Horb · Tennis: „Ich brauche Energie und Adrenalin“

Hat sich hohe Ziele für ihre Profikarriere gesteckt: Alexandra Vecic, die für den TC Tübingen aufschlägt. Archivbild
Nicht gesetztSÜDWEST PRESSE: Frau Vecic, werfen wir doch mal einen Blick in die Zukunft: Ihre Karriere ist beendet und Sie hätten eine ähnliche Platzierung wie Michael - 42 der Weltrangliste - erreicht. Wäre das eine gelungene Karriere gewesen?
Alexandra Vecic: Auf jeden F all. Es ist taff, es nach ganz oben zu schaffen und man muss viel investieren. Aber Rang 42 wäre definitiv eine gelungene Karriere.
Was sind Ihre Kriterien für Ihren sportlichen Erfolg?
Ich finde, dass Wichtigste ist, vor allem harte und disziplinierte Arbeit. Jeden Tag aufstehen, obwohl man vielleicht auch mal keine Lust hat. Ich habe ein Ziel und will dafür arbeiten. Man muss viel opfern und Prioritäten setzen. Schule, Zeitmanagement und all das. Der Wille dazu ist eine der Grundvoraussetzungen.
Wie kamen Sie als Kind zum Tennis?
Mein Papa war Tennistrainer. Ich habe ihn früher deshalb selten gesehen, er kam selten nach Hause, da habe ich mal gesagt, dass ich zu ihm komme, wenn er Mittagspause hat. Dann habe ich zugeschaut, fand Tennis cool und dachte, ich will das auch probieren. Wenn er mal eine Freistunde hatte, haben wir gespielt.
Herr Berrer, vor welchen Fehlern auf der Tour können Sie Alexandra warnen?
Michael Berrer: Es gibt natürlich viele Challenges. Aber sie ist in einem guten Umfeld und macht viel richtig. Diese Mentalität kam zum Beispiel bei mir erst später, sie ist da schon sehr weit. Außerdem hat sie gute Leute wie Barbara Rittner, oder einen Torsten Popp um sich. Die wissen, wie es funktioniert. Insgesamt ist die tägliche Verbesserung das Geheimnis. Das tolle ist: Im Tennis kann man sich jeden Tag verbessern.
Frau Vecic, gibt es eine spezielle Person, der Sie am meisten vertrauen?
Alexandra Vecic: Es gibt mehrere Personen. Aber meinen Eltern vertraue ich da natürlich am meisten, sie waren schon von klein auf für mich da. Außerdem natürlich Torsten Popp, der mich auch schon kennt, seit ich klein bin. Auch die Trainer vom DTB, Barbara Rittner, Jasmin Wöhr und ganz viele andere. Es ist ein großes Umfeld. Da haben viele ihren Beitrag geleistet und darüber bin ich sehr glücklich.
Es ist ja auch kein Geheimnis, dass Sie auf dem Platz Emotionen zeigen und dass auch mal der Schläger in die Ecke fliegt. Mentalcoaches würden das als Schwäche bezeichnen. Warum gehört es zu Ihrem Spiel?
Ich bin eine emotionale Person, das ist einfach mein Charakter. Ich bin aber auch im normalen Leben emotional. Ich habe schon öfters versucht, ruhiger auf dem Platz zu sein, aber das funktioniert bei mir nicht. Ich brauche Energie und Adrenalin.
Herr Berrer, Sie sind ja Mentaltrainer, was halten Sie von ihren emotionalen Ausbrüchen?
Michael Berrer: Ich finde das absolut okay. Das gehört dazu zum Tennis. Der Sport fordert uns jeden Tag mit neuen und unvorhersehbaren Herausforderungen. Da kochen die Emotionen hoch und die kann man auch zeigen. Im Idealfall schaffen wir es natürlich, den Schläger in der Hand zu halten, aber Emotionen sind wichtig. Wenn man sie dann noch in die richtige Bahn lenkt, ist das eine große Stärke und zieht auch das Publikum auf die eigene Seite. Ein Boris Becker hat uns ja auch an den Fernseher gefesselt, weil er Emotionen gezeigt hat.
Frau Vecic, welche Erfahrungen haben Sie mit Mentaltrainer gemacht?
Ich habe kein festes Mentaltraining und mich auch nicht allzu viel damit beschäftigt. Auf den DTB-Lehrgängen waren aber manchmal besagte Coaches dabei. Ansonsten beschäftige ich mich auch alleine mit dem Thema, zum Beispiel durch das Lesen von Büchern.
Würden Sie sich ein festes Mentaltraining wünschen?
Es wäre auf alle Fälle ein Baustein für die Zukunft, vor allem nach dem Abitur.
Schule und Sport laufen also gut zusammen?
Ja. Es ist für mich kein Problem, den Schulabschluss zu machen.
In der jetzigen Zeit ist es sicherlich nicht verkehrt, mental stark zu sein. Stichwort: Corona-Krise. Seit ein paar Tagen dürfen die Profis immerhin wieder trainieren. Wie sehen Trainingseinheiten in Zeiten der Krise aus?
Man muss Regeln beachten. Auch bei Lehrgängen gibt es zum Beispiel Einzelzimmer. Alles wird immer desinfiziert, Abstandsregeln werden eingehalten, und beispielsweise keine Körperkontaktspiele gespielt. Bislang funktioniert es sehr gut.
Arbeiten Sie gerade besonders intensiv an einem Schlag?
Definitiv, ich arbeite intensiv an meinem Aufschlag.
