Special Olympics in Berlin: Weltspiele der guten Laune

Levav Barkan (links), hier mit einem Teil seiner Delegation aus Israel, hat bei vergangenen Spielen im Judo schon mehrere Medaillen geholt und hofft in Berlin auf neue Erfolge.
Aliza BarkanNach einem plötzlichen Wolkenbruch suchen Zuschauer und Touristen an der Radrennstrecke der Special Olympics World Games in Berlin-Mitte zähneknirschend das Weite. Doch die Athleten aus Großbritannien, von denen sich einige gerade für das Finale qualifiziert haben, lassen sich von den Regenschauern die Stimmung nicht vermiesen. Fröhlich singend laufen die Radsportler händchenhaltend durch das Brandenburger Tor.
„Die Athleten sind immer so gut gelaunt, offen und unbefangen, von ihnen können wir noch viel lernen“, findet Britta Wolf. Die freiwillige Helferin ist eigentlich Krankenschwester. Nun sorgt sie als eine von rund 15 000 Volunteers dafür, dass die bunten Sportspiele funktionieren. Für ihr Ehrenamt bekomme sie kein Geld, dafür aber ein paar schicke Sportsachen, „und viel Lebensfreude und Dankbarkeit“, berichtet die 56-Jährige.
Größte Sportveranstaltung in Deutschland seit 1972
Die Special Olympics, die am Sonntag in der Hauptstadt enden, sind nicht nur die Weltspiele der guten Laune, sondern die größte Sportveranstaltung, die seit den Olympischen Sommerspielen 1972 in München in Deutschland stattfindet. Die rund 6500 Athleten aus 176 Nationen wohnen mit ihren Trainern und Helfern allerdings nicht in einem Olympischen Dorf, sondern in 21 großen Hotels über die ganze Stadt verteilt. Eine logistische Herausforderung, für die in der City West sowie am Alexanderplatz zwei provisorische Busbahnhöfe eingerichtet wurden. 120 Shuttles fahren die Sportler unter anderem zu den Leichtathletikwettwerben, in den Olympiapark, zum Segeln an den Wannsee oder zum Golfen nach Bad Saarow.
Farben zur Orientierung
Weil viele der Sportler mit geistiger Beeinträchtigung nicht lesen können, sind die Haltestellen in verschiedenen Farben gehalten und mit Bildern der insgesamt 26 Sportarten versehen. Doch obwohl die Organisatoren der weltgrößten inklusiven Sportveranstaltung eigentlich Barrieren abbauen wollen, gibt es hier und da noch ein paar Hürden.
Im großen Fußgängertunnel am Berliner Messegelände, wo neben verschiedenen Wettkämpfen auch Siegerehrungen sowie ein Kulturprogramm stattfinden, sind alle Rolltreppen kaputt. Für ein Sieben-Euro-Ticket könnte Otto Normalverbraucher an einem Tag alle anberaumten Wettkämpfe sehen. Doch die Zeitpläne sind unübersichtlich. Beim Durchklicken durch die offizielle Webseite www.berlin2023.org braucht es viel Geduld und Spitzfindigkeit, um Anfangszeiten und Austragungsorte auszukundschaften. Dabei sollen Menschen mit geistigen Einschränkungen doch endlich eine große Bühne bekommen.
Inklusive Teams gehen in Unified-Wettbewerben an den Start
Nur acht Prozent der rund 320 000 Betroffenen in Deutschland haben bisher Zugang zum Regelsport. Bei den Special Games, die wie die Olympischen Sommerspiele alle vier Jahre stattfinden, gehen zum Beispiel Athleten mit Downsyndrom, einer schweren psychischen Erkrankung oder einer Mehrfachbehinderung an den Start. Zudem gibt es bei den „Unified“-Wettbewerben inklusive Teams mit Sportlern ohne Einschränkungen.
