. Wie gesagt, ich sehe mentales Training als hochrelevant an. Wir brauchen im Tennis mentale Fähigkeiten. Wir müssen es schaffen, fokussiert zu sein, wenn es darauf ankommt. Wir müssen mit Widerständen umgehen, denn kein Match wird so laufen, wie wir uns es vorher denken. Fähigkeiten und Grundprinzipien müssen wir daher natürlich kennen.
Kann ein Amateursportler die gleichen mentalen Aufgaben machen, wie ein Profisportler?
Natürlich kann ein Profi mehr über einen längeren Zeitraum leisten, einfach weil er es öfters macht. Grundlagentechnisch sehe ich da aber kein Problem. Dazu gehört auch die Körpersprache sowie, dass wir unsere Emotionen im Griff haben und zum Beispiel den Schläger nicht die
ganze Zeit herumwerfen. Pünktlich beim Training und vorbereitet sein, alles in der Tasche haben. Klappt das nämlich nicht, bekommen wir Stress und das ist kein guter Faktor.
Wie viel Prozent mehr kann aus
einem Sportler herausgeholt
werden, wenn er ein mentales
Training macht?
Ich würde sagen, 25 Prozent mehr Siege sind auf jeden Fall möglich. Und nicht nur das, auch bereitet es mehr Spaß und Freude. Sind wir immer von negativen Gedanken überwältigt, macht Tennis keinen Spaß. Wenn wir es schaffen, unser Bestes herauszuholen, können wir auch akzeptieren, dass das Gegenüber mal besser ist.
Helfen Dir die mentalen Techniken auch im Privat- und Berufsleben
weiter?
Zwangsläufig ja. Wenn ich bei einem Unternehmen einen Vortrag vor 250 Führungskräften vorbereite, muss ich da sein, mich fokussieren und die Leistung abrufen. Außerdem muss ich auch im Team arbeiten und auf die Teammitglieder eingehen. Das ist im Tennis nicht anders. Wenn man im Training ist, hat man das Verhältnis zum Trainer und das mit dem Trainingspartner. Das ist extrem wichtig. Wir sind immer eine Mannschaft und wollen die anderen plattmachen.
Wie grenzt sich ein mentales
Training von Ritualen ab?
Ich würde sagen, das geht Hand in Hand. Die Entwicklung von Ritualen ist nämlich mentales Training. Ein gutes Beispiel: Rafael Nadals Ticks, wie er Flaschen aufstellt oder seine Gestik. Das sind Dinge, die bei ihm dazugehören. Sie geben ihm Sicherheit. Manche bezeichnen das als abwegig. Aber das funktioniert bei ihm richtig gut. Jeder kann selber im Training üben, was für ihn gut ist und das nutzen, was für seine Spielstrategie gut ist. Zum Beispiel die Atmung üben, oder für die 90-sekündige-Pause etwas entwickeln, bei dem man merkt, dass es guttut. Ich setze mich hin, nehme das Handtuch, trinke Elektrolyte und danach Wasser. Das macht mich mental stärker.