Trainieren ist ja nicht gleich Spielen. Wettkampftennis ist derzeit undenkbar. Wie sehr fehlen Ihnen die Duelle auf dem Platz?
Mega, sie fehlen sehr. Dieses Turnierfeeling, die Mentalität, das ist etwas ganz anderes als im Training. Es fehlt der Druck, der letzte Adrenalinstoß. Außerdem auch das Reisen, die Turnieratmosphäre - es fehlt mir sehr.
Sie hatten ja wenigstens noch das Glück, im Januar bei den Australien Open bis ins Halbfinale der Juniorinnen vorzustoßen. Wie sehr nagt es an Ihnen, den Finaleinzug verpasst zu haben?
Klar, das war schade und eine große Möglichkeit. Aber ich habe auf dem Platz mein Bestes gegeben. Die Gegner im Halbfinale waren aber dann einfach besser. Das muss man anerkennen, das gehört auch dazu.
Bei diesen Turnieren sind Sie weit weg von Zuhause. Plagt Ihnen auch mal das Heimweh?
Nein, ich habe kein Heimweh. Ich bin, was das angeht, sehr abgehärtet und liebe es, zu reisen. Damit habe ich also kein Problem. Ich mag es auch gerne, alleine auf Turniere zu gehen.
Wie vertreiben Sie sich die Zeit auf den Turnieren?
Das kommt darauf an. Beim Grand- Slam hat man nicht genug Zeit für andere Dinge. Da ist volles Programm angesagt. Man trainiert, spielt, oder schaut zu. Bei den anderen Turnieren, die kleiner sind, ist man mit eigenem Training, Matches, Kondi-Training, oder dem Aufwärmen beschäftigt. Ansonsten macht man etwas mit anderen Spielerinnen. Um ein bisschen abzuschalten, höre ich auch oft Musik oder lese.
Herr Berrer, Sie hatten am Anfang Ihrer Karriere Heimweh, wie haben Sie das Problem in den Griff bekommen?
Man muss es einfach tun. Man gewöhnt sich irgendwann dran. Anfangs konnte ich nicht zum Turnier gehen. Aber es gab keine Alternative, ich wollte ja Tennis spielen. Ich wollte die Matches spielen. Dann habe ich mich daran gewöhnt. Ich habe dann auch für mich versucht, das so angenehm wie möglich zu machen. Ein gutes Hotel buchen, oder mal jemanden mit auf die Reise nehmen. Das macht es angenehmer.
Frau Vecic, aufgrund der Corona-Krise sind bis auf weiteres alle Turniere ausgesetzt. Glauben Sie daher, dass die Australien Open Ihr letzter Auftritt im Juniorinnen-Bereich war?
Man weiß ja nicht, wie es weitergeht. Falls noch etwas stattfinden sollte, würde ich natürlich gerne weiterspielen.
Danach geht es bei den Damen weiter. Mit welchen Umstellungen müssen Sie rechnen?
Es ist auf jeden Fall ein anderes Niveau, gespickt mit mehr Erfahrung und einer anderen Mentalität. Es wird ernster. Da muss man Erfahrungen sammeln und den Spielstil etwas umstellen. Die Spieleröffnung und das Mentale wird wichtiger sein. Die nötigen Erfahrungen sammelt man am besten in Matches gegen erfahrene Spielerinnen.
Herr Berrer, mit welchen Problemen hatten Sie beim Übergang vom Junioren- in den Herrenbereich zu kämpfen?
Ich habe ja nicht so viele Juniorenturniere gespielt. Alexandra hat ja mit 16 schon ITF-Turniere gespielt. Trotzdem beobachte ich es natürlich, es geht mehr um den Erfolg. Aber sie wird sich schnell anpassen, da bin ich mir sicher. Da darf sie dann auch groß denken. Da freue ich mich jetzt drauf, das zu verfolgen. Sie hat die ITF-Turniere und Grand-Slams super gemeistert. Jetzt geht es weiter und bald richtig los.
Frau Vecic, Sie gelten als Fleißbiene. Bundestrainerin Barbara Rittner lobt immer wieder Ihren Einsatz. Sie sagte mir mal: Wenn ich Alexandra sage, mache 100 Seilsprünge, dann macht sie 150. Warum sind Sie so einsatzfreudig?
Das hatte ich schon immer, es ist Teil meines Charakters. Ich bin fleißig und diszipliniert. Wenn man mir sagt, was ich machen soll, mache ich das gerne. Ich mache das ja auch für mich. Ich will nach oben kommen und meine Ziele verfolgen. Alles was mir guttut, mache ich gerne.
Und machen Sie nicht so gerne?
Das ist schwer zu sagen. Im Tennis mache ich alles sehr gerne. Im Kondi-Bereich eigentlich auch. Aber klar, es ist auch von der Tagesform abhängig. Manchmal ist das etwas zäh, nach der Schule, zwei Stunden Tennis und eine Kondi-Einheit zu absolvieren. Aber man weiß: Es bringt dich näher ans Ziel.
In der vergangenen Saison haben Sie für den TC Tübingen aufgeschlagen. Bleiben Sie dem Verein treu?
Ja, definitiv. Es ist noch abzuwarten, ob die Liga startet oder nicht. Wenn ja, werde ich für Tübingen aufschlagen.
Und wann rechnen Sie wieder mit Spielen auf der Tour?
Ich hoffe auf Juli, bezweifle es aber. Es wird schwer, aber ich werde definitiv die im Juli startende Deutsche-Turnierserie spielen. Wann es international weitergeht, kann man nicht voraussagen.