Nationalmannschaft
: Gegen Polen steht für die DFB-Elf viel auf dem Spiel

Kann Ilkay Gündogan für einen Schub sorgen? Bei der Kraftprobe in Warschau ist das auch mit Blick auf den Bundestrainer bitter nötig.
Von
Marco Mader, Oliver Mucha, sid
Frankfurt/Warschau
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Freudig begrüßt, aber im Abschlusstraining nicht dabei: Triple-Sieger Ilkay Gündogan mit Bundestrainer Hansi Flick.⇥

Federico Gambarini

Regelrecht aufgeschreckt wirkte Hansi Flick. Die Ansage von höchster Stelle hatte wohl auch den angeschlagenen Bundestrainer alarmiert. „Mehr Herz und mehr Leidenschaft“ forderte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Jahr vor der Heim-EM von Flick und den verunsicherten Nationalspielern. Alle ahnen: Eine Pleite im kniffligen Länderspiel bei Robert Lewandowskis Polen am Freitag (20.45 Uhr/ARD) in Warschau hätte womöglich weitreichende Folgen.

Der massiv in die Kritik geratene Flick stand am Donnerstag schon zehn Minuten vor dem Abschlusstraining am Frankfurter Campus auf dem Platz. Die rote Trillerpfeife wie gewohnt vor der Brust, gestikulierte er engagiert im Gespräch mit seinen Assistenten. Später tätschelte er Rückkehrer Robin Gosens väterlich den Bauch, genau zwei Minuten sprach er mit seiner Mannschaft, ruhig und sachlich, dann auch mit Triple-Held Ilkay Gündogan. Bei den folgenden Sprints feuerte er seine Spieler energisch an.

Flick trat die Reise an die Weichsel immerhin auch mit der Rückendeckung des Staatsoberhauptes an. Trotz der klaren Ansage: Von einer vorzeitigen Entlassung hält Steinmeier nichts, wie er beim EM-Countdown betont hatte, vielmehr sollte man sich „mit den vorhandenen Spielern und dem Trainer so aufstellen“, dass man eine erfolgreiche EM spiele. Nur wie? Flick beteuert gebetsmühlenartig, er habe einen „Plan“. Der sieht für Polen an diesem Freitag und das letzte Länderspiel der Saison am Dienstag gegen Kolumbien in Gelsenkirchen weitere Experimente vor – inklusive Dreierkette. Trotz des völlig missglückten Versuchs beim besorgniserregenden 3:3 gegen die Ukraine im 1000. Länderspiel. Erst ab September soll der volle Fokus darauf liegen, sich für die EM einzuspielen.

Nicht zuletzt wegen des Hin und Her beim Personal wachsen Zweifel am Bundestrainer. Der „Kicker“ schlug just „EURO-Alarm“ und fragte resigniert: „Wie soll das gut gehen?“ Wie der Boulevard forderte das Fachblatt, Flick müsse auf Gündogan setzen – als Kapitän anstelle des schwächelnden Joshua Kimmich.

Kann Ilkay Gündogan helfen?

Gündogan wurde nach dem dreifachen Triumph mit Manchester City am Mittwochabend mit Applaus und Jubel der Kollegen empfangen. „Hoffentlich kann ich ein bisschen positiven Schwung durch die ganzen Erfolge reinbringen, damit wir dieses Jahr als Nationalmannschaft gut abschließen können“, sagte er. Doch in Polen werden der Mittelfeldmann und der angeschlagene Timo Werner noch nicht spielen, beide fehlten im Gegensatz zu Gosens im Teamtraining. Dennoch wird Flick den ein oder anderen Wechsel vornehmen. Neuer-Vertreter Marc-Andre ter Stegen rückt ins Tor, viel wichtiger ist es aber, die löchrige Dreierreihe davor zu stabilisieren. Lewandowski, warnte Jonas Hofmann, sei schließlich „einer der weltbesten Stürmer, die wir in unserer Zeit haben. Dass er brandgefährlich ist, ist klar.“ Und der frühere Münchner würde seine alten Kumpels nur zu gerne ärgern. Es werde „viele Emotionen geben, nicht nur sportliche, sondern auch private“, sagte der Ausnahmestürmer des FC Barcelona. Doch in diesem „prestigeträchtigen“ Spiel sollten die „Emotionen beiseite geschoben werden“, ergänzte er gnadenlos.

Thilo Kehrer als Alternative

Was also tun? „Wir müssen kompromissloser verteidigen“, forderte Flick. Thilo Kehrer ist eine Alternative für die Dreierreihe, auf den Außen könnten Hofmann oder Lukas Klostermann helfen. Dass Flick erneut mit dem formschwachen Leon Goretzka als Sechser beginnen wird, ist äußerst unwahrscheinlich. Emre Can stünde für mehr Stabilität. Davor drängen Jamal Musiala und Florian Wirtz ins Team, Ukraine-Lichtblick Kai Havertz sollte neben Niclas Füllkrug stürmen. Nicht nur Steinmeier wird genau hinschauen.

Der Plan: Heim-EM mit Neuer und Müller

In Richtung Heim-EM 2024 plant Hansi offenbar weiter mit den Routiniers Manuel Neuer und Thomas Müller. Der Bundestrainer habe den beiden Profis von Bayern München „signalisiert“, sich für die Länderspiele gegen Japan und Vize-Weltmeister Frankreich am 9. und 12. September „bereitzuhalten“, berichtet „Bild“.

DFB-Kapitän Neuer, 37, hatte bei den Partien im März nach seinem Beinbruch gefehlt und ist weiter nicht dabei. Müller, 33, war in Absprache mit Flick für beide Spiele nicht berücksichtigt worden – auch, um jüngeren Spielern Raum zu geben. „Wir schätzen uns und bleiben auch weiterhin in einem guten Austausch“, meinte der Angreifer.