So ein gemischtes Doppel bilden Ahlam Abdalla mit Nadeya Alfalasi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten im Tischtennis. „Meine Schwester hat die gleiche kognitive Störung wie meine Mitspielerin“, berichtet die 28-jährige Ahlam, warum sie schon als Kind auch ohne Handicap zum Inklusionssport gekommen ist. In ihrem Heimatland habe sich diesbezüglich in den vergangenen zehn Jahren viel getan, berichten die beiden Frauen. Dazu habe sicher auch beigetragen, dass die Special Olympics 2019 in Abu Dhabi ausgetragen wurden. „Ich bin aber auch froh, dass ich durch den Sport die Möglichkeit bekomme, fremde Städte zu bereisen“, erklärt Nadeya Alfalasi, die in ihrer Wettbewerbs-Stufe zu den besten Tischtennis-Spielerinnen der Welt gehört.
Es geht um Zusammenhalt
Für viele der Athleten, die im Alltag aufgrund ihrer Andersartigkeit immer noch doofe Blicke und manchmal sogar blöde Sprüche ernten, geht es um mehr als nur um Medaillen. Die meisten berichten, dass es schön sei, einmal im Mittelpunkt zu stehen und zeigen zu können, zu welchen enormen Leistungen man auch mit Einschränkungen fähig sein kann.
Und es geht um Zusammenhalt. Den demonstrierte die Schwimmerin Esmeralda Encarnacion Despiau aus Costa Rica im Viertelfinale über 100 Meter Freistil der Frauen, als ihre Konkurrentin Sara Ghandoura aus Saudi-Arabien die Orientierung verlor und dachte, sie hätte das Rennen nach 50 Metern bereits beendet. Despiau, als Zweite im Ziel, schwamm zu ihrer Gegnerin zurück und begleitete sie auf den restlichen Bahnen. Das sorgte für Jubel und stehende Ovationen.
Ein Dank an die Gastgeber
Nicht weniger als 50 000 Zuschauer jubelten bei der Eröffnungsfeier am vergangenen Samstagabend im Berliner Olympiastation. „Das war ein sehr emotionaler Moment“, berichtet Aliza Barkan, die gemeinsam mit ihrem Mann aus Israel angereist ist. Beide wollen ihren Sohn Levav Barkan bei den Judo-Wettkämpfen unterstützen. Der 39-Jährige, der in einem betreuten Kibbuz lebt und trotz einer kognitiven Störung in einer Fabrik arbeitet, hat bei vergangenen Spielen schon mehrfach Silber und Gold geholt.
„Über den Sport können wir unseren Kindern zeigen, dass jeder etwas erreichen kann, wenn er sich anstrengt und kämpft“, sagt seine Mutter. Diese positiven Erfahrungen hätten ihren Sohn auch generell für das Leben geprägt. Deswegen will sich die Israelin auch bei den diesjährigen Gastgebern bedanken: „Danke Deutschland, danke Berlin für diese besonderen Spiele.“
Update: Levav Barkan hat am Donnerstag die Goldmedaille im Judo gewonnen.
Auszeit vom Krieg für eine 35-köpfige Delegation
Die ukrainische Delegation freut sich über eine kurze Auszeit vom Krieg in der Heimat. "Berlin ist ein sicherer Ort für die Athleten“, sagte Delegationsleiter Serhij Komissarenko. „Daheim ist der Krieg schrecklich.“ Die Ukraine ist in Berlin mit einer 35-köpfigen Delegation vor Ort und tritt in sieben Sportarten an.
Zwei Medaillen hatte es bereits am Dienstag gegeben: im 800-m- Lauf sowie im Schwimmen. "Unseren Athleten geht es gut. Sie würden es lieben zu gewinnen, aber das Wichtigste ist, dabei zu sein", so Komissarenko, der die Atmosphäre als "sehr freundlich" beschrieb. Allerdings sei die Vorbereitung in der Heimat schwierig gewesen